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Soziologie-Professor Michael Jäckel (Uni Trier) über Social Distancing

Gastbeitrag : Ein Fest im Nest

Derzeit rücken die Menschen auseinander, überall. Wie sich Social Distancing manifestiert und wie Trends sich darin verändern, beleuchtet Soziologie-Professor Michael Jäckel, seit 2011 Präsident der Universität Trier, in seinem Gastbeitrag zu Ostern.

Ostern ist als Fest sehr geeignet, die aktuelle Gefühlslage zu charakterisieren. Es steht für Ende und Anfang, für Leiden und Erlösung. Es beschreibt eine echte Schicksalsphase. Das zufällige Zusammentreffen mit einer Pandemie gibt Ostern in diesem Jahr etwas Außergewöhnliches. Es wird zwar ein privates Fest, ein Fest im Nest, und die Nest-Metapher gilt gleichsam doppelt. Vieles fehlt: der Besuch von religiösen Feierlichkeiten, das Osteressen im Restaurant, das Osterfeuer – alles draußen, aber doch in einer eher hermetischen Gemeinschaft, ein Nebeneinander kleiner Gruppen, die sich in ihrer Abgeschlossenheit beobachten (lassen) und dennoch ein gemeinsames Gefühl zelebrieren. Das Fest im Privaten ist nicht immer ein Familienfest, mehr oder weniger unvollständig, bestimmte Besuche sind ganz untersagt. Die Gemeinschaft der Heiligen ist telepräsent, die da draußen, die eigentlich ja auch nicht draußen sind, werden über Kleinbildschirme in die eigenen vier Wände eingeladen. Verbundenheit auf Distanz nannte man einmal frühe Formen der Identifikation mit Figuren im Fernsehen. Jetzt bekommt das moderne „Living apart together“ Konkurrenz. Denn eigentlich war es für eine Lebensform reserviert, die räumliche Unabhängigkeit mit enger persönlicher Beziehung verband.

Für die Trendforschung gab es im Umfeld der Jahrtausendwende zwei große Entdeckungen. Cocooning stand für das Zurückziehen in die gute Stube, Clanning für die Sehnsucht nach Gleichgesinnten. Beides muss nun an Ostern unter anderen Vorzeichen vereint werden. Verzicht wird daher mit dosierten Abweichungen von Bescheidenheit kombiniert. Das Marketing klingt fast alttestamentarisch: „Es gibt eine Zeit für Werbung.“ Und Zeiten, in denen sie entbehrlich ist. Spendenbereitschaft steht aktuell im Vordergrund.

Social Distancing – das Wort sorgte für viele Formen des Auseinanderrückens: Bei einem Automobilhersteller nahmen die Abstände zwischen den Kreisen seines Logos zu, bei einem anderen schoben sich die für die Marke charakteristischen Konsonanten auseinander. Dort, wo die Berechenbarkeit der Produkterstellung im Fast-Food-Bereich besonders zelebriert wird, wurde das Prinzip des Schlangestehens im Markennamen vorgelebt, bei einem weltbekannten Softdrink gehen die Buchstaben auf Abstand. „Sie fahren mit Abstand am besten“ galt vor vielen Jahren als gelungener Slogan der Deutschen Verkehrswacht. Jetzt rühmt sich ein Bier damit, dass es „Mit Abstand das Beste“ sei. Der Mut zur Lücke steht im alltäglichen Gebrauch für die Aufforderung, nicht alles zu perfekt zu machen. Nunmehr gilt: Je perfekter die Lücke, desto besser ist das Ergebnis. Dafür plädierte auch auf sympathische Weise die neuseeländische Premierministerin. Sie nahm den vielbeschäftigten Osterhasen in Schutz, erklärte ihn als „systemrelevant“ und bat um die Wiederbelebung des Subsidiaritätsprinzips: Nachbarschaftshilfe.

Improvisation ist also gefragt. Die Aussicht auf bessere Zeiten gibt dem Fest einen besonderen Impuls. Die Fastenaktion der Evangelischen Kirche wird jetzt einfach verlängert: Sieben Wochen ohne Pessimismus, so das diesjährige Motto, geht einfach in die Verlängerung und „Zuversicht“ wird das Osterwort des Jahres. „Zuversicht“ schenkt dieses Jahr „Gutschein“. Reagieren musste auch eine Branche, die beispielsweise mit dem Werbeslogan „Gemeinsam ist Ostern einfach besser“ begann und sich dann für „Im Herzen zart. #Im Herzen zusammen“ entschied. Der Ostergruß kommt einstweilen noch häufiger durch die Datenleitung, emotional angereichert und durch noch mehr Chancen auf Daten „versüßt“: Streaming-Dienste, Online-Guthaben, elektronisches „Tauschzeug“.

In Goethes „Osterspaziergang“ kommen die Menschen aus „der Strassen quetschender Enge“ alle ans Licht, nachdem sie die Auferstehung des Herrn gefeiert haben. Auch „ein buntes Gewimmel“ wird da beschrieben. Die Staus auf den Straßen bleiben in diesem Jahr wohl doppelt aus. Dafür dürften Goethes Zeilen an einer Stelle etwas anders ausfallen: „Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge durch die Kanäle und Knoten vernetzt.“ Zeit mag dennoch knapp werden, weil es vielleicht weder an Ideen noch an virtuellen Anlässen mangelt.