"Sobald der Zug anrollt, ist es gut"

"Sobald der Zug anrollt, ist es gut"

Komponist und Pianist Thomas Bracht sieht sich als musikalischer Reiseleiter seiner Band, weiß aber selbst nicht immer ganz genau, wo es hingeht. Er lässt auch mal die Würfel entscheiden und erklärt, was das mit Jazz zu tun hat.

Trier/Traben-Trarbach Der Jazzpianist und Komponist Thomas Bracht, der in Traben-Trarbach lebt, tritt mit seiner Band, unterstützt von Echo-Preisträger Nils Wogram und Sven Decker, beim Regionalabend des Festivals "Jazz im Brunnenhof" auf. Bereits für das Album "unterwegs" hat er mit dem Posaunisten Wogram, der als einer der Großen der europäischen Jazzszene gilt, zusammengearbeitet. Im TV-Interview spricht Thomas Bracht über die Besonderheiten seines Projekts und lädt zur Neugier auf die Sprache des Jazz ein, die weniger kompliziert ist und vor allem mehr Spaß macht, wenn man eines tut: Konzerte besuchen. Die Fragen stellte TV-Redakteurin Sonja Sünnen.Jazz: Es gibt Leute, wenn die nur das Wort hören, ist es schon zu viel …Thomas Bracht Ja. Vielleicht zu viel Information. Das kann an Hörgewohnheiten liegen. Jemand, der klassische Musik hört, muss ja auch mit viel Information klarkommen. Ich sage deshalb auch gerne was zu den Stücken, um dem Publikum ein bisschen was an die Hand zu geben, damit es mit uns auf die Reise geht. Das hilft. Es gibt natürlich auch Jazz, da kann man einfach mit dem Kopf zu wackeln und lässt sich wegtragen. Aber es macht gerade den Reiz von Jazz aus, dass man das Phänomen hat, dass verschiedene Musiker jeder auf seine eigene Art mit einem Thema, Motiv etwas anfangen. Diese Interpretationen bringen vielen den Hörgenuss und uns den Szenenapplaus, wenn jemand besonders schön über eine Form gespielt hat. Denn spannend ist: Was macht der Solist mit dem Thema?Um das zu hören, zu erfahren, kann man dann ja nur raten: Geht mehr auf Konzerte?Bracht Ja! Und viel anschauen. Es ist ja immer anders. Man kann einen Moment erleben, wie man ihn nie mehr erleben wird. Das Solo wird nie mehr so sein, denn es wird natürlich improvisiert, und man ist dabei. Und das Naheliegende: Es ist beim Konzert ja auch das Visuelle, was dazu kommt. Dass man das Publikum sieht, das wirkt sich aufs Spiel aus. Und für das Publikum kann es spannend sein, wenn keine Information über Text, also Gesang, übertragen wird, beim rein Instrumentalen die Musiker zu erleben und nicht nur zu hören. Die Musik dieser Band ist ja sehr grooveorientiert, kein freier Jazz, wo der Takt bewusst ausgespart wird. Ich bin zufrieden, wenn die Leute diesen Groove spüren, den Spaß auf der Bühne mitbekommen.Ja, denn einfach nur hören kann man ja auch Aufzeichnungen.Bracht Ich glaube, dass heutzutage der Tonträger an Bedeutung verloren hat. Musikdateien sind ja inflationär geworden. Das führt bei jungen Leuten vielleicht zum Bewusstsein, dass es wertlos ist. Der einzelne Song verliert. Deshalb werden Livekonzerte wichtiger. Auch für die Künstler. Und auch die ganz Großen müssen durch die Arenen ziehen, die müssen ja verdienen.Ihr spielt jetzt in Trier. Echo-Preisträger Nils Wogram ist an der Posaune mit dabei. Was schätzt Du an seinem Stil?Bracht Er hat ja schon auf der CD mitgespielt, am Prozess, wie die Musik dann im Studio wächst, daran ist er beteiligt. Ich mag seinen Stil sehr. Eine gelungene Mischung aus progressiv-modernem Jazz und Tradition. Und Bläser geben der Band eine neue Klangfarbe. Es wird einfach bunter. Im Quartett spiele ich 80 Prozent der Soli. Das ist so anders. Leider ist es nicht immer möglich, in großer Besetzung aufzutreten. Und generell: Mein großer Antrieb, wenn ich komponiere, ist: Die Musiker sollen Spaß haben. Deshalb ist es wichtig, dass man sich gut versteht. Dann wird die Musik noch einen Funken besser, wenn die Chemie stimmt. Und das ist auch Nils Wogram wichtig. Er tickt ähnlich.Du hast dich ja entschlossen, nicht mehr Sideman zu sein und andere Musiker zu begleiten, sondern ein eigenes Projekt durchzuziehen. Der Titel "unterwegs" klingt nach Bewegung, einer Reise, in der viele Eindrücke vorbeiziehen, vielleicht Neugier.Bracht Ja, über das Titelstück hat mal jemand gesagt, dass sich das Unterwegssein musikalisch durch viel Tempo- und Stimmungswechsel ausdrückt. Es gibt zwar das große Thema, aber es wird dauernd irgendwo verändert. Und der große Unterschied ist: Als Sideman, da steigt man ein, weil man Geld verdienen muss, manchmal bei Leuten, mit denen man kein Bier trinken gehen würde. Dabei ist mir persönlich wichtig, dass man sich gut versteht. Wie offensichtlich mit der Band. Aber es ist ja Dein Projekt. Wie viel gibst Du denn als Komponist zum musikalischen Unterwegssein vor? Die Strecke, die Straße, die Ziele, um im Bild der Reise zu bleiben?Bracht Ich bin mit den Musikern unterwegs, habe aber den Reiseplan vorgelegt, die Karten gekauft, Gepäck verstaut.Und wie ist der Herr Bracht so als Reiseleiter?Bracht Der Reiseleiter ist auf jeden Fall aufgeregt, ob alles gut geht. Eine Reise hat ja viele Momente, die schwer einzuschätzen sind. Im Konzert ist das ähnlich. Aber sobald der Zug anrollt, die ersten Takte gespielt sind, ist es gut.Bei Reisen geht's ja auch um Entdecken, Neugier. Ist das schwerer im Alter?Bracht Ich glaube, dass man eher als junger Mensch mit Scheuklappen durch die Gegend rennt, und man hat nicht so viel Input. Ich bin 47 und hatte viel Zeit, Sachen aufzusaugen. Ich war als junger Mensch viel radikaler, was einem ein bisschen auch die Türen versperrt.Ein Stück heißt "Son of a dice". Was hat das mit dem Würfel auf sich?Bracht Ich habe mich mit John Cage beschäftigt, der hat sich für eine Art Zufallsprinzip im Zusammenhang mit der I-Ging-Philosopie interessiert. Er hatte als Komponist ein System, Meldodien und Motive per Zufallsprinzip zu verwenden. Ich habe das ausprobiert und wirklich gewürfelt und fand spannend, was da manchmal rausgekommen ist. Manchmal waren es Sachen, die ich gut gefunden habe. Wenn ich zwei Sachen hatte und nicht wusste, wie soll es jetzt weitergehen, habe ich den Würfel entscheiden lassen.Das ist ja ein ziemlich spielerischer Umgang mit Jazz. Und gespielt wird ja in Trier auf jeden Fall Jazz. Eine Empfehlung an Menschen, die vielleicht noch nie auf einem Jazzkonzert waren und nun neugierig sind?Bracht Hingehen. Es ist wie wenn man eine neue Sprache lernt. Vielleicht mag man den Sound, irgendwann versteht man, was jemand sagt, dann ist man drin.Sonja Sünnen Interview Thomas BrachtExtra: DAS KONZERT

Die Thomas Bracht Band um den Namensgeber (Keyboards) mit Konrad Matheus (Schlagzeug), Tobias Fritzen (Bass) und Fred Noll (Percussion, Euphonium) spielt mit Nils Wogram (Posaune, Echo-Preisträger 2016) und Sven Decker (Bassklarinette/Klarinette/Tenorsaxofon) auf dem Festival Jazz im Brunnenhof am 17. August, 20 Uhr, in Trier auf. Vor der Thomas Bracht Band spielt das Robbi Nakayama Trio. Jazz im Brunnenhof ist eine Veranstaltung der Stadt Trier in Kooperation mit der Trier Tourismus und Marketing GmbH sowie dem Jazz-Club Trier. Der Eintritt kostet 18 Euro, ermäßigt zehn Euro. Zum Konzert gibt es ein Crowdfunding-Projekt, das einen Livemitschnitt finanzieren soll. Weitere Informationen dazu im Internet: <%LINK auto="true" href="http://www.startnext.com/thomasbracht" text="www.startnext.com/thomasbracht" class="more"%> Karten gibt es im TV-Service-Center Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/tickets" text="www.volksfreund.de/tickets" class="more"%>

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