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Sisyphos ist sein Held

Sisyphos ist sein Held

"Es zu tun, weil man es für richtig hält." Das ist Günter Wallraffs Lebenshaltung. Im Hetzerather Bürgerhaus gab er den Zuhörern einen Einblick, was das für ihn bedeutet. Ein Höhepunkt zum Abschluss der Eifel-Kulturtage mit der Einsicht, dass es mehr kritische Öffentlichkeit braucht.

Hetzerath. Millionen haben seine Bücher gelesen. Er ist so bekannt, dass es inzwischen häufig reicht, positive Veränderungen innerhalb eines Unternehmens zu bewirken, wenn er nur mit der Öffentlichkeit droht. Die Kehrseite ist, dass seine Prominenz zur größten Gefahr für ihn geworden ist. Denn nachdem ihn seine Gegner nicht kleingekriegt haben, versuchten sie nun, ihn zu umgarnen.
Schüchterner Einzelgänger


Aufgeschlossen und einfühlsam bittet Günter Wallraff drei Schülerzeitungsredakteure aus Daun zu sich auf die Bühne und beantwortet ausführlich deren Fragen. Er spricht offen über sich als schüchternen Einzelgänger, der erst durch seine Erlebnisse als Enthüllungsjournalist selbstbewusster geworden sei. Er bezeichnet sich als chaotisch und liebesbedürftig, häufig zutiefst traurig, erstaunlicherweise auch als naiv. Eines sei er keinesfalls: ein Gutmensch. Dabei liegt die Annahme nahe. Denn Wallraff hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, "den Mächtigen kritisch gegenüberzutreten", um Position für die Schwachen zu ergreifen. Vielleicht, weil er sich denen, die nicht dazugehören, am ehesten zugehörig fühle, meint er. Seinen Helden Sisyphos im Blick beschreibt er seine Lebenshaltung: "Es zu tun, weil man es für richtig hält".
Wallraff ist parteilos und bezeichnet sich als christlich geprägten Agnostiker. Zu seinen Vorbildern gehören Gandhi und Jesus. Aber er selber sieht sich keinesfalls als Märtyrer. "Ich bin ein guter Schachspieler und beobachte die Züge meines Gegners." Das tut er für gewöhnlich in der Rolle eines anderen Menschen. Seine Rollenwechsel sind so absolut, dass er sie mit einer "neuen Geburt" vergleicht. Wallraff identifiziert sich bis in die Träume mit der Figur, die er erfindet. Und er setzt sein Leben aufs Spiel. Eine solche Episode liest er vor. In einem Obdachlosenasyl in Hannover, in dem er nachts Unterschlupf sucht, droht ein anderer Obdachloser, ihn zu töten. Wallraff kann nicht fliehen, weil die Männer über Nacht eingeschlossen werden. Aber er kann sich verstecken.
Was ihn antreibt, sich in solche Gefahren zu begeben, entspringt seinem Gefühl, sich nützlich machen zu wollen. Seit 40 Jahren erlebt Wallraff den immer wiederkehrenden Zyklus: erleben, niederschreiben, veröffentlichen, anschließend Prozesse und Kampagnen. Bisher hat er noch kein Verfahren verloren. Doch sie zehren an seinen Kräften. Vor allem die Auseinandersetzung mit der Bild-Zeitung habe ihn "Jahre gekostet", sagt er. "250 000 D-Mark Gerichts- und Anwaltskosten, Kraft und Nerven."
Sport ist Wallraffs Mittel gegen die Angst und die psychische Belastung, der er standhalten muss, wenn er immer wieder für lange Zeit auf seine Familie und Freunde verzichten muss. Er läuft Marathon und fährt Kajak.
Um mehr Journalisten die Arbeit nach seiner Methode zu ermöglichen, plant er, eine Stiftung zu gründen. Er brauche Unterstützung angesichts der Zuschriften von Opfern, die bei ihm stapelweise Missstände anprangern. Thema Nummer eins: Mobbing in Betrieben. "Ich hab noch viel vor", kündigt er an. Sein letzter Rollenwechsel wird ihn vielleicht in ein Pflegeheim führen, spekuliert der 68-Jährige.
Günter Wallraff, Jahrgang 1942, ist ausgebildeter Buchhändler, arbeitete nach der Lehre aber als Industriearbeiter. 1966 erschien sein erster Reportageband "Wir brauchen dich - Als Arbeiter in deutschen Industriebetrieben". Besonderes Aufsehen erregte Wallraff 1977 mit seinen verdeckten Recherchen innerhalb der Bild-Zeitung ("Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war."). Sein größter Erfolg gelang ihm 1985 mit der Reportage "Ganz unten", für die er zwei Jahre in der Rolle eines türkischen Arbeiters lebte. Das Buch wurde mit fünf Millionen Exemplaren zum meistverkauften Buch der Nachkriegsgeschichte. 2009 folgte "Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere". Für diese Reportagen gab sich Wallraff die Identität eines Obdachlosen, eines Callcenteragenten und eines Niedriglohnarbeiters in einer Brotfabrik. Wallraff ist in dritter Ehe verheiratet und hat fünf Töchter. sys