So aktuell, dass man erschrickt

So aktuell, dass man erschrickt

Ein Klassiker der Moderne steht ab Sonntag auf dem Spielplan des Trierer Theaters. Brechts "Leben des Galilei" liegt in der Hand zweier echter Theaterveteranen, die bereits beim "Besuch der alten Dame" oder "Des Teufels General" erfolgreich zusammengearbeitet haben.

Trier. Radionachrichten auf dem Weg zu einem Gespräch über die "Galilei"-Produktion in Trier. Religiöse Fundamentalisten sprengen wegen des Mohammed-Videos elf Menschen in die Luft. Deutscher Gehirnforscher prognostiziert massenhafte "digitale Demenz" wegen der Verbreitung von Computern.
Da braucht man nach der Aktualität von Brechts Stück nicht mehr lange zu fragen. Es geht im "Galilei" um den Konflikt zwischen Religion und Rationalität, um das Vertrauen in Wissenschaft und Fortschritt, um Zweifel, Unterdrückung, neues und altes Denken. Da hat sich erschreckend wenig geändert in dem Dreivierteljahrhundert, seit Brecht sein Werk schrieb.
"Natürlich spielen wir das Schauspiel weder als Lehrstück noch als Chronik", sagt Regisseur Horst Ruprecht. Er sucht nach dem, was Brecht für heute zu sagen hat, "ohne dass wir alles dekonstruieren müssen". Das wichtigste sei immer noch, "eine Geschichte zu erzählen".
Dass er das kann, hat Ruprecht mit fünf Trierer Produktionen seit 2005 eindrucksvoll demonstriert. Schiller, Dürrenmatt, Sophokles, Frisch, Zuckmayer: Der knorrige Altmeister hat sich den Ruf des Spezialisten für zeitgeschichtliche Themen und gesellschaftskritische Interpretationen redlich erworben.
Und fünf Mal spielte Peter Singer dabei eine tragende Rolle. Was lag da näher, als das Charakterkopf-Duo für das Drama um Mut und Feigheit des Wissenschaftlers gegenüber der Macht noch einmal gemeinsam auf die Spur zu setzen? Es wird wohl die letzte Gelegenheit sein, geht doch Singer nach der nächsten Spielzeit in Ruhestand.
Intendant Gerhard Weber hat die Produktion sogar werbewirksam als "Abschiedsvorstellung" des 63-Jährigen deklariert - was der Betroffene seither ebenso hartnäckig wie erfolglos mit dem Hinweis dementiert, dass die Rente erst im Sommer 2014 ansteht. Ganz falsch ist des Intendanten Information aber auch wieder nicht, durfte Singer sich doch Stück und Regisseur zum Ausklang seiner großen Trierer Theaterzeit wünschen - nur eben ein Jahr vorgezogen.
Skurril ist dabei, dass weder der Schauspieler noch der Regisseur in ihrer langen Karriere dem "Galilei" begegnet sind, diesem Schlüsselwerk, mit dem sich Brecht mehr als je zuvor dem klassischen Theater annäherte. Weshalb das "Konversationsstück" bei "Brechtianern" immer noch auf Skepsis stößt.
Ruprecht will das Werk nun wieder stärker zu Brecht zurückführen. Für den "Galilei" gebe es "kein Modell", erzählt der 70-Jährige, weil der Meister über der geplanten Musterinszenierung an seinem Berliner Ensemble gestorben sei. Viel Freiraum also für Regisseur und Hauptdarsteller, sich "ihr" Stück zu erarbeiten. Da hat Peter Singer auch schon mal die Theaterferien im Sommer reingehängt, um an der Charakterisierung einer komplexen Figur wie dem Entdecker des Universums zu feilen.
Die Schlussphase ist anstrengend, mussten doch einige aus den Reihen des komplett geforderten Schauspielensembles noch im "Nebenjob" bei Brot und Spiele im Amphitheater mitwirken. Jeder übernimmt diverse Rollen - für Gäste und Großaufgebote an Komparsen lässt der "Sparwahnsinn" (Ruprecht) am Trierer Theater längst keinen Spielraum mehr.
Für die musikalische Einrichtung zeichnet Angela Händel verantwortlich, deren lebendige "Mutter Courage"-Arrangements noch in bester Erinnerung sind. Für Peter Singer eine durchaus überraschende Erfahrung: "Ich wusste gar nicht, dass so viel Musik im Galilei drin ist". Bühnenbild und Kostüme hat Sabine Böing gestaltet.
Premiere am 30. September, nächste Vorstellungen: 28. September, 6., 12., 16., 20., 24., 28., 29. Oktober. Weitere Termine bis Weihnachten.