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Slipknot in Luxemburg: Auf die nächsten 20 Jahre, ihr Maden!

Metal-Legenden : Slipknot in der ausverkauften Rockhal: Auf die nächsten 20 Jahre, ihr Maden!

Nu-Metal der Extraklasse: Slipknot bringt eine Menge Aggression nach Luxemburg. Musikalisch präsentieren sich die Maskenmänner wie gewohnt erstklassig – mit einem kleinen, aber wichtigen Makel. Sänger Corey Taylor macht außerdem Andeutungen zur Zukunft der Band.

Die aller-aller-aller-wenigsten mögen Slipknot. Denn was die Metal-Legenden angeht, gibt es zwei Lager. Zwei Extreme. Die einen finden es affig, sich auf der Bühne so zu verkleiden. Die Musik sei sowieso nur Krach und Geschreie, sagen die. Joa, kann man so sehen.

Aber dann gibt es da auch Millionen Menschen auf der Welt, die diese Band nicht mögen, sondern lieben. Und wenn ich sage lieben, dann meine ich lieben. Die gehen zu jedem Konzert, kaufen sich für Hunderte Euro Masken. Diesen Slipknot-Jüngern (die von der Band liebevoll „Maden“ genannt werden) fährt jedes Mal ein Stich durch den Körper, wenn Frontmann Corey Taylor vom Ende der Band spricht.

Das hat er in den vergangenen Jahren öfter getan. Beispiel: „Es ist kein Geheimnis, dass jeder von uns mit Slipknot aufhören wird, wenn er Slipknot nicht mehr mit der Energie ausüben kann, die er sich für sich selbst wünscht“, (2018). Ein Horrorszenario. Am Samstagabend in der ausverkauften Luxemburger Rockhal klingt das vollkommen anders - dazu später mehr.

Denn wir leben im Hier und Jetzt. Hier und jetzt sind Slipknot ein Phänomen. Trotz Schwierigkeiten, dem Ausstieg von Bandmitgliedern, dem Tod der Tochter von Mitglied Shawn Crahan und 20 Jahren Leben am Limit, ist der Auftritt gefüllt mit Vollgas, Aggression und musikalischer Klasse.

Eröffnet wird der Abend vor 6100 Zuschauern in Luxemburg mit der Vorband Behemoth. In Sachen Aggressivität und Verkleidung stehen die Slipknot in Nichts nach – nur mit weniger melodischem Gesang. Das funktioniert, egal ob man sich warmtanzen oder nur unterhalten möchte. Und dann: AC/DC. Moment, was?! Also nein, nicht falsch verstehen, Angus Young und Co. sind nicht wirklich hier. Aber als Intro hat sich Slipknot „For Those About To Rock“ ausgewählt.

Rockhymne aus, Kinderchor-Gesang an. „Unsainted“ die erste Single des 2019er-Albums We Are Not Your Kind, eröffnet das Konzert mit Gänsehautmomenten. Wer nur zum Herumstehen und Musikhören gekommen ist, der legt dieses Verhalten spätestens beim zweiten Song „Disasterpiece“ ab und wagt sich in die Menge oder singt mit. In dieser Menge, dem Mosh-Pit, fällt atmen erfahrungsgemäß schwer, da warten Schmerzen. Faszinierend ist eines der ungeschriebenen Gesetze des Pits: Wenn jemand fällt, wird er aufgehoben. Es geht nur zusammen, denn sonst wird jemand zertrampelt.

Auch für Slipknot geht es nur zusammen mit den Fans: „Wir hatten Hochs und Tiefs, aber ihr wart immer da“, sagt Corey Taylor, „Wir werden euch das nie vergessen“. So oder so ähnlich sagt er das seit 20 Jahren – doch es klingt (und ist wohl) absolut ehrlich und kommt vom Boden seines Herzens.

Die nächsten knapp zwei Stunden sind eine Reise durch die Slipknot-Zeit: über Klassikern wie „Before I Forget“, ruhigeren Stücken wie „Vermillion“ und Dauerbrennern wie „Wait And Bleed" und „Eyeless“. Alles mit den üblichen Schlägen der Perkussionisten und des Schlagzeugers, die man aufgrund der Härte wohl auch als Herzschrittmacher verwenden könnte. Eine Menge Feuer gibt es bei „Birth Of The Cruel“, einem Song des neuen Albums, bei dem der Gitarrist auf einem Instrument spielt, das gleichzeitig ein Flammenwerfer ist. Wenn nicht die Stimmung die Rockhal aufgehitzt hätte: Spätestens hier wäre es warm geworden. Allgemein funktionieren die Songs von We Are Not Your Kind erstklassig.

Und doch fehlt ein Song, der eigentlich nicht fehlen darf. Bei „Spit It Out“ lassen die Maskenmänner normalerweise die Hölle frei, alle Fans knien sich hin und springen auf Kommando von Corey Taylor – seit Jahren eines der Highlights auf Slipknot-Konzerten. Der Song fehlt diesmal – was man durchaus als Kritikpunkt nennen muss.

Oh, das war jetzt doch sehr viel übers Konzert. Noch einmal raus aus dem Hier und Jetzt, rein in die Zukunft: „Wollt ihr 20 weitere Jahre Slipknot?“, fragt Taylor. Eher eine rhetorische Frage, die mit tosendem Applaus beantwortet wird. In 20 Jahren wäre Corey Taylor 66. Ob er das dann noch in dem Tempo macht? Zumindest fraglich.

Und mit 50 Prozent, das hat er immer wieder gesagt, funktioniere Slipknot nicht. Im Sommer 2019 sagte er aber genau so, dass es auch eine Zeit bei Slipknot ohne ihn geben könne. Irgendwie ist das auch eine komische Vorstellung. Also genießen wir Slipknot, oder wir finden es affig. In der Rockhal hat Slipknot auf jeden Fall überzeugt. Wie immer.