So war's bei The Sisters of Mercy im Atelier Luxemburg.

Konzert in Luxemburg : Früher war mehr Nebel

Konzert in Luxemburg: Warum The Sisters of Mercy im ausverkauften Atelier besser sind als befürchtet.

Nie beeinflussen lassen. Keine Kritiken von den vorherigen Auftritten lesen. Nicht vorab checken, welches Programm die Band am Abend spielen wird. Informiert sein: klar, aber nicht zu sehr, dass es die eigene Meinung deformiert. Überraschen lassen, unabhängig sein. Das ist ein guter Ansatz, wenn man über Konzerte schreiben will. Aber da Journalisten im Normalfall neugierig sind, grätscht Google schnell mal dazwischen. Etwa vor dem Auftritt von The Sisters of Mercy im Luxemburger „Atelier“, der ausverkauft ist – so wie schon alle vorherigen Konzerte der Band in Deutschland. Viele Rezensionen aus Köln, Hamburg, Stuttgart, Berlin lesen sich ähnlich: Da steht nicht nur zwischen den Zeilen, dass Chef-Schwester Andrew Eldritch – die einzige Konstante der düsteren 80er-Größen aus Leeds – eher schwach bei Stimme ist, lustlos das Programm abspult, wenn er hinter der Kunstnebelwand überhaupt zu sehen ist. Das triggerte die staubigen Ecken des Langzeitgedächtnisses: Moment, war das nicht schon so ähnlich, als man die Sisters vor acht Jahren in der Rockhal gesehen hatte? Blick ins Archiv: „Schwestern im Nebel“ hieß der Artikel damals. Wirklich barmherzig fiel er nicht aus.

Das Gute an schlechten Vorzeichen: Wer die Erwartungen runterschraubt, kann höchstens noch positiv überrascht werden. Das gilt auch für den Auftritt in Luxemburg.

Die kompakte 80-Minuten-Show fängt gleich mit „More“ an, einem der Hits der Band, die gefühlt mehr Best-of-Alben veröffentlicht hat als „echte“ Studioalben. Der Sound? Okay. Dr. Avalanche, der legendäre Drumcomputer der Band, klingt im Atelier nicht so dünn wie von anderen Konzerten berichtet wurde. Seine beiden Gitarristen, Ben Christo und Chris Catalyst, sparen nicht mit breitbeinigen Metalposen. Das kann man albern finden – aber die riffbasierten Rockgitarren sind auch ein Markenzeichen der Band, die ihr letztes reguläres Album herausgebracht hat, als Ben Christo gerade mal neun Jahre alt war – und der 2006 zu den Sisters gestoßene Brite wird nächstes Jahr immerhin schon 40. Und was macht Eldritch? Gelangweilt auf der Bühne rumhängen und vor dem geistigen Auge die Scheine zählen? Das mag jeder Zuschauer anders bewerten. Im „Atelier“ ist er jedenfalls für seine Verhältnisse regelrecht gut drauf, die Stimme ist okay – mal umarmt er Ben Christo, mal glaubt man fast, dass er die Mundwinkel ein paar Millimeter in Richtung eines Fast-Lächelns hebt. Ein Quell der Heiterkeit wird er auf der Bühne sicher nicht mehr, das würden ihm die treuen Fans auch eher verübeln – die Mehrheit im Publikum kennt die Hits wie „Temple of Love“ (wurde 1992 mit Ofra Haza zum großen Hit) oder „This Corrosion“ noch aus der Kindheit oder Jugend. Beide Songs gibt’s im starken Zugabenblock zu hören. Zuvor spielte die Band auch neue Stücke wie „Better Reptile“ oder „Kickline“. Ob die jemals auf einem neuen Studio-Album verewigt werden? Es wäre das erste reguläre Album seit  „Vision Thing“ von 1990. Ungewiss.

Sisters of Mercy beim Auftritt im Luxemburger Atelier. Foto: Andreas Feichtner. Foto: TV/Andreas Feichtner

Dass Eldritch und seine Mitschwestern irgendwann wiederkommen werden, davon ist aber auszugehen. Es läuft ja, auch wenn das Live-Image über die Jahre gelitten hat (was längst nicht nur an Musikjournalisten liegt, auch manche Fans haben sie verloren). Und eins kann man festhalten: Besser als befürchtet war die Show allemal. Und das ist doch gar nicht schlecht.

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