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So war Rock am Ring 2022 mit Placebo, Muse und Scooter

Rock am Ring : Was neu ist – und was immer bleibt

Mehr als 90.000 Fans haben am Wochenende bei Rock am Ring in der Eifel gefeiert – so viele wie nie zuvor am Nürburgring. Warum Bargeld ausgedient hat, wieso das Premierenjahr 1985 musikalisch ganz aktuell ist und was die Ringrocker der Vergangenheit und Gegenwart verbindet. Und, nein! Es sind nicht nur das Saufen und die Rockmusik.

Für einen kurzen Moment leuchten diese ganzen verdammten Jahrzehnte mal alle gleichzeitig auf. Von den 1980ern bis zu den 2020ern. Fast so, als wäre die Zeit ein Freund, kein Dieb. Das liegt nicht am Bier, die Erkenntnis rummst auch nicht dumpf mit der Nostalgie-Keule ins Heute.

Vor der Hauptbühne bei Rock am Ring am Samstagabend: Die Londoner Alternative-Rockband Placebo beendet ihren gefeierten Auftritt mit einer Coverversion des 80er-Klassikers  „Running Up That Hill“. Es dämmert, ein perfekter Vorsommertag geht langsam zu Ende. Placebo, das steht für 90er-Hedonismus. Für Sex, Drogen und Sinnsuche. Und fürs Jetzt.

Das Stück über den imaginären Rollentausch mit Gott gehört bei Brian Molko und Stefan Olsdal seit Jahren zu den Live-Standards, sie spielten es auch schon 2006 an gleicher Stelle. Was diesmal anders ist: „Running Up That Hill“ ist aktuell der so ziemlich beliebteste Song der Welt, er führte die Streaming-Charts an. Kate Bush ist nun auch jungen Menschen ein Begriff, verdienterweise – das mag Menschen ohne Netflix-Abo irritieren: Es liegt daran, dass der Hit von 1985 eine wichtige Szene in der kürzlich angelaufenen vierten Staffel der in den 80ern spielenden Erfolgsserie „Stranger Things“ untermalt. So dürften auch nicht wenige der 90.000 Festivalbesucherinnen und -besucher Optik und Sound der 80er präsent haben – auch wenn die meisten von ihnen das Jahrzehnt nur von alten und neuen Serien oder vom Hörensagen kennen.

1985 – das war das Jahr, an dem Rock am Ring erstmals in der Eifel über die Bühne ging. Damals mit 75.000 Zuschauern und Auftritten von U2, Joe Cocker oder Westernhagen. Im gleichen Jahr kam auch „Zurück in die Zukunft“ in die Kinos.

37 Jahre später hat sich vieles verändert – und einiges blieb gleich. So spielte auch direkt zum Festival-Auftakt am Freitag eine Band, die auch schon in den kompletten 80ern unterwegs war. Die Toten Hosen kamen als Überraschungsgäste beim Auftritt der Donots auf die Bühne. Wenig Fluktuation gibt es seit vielen Jahren bei den Headlinern des Festivals, am Besten nichts Neues – in diesem Jahr führten Green Day, Placebo (sie spielten schon 1996 am Ring), Muse und Volbeat das Programm an. Alles Rockbands, die seit mindestens 20 Jahren auf den Bühnen stehen. Bei weiteren potenziellen Ring-Headlinern, die diesmal nicht im Programm stehen, wie den Ärzten, den Hosen, Metallica, Red Hot Chili Peppers oder Iron Maiden, reicht die Bandhistorie noch viel weiter zurück. Alle werden älter, nur beim Publikum ist das kein erkennbarer Trend – Rock am Ring erreicht weiterhin vor allem ein jüngeres Publikum. Ansonsten hätte das Festival auch ein Zukunfts-Problem.

Rock am Ring ist schon seit Jahrzehnten mehr als nur „Rock am Ring“, auch wenn sich Alles-Kommentierer auf Facebook heute noch aufregen können, wenn auf dem Festival etwa ein Dance-Act wie Scooter auftritt, Techno-DJs wie Boys Noize oder Rapper wie Alligatoah und Rin. Für viele Festivalfans ist der wilde Musikmix längst Standard – und Rock am Ring war immer ein Mainstream-Festival, für die breite und nicht so breite Masse. Durchaus brachialere Bands gehören auch dazu.

Musikerinnen sind auf den drei Bühnen weiterhin die Ausnahme – das betrifft längst nicht nur Rock am Ring. Die Veranstalter geloben Besserung, wie sie nach dem Auftritt der Punkrockerinnen von The Linda Lindas mitteilten: „Bei aller Liebe für alte Helden, wir brauchen mehr Künstlerinnen wie diese vier jungen Menschen auf den Bühnen. Das müssen und werden wir uns auf die Fahnen schreiben.“ Es ist das erste Mal, dass das Festival ohne Gründer Marek Lieberberg über die Bühnen geht. Veranstalter sind inzwischen eventimpresents und DreamHaus – und die Tatsache, dass das kaum auffällt, dürfen die Macher durchaus als Erfolg sehen. Auch von der Polizei gab‘s Lob für die 90.000 Besucher – Rekordkulisse bei Rock am Ring am Nürburgring: „Die Leute sind gut drauf, aber sie machen uns wenig Arbeit.“ Auch in der Vergangenheit war Rock am Ring oft ausverkauft, die Kapazität war aber nie so hoch wie in diesem Jahr, das auch wettertechnisch für die Ring-Verhältnisse durchaus ordentlich war: Nur am Sonntag regnete es. Kein Frost, kein Unwetter, keine Unterbrechung wegen einer möglichen Terrorwarnung wie im Jahr 2017: Das fühlte sich nach zwei Jahren pandemiebedingter Zwangspause fast wie Wellness an. Coronavirus, Ukraine-Krieg, Klimawandel – die großen Themen sind für ein paar Tage raus aus vielen Köpfen.

Wer Rock am Ring nach noch längerer Pause erlebt hat, dürfte überrascht sein: Zwar gehören Alkohol und Ausnahmezustand bei den Fans weiterhin zum Kerngeschäft – aber die Zeiten, in denen Fans ihren Sperrmüll auf den Campingplätzen abfackelten oder es nur im Slalom vorbei an Schnapsleichen ging, sind lange vorbei.

 Placebo-Frontmann Brian Molko beim Auftritt auf der Hauptbühne bei Rock am Ring.
Placebo-Frontmann Brian Molko beim Auftritt auf der Hauptbühne bei Rock am Ring. Foto: dpa/Thomas Frey

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen sich Bargeld etwa gegen Bier oder Pizza eintauschen ließ. Bezahlt wird auf dem Gelände seit diesem Jahr ausschließlich mit einem Chip am Festivalbändchen, der vorher aufgeladen werden muss. So weiß man zwar auch noch am Tag danach, was man alles getrunken hat – aber es ging in der Vergangenheit auch gut ohne dieses Detailwissen. Vergessen ließ sich in den 80ern und 90ern einfach besser.