Späte Ehrenrettung

Thujon heißt der angebliche Bösewicht im Absinth, der van Gogh sogar ein Ohr gekostet haben soll. Im UN-Jahr der Chemie nimmt der Deutschlandfunk in Kooperation mit dem Volksfreund einige Moleküle genau unter die Lupe - in dieser Woche das Geheimnis der "Grünen Fee".

Es ist einer der berühmtesten Fälle körperlicher Selbstverstümmelung. Kurz vor Weihnachten 1888 schneidet sich Vincent van Gogh in seinem Haus in Arles das rechte Ohr ab. Schnell kommen Spekulationen auf. Den niederländischen Maler könnte ein einzelnes Molekül um den Verstand gebracht haben. Wie viele andere Künstler seiner Zeit frönt van Gogh dem Absinth, einem Bitterlikör und Kultgetränk. Er soll Sinne und Bewusstsein erweitern. Doch die "Grüne Fee", wie das Gesöff auch genannt wird, enthält Thujon, eine Substanz aus dem ätherischen Öl des Wermutstrauches. Sie duftet trügerisch nach Menthol, ruft aber Nervenschäden hervor. Im Absinth-Rausch, vergiftet mit dem Naturstoff, könnte van Gogh das Unerklärliche getan haben.

Der Wermutlikör wird später verboten. Es heißt, er führe zu Depressionen und epileptischen Anfällen. Ärzte beschreiben den "Absinthismus" als neues Krankheitsbild. Und Thujon? Trägt für Jahrzehnte das Stigma eines Risikostoffes.

Nur: Inzwischen ist der Mythos vom schrecklichen Likörgift entzaubert, und Naturstoff-Analytiker denken anders über das Biomolekül. "Nach unseren Untersuchungen würde ich sagen, dass der Absinthismus nicht von Thujon hat kommen können", urteilt etwa Dirk Lachenmeier, Leiter des Alkohol-Labors im Chemischen Untersuchungsamt Karlsruhe.

Die Arbeitsgruppe des Lebensmittelchemikers beschaffte sich historische Absinth-Rezepturen und brannte den geheimnisumwitterten Bitterlikör einfach selbst. Das Ergebnis: Nie ließ sich ein Absinth nachkochen, der das toxische Thujon in Konzentrationen aufwies, die man nach heutigem Wissen für gesundheitsschädlich halten müsste. Andere Forscher kamen zu ähnlichen Befunden wie die Karlsruher.

"Das Plausibelste ist, dass es allein der Alkohol war", folgert Lachenmeier. Absinth enthalte typischerweise um die 70 Volumenprozent, also eine ganze Menge. Und, so der Laborchef: "Die Symptome, die für den Absinthismus beschrieben wurden, decken sich auch weitgehend mit denen des Alkoholismus." So kann es einem Molekül ergehen: erst geächtet, dann rehabilitiert mit Hilfe der modernen Naturstoffchemie.

Heute wird Absinth wieder kräftig als Kultgetränk vermarktet. Das giftige Thujon darf der Bitterlikör zwar vorsichtshalber nur in Spuren enthalten. Doch hochprozentig ist er noch immer. Also bleibt es dabei: Vorsicht vor den Verführungskünsten der Grünen Fee!

Dieser Beitrag läuft am 2. Februar im Deutschlandfunk im Rahmen der Reihe "M3 - Mraseks Molekül-Mosaik", immer mittwochs um 16.35 Uhr, in der Sendung "Forschung aktuell". In der Region empfangen Sie den Deutschlandfunk auf UKW 95,4 und 104,6. Weitere Informationen im Netz unter www.dradio.de/jahrderchemie

Extra

Die nächsten Themen: 9. Februar: "Magische Säure", ein superstarkes Gemisch aus zwei fluorhaltigen Verbindungen, das Wachskerzen einfach wegzaubert und die Karriere eines späteren Nobelpreisträgers mitbegründete. 16. Februar: FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe), einst massenhaft genutzte Treib-, Isolier- und Aufschäummittel und ein Beispiel dafür, wie man sich in angeblich ungefährlichen Industriechemikalien täuschen kann. 23. Februar: Draculin, ein Protein im Speichel der Vampirfledermaus, das verhindert, dass das Blut des Opfers beim Saugen gerinnt. Außerdem sind geplant: Acetylsalycilsäure, Nylon, Strychnin, Teflon, Glutamat, Viagra und Nikotin.