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So nahe am Geschehen wie sonst nie

Improvisation erfordert Konzentration: Reveriano Camil (vorne) und Felizia Roth bei den Proben für „Bleistiftmusik“. Foto: Cris Rupp
Improvisation erfordert Konzentration: Reveriano Camil (vorne) und Felizia Roth bei den Proben für „Bleistiftmusik“. Foto: Cris Rupp
Trier. Das hat es in Trier bislang nicht gegeben: Eine neue Kunstform, für die sich Musiker, Tänzer und Maler in einer improvisierten Live-Performance vor Publikum zusammenfinden. Das Projekt "Bleistiftmusik" feiert am Wochenende in der Europäischen Kunstakademie (EKA) Premiere. Dieter Lintz

Trier. Wie Schatten huschen die vier Tänzer durch das Atelier C 3 der Kunstakademie. Gut 150 Quadratmeter ist der hohe Raum groß, vier Metallsäulen stützen das Holzdach und formen gleichzeitig eine imaginäre Spielfläche. An deren Rand sitzend, werfen sich Cellist Jörg Sonnenschein, Perkussionist Holger Mertin und Lautenspieler Feirooz Bakhsh gegenseitig die musikalischen Bälle zu - und liefern gleichzeitig den Soundtrack für die Bewegungen der Tänzer.
Alles wirkt so cool und souverän, dass man kaum glauben mag, dass hier echt improvisiert wird. "Nur ein gewisser Rahmen ist festgelegt", versichert Choreograph Reveriano Camil, "ansonsten ist offen, was passiert". Aber die freihändige Zusammenarbeit von Tänzern und Musikern ist noch nicht das Außergewöhnliche dieser Produktion. Denn eine dritte Dimension kommt hinzu: Die Maler Barbara Veldung, Candace Whitman und Eberhard Bitter packen ihre Staffeleien und Skizzenblöcke aus und halten blitzschnell fest, was sich an Bewegung und Musik im Atelier tut.
Entstanden ist die Idee in der Zusammenarbeit zwischen Camil, Tänzer am Trierer Theater, und Wolfgang Mannebach, Dozent an der EKA. Beide bieten seit Jahren Kurse an, in denen Maler und Zeichner lernen, Tanzbewegungen in Bilder umzusetzen. Dort entstand auch der Begriff "Bleistiftmusik", als der CD-Spieler einmal ausfiel und die Tänzer zum Kratzen der Griffel auf dem Papier tanzten. Da lag es nahe, das Kursgeschehen aufzupeppen und in eine echte Live-Performance zu verwandeln. Denn bei den Aufführungen am Samstag und Sonntag sollen jeweils bis zu 150 Zuschauer die 3D-Action zwischen Musikern, Tänzern und Malern erleben.
Tufa-Tanzverein als Organisator


Der organisatorische Aufwand ist enorm - zum Glück ist der Tufa-Tanz e.V. eingestiegen und komplettiert damit die Runde beteiligter Trierer Kultureinrichtungen. 16 Proben hat man angesetzt, um sich auf die gemeinsame Arbeit einzuswingen - und doch weiß keiner genau, was live wirklich abgeht. "So habe ich noch nie gearbeitet", sagt Jörg Sonnenschein, sonst Solo-Cellist bei den städtischen Philharmonikern. Der Spaß an der Ausweitung des eigenen Horizonts ist ihm anzusehen.
Ein "pulsierendes, fließendes Gewebe aus Tönen, Ansichten und Eindrücken" ist das, was dem Erfinder-Duo vorschwebt. Da lastet ein hoher Anspruch auf dem Tänzer-Quartett, dem neben Reveriano Camil die Profis Felizia Roth und Josef Czaba Hajzer sowie die 18-jährige Riana Schüssler angehören, die in den integrativen Gruppen des Tufa Tanz e.V. groß geworden ist.
Jeder hat seinen eigenen Stil: Hajzer torkelt, taumelt, stürzt durch den Raum, Camil erobert, fast einem Liebesakt gleich, eine Säule, Roth zelebriert ein klassisch-elegantes Bewegungsrepertoire. Alles hat mit Leidenschaft zu tun, und mit Nähe. Man hört die Tänzer atmen, sieht die Schweißperlen auf ihrer Haut entstehen, leidet mit dem Knacken ihrer Gelenke. Auf einer Bühne ist diese Unmittelbarkeit für den Zuschauer nie erreichbar.
Kann es den Malern gelingen, all das innerhalb weniger Minuten auf Papier zu bannen? Wo sie doch sonst ihre Modelle zur höchstmöglichen Regungslosigkeit verdonnern? "Da werden Sie sich wundern", prophezeit Akademie-Chefin Gabriele Lohberg. Vorstellungen am 4. Juni (20 Uhr) und 5. Juni (19.30 Uhr) in der Europäischen Kunstakademie. Weitere Infos: www.tufa-tanz.de.Tickets in den TV-Servicecentern Trier, Wittlich, Bitburg und an der Abendkasse. Es ist möglich, einen limitierten, handsignierten Sonderdruck einer Live-Zeichnung zu erwerben. Anfragen an: bleistiftmusik@gmail.com.