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Spielzeiteröffnung im Theater Trier mit "Marlene"

Theater : Marlene, die dritte (Spielstätte)

Im Theater Trier beginnt – wenn auch mit angezogener Handbremse – die neue Spielzeit.

„Wir freuen uns, Sie wieder im Theater Trier begrüßen zu dürfen“, verkündet am Eingang eine mannshohe Tafel den Besuchern, die am ersten Tag der neuen Spielzeit ins Foyer strömen. Nun ja, strömen ist vielleicht ein bisschen übertrieben; tröpfeln trifft es eher, denn mehr als 150 dürfen ohnehin nicht ins Haus, und so viel Luft zwischen ihnen war nie. Abstand ist auch hier das Gebot der Stunde, und alle halten sich daran – vor der Kasse, vor dem Eingang, vor der Bar. Auch dort kann man nicht einfach sein Getränk bestellen; nach einem kritischen Blick auf das Ticket wird man möglicherweise zum Kollegen nebenan geschickt, je nach Vermerk auf der Eintrittskarte, denn die bestimmt, an welchem Tisch man Platz nehmen muss.

Die neue Spielzeit hat begonnen, aber sie beginnt wie keine andere Spielzeit jemals zuvor. Kein quirliges Theaterfest, keine hochgestimmte Eröffnungsfeier, keine Begrüßungen oder Ansprachen. Im Foyer, wo sonst munteres Gedränge herrscht, rege Gespräche auf engstem Raum geführt werden, eifrig diskutiert wird, herrscht vor allem – Raum. Viel Raum. Man hat den Eindruck, auf einer Party zu sein, zu der die meisten Gäste nicht erschienen sind. So viel Platz war nie im Theater, vor allem nicht während der letzten Monate der (damals noch) normalen Spielzeit.

Aber wenigstens die rund 150 Anwesenden sind voller Vorfreude, geht die Show, nach monatelanger Pause, doch endlich weiter. Ein umfangreiches Programmheft verheißt voller Optimismus eine ganz normale Spielzeit mit einem üppigen Strauß Rosen auf dem Titelblatt und einem ebenso üppigen Bouquet an Produktionen. Doch nichts ist bekanntlich normal in diesen Zeiten, jedenfalls bis Dezember – vorerst, wie der stellvertretende Schauspieldirektor Philipp Matthias Müller im Gespräch mit dem TV erzählt, der – wie alle anderen Beteiligten – froh ist, dass es überhaupt weitergeht.

Und weiter geht es mit einer alten Bekannten, die an so vielen Trierer Spielstätten aufgetreten ist, wie es keine andere Inszenierung zuvor geschafft hat: „Marlene“ alias Stephanie Theiß. Angefangen hat sie in der Europäischen Kunstakademie, nach der Corona-Zwangspause einen kurzen Abstecher im Brunnenhof gemacht, und jetzt ist sie, sozusagen, zu Hause angekommen: im Großen Haus. Auch hier viel Raum zwischen den Plätzen; nur die gelb markierten dürfen besetzt werden.

Wer „Marlene“ auf den anderen Bühnen gesehen hat, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier tatsächlich der beste Ort für dieses im Grunde Ein-Personen-Drama ist. „Marlene, ein Kammerspiel für eine kleine Bühne, funktioniert auch in frischer Luft ganz gut“, schrieben wir in der Kritik zur Brunnenhof-Version. Aber im Schutz des geschlossenen Raumes, im Rampenlicht vor einem dunklen Auditorium, scheint Stephanie Theiß sich am wohlsten zu fühlen. Souverän und königlich bespielt sie die große Bühne, die einer Diva wie Marlene Dietrich nun mal angemessen ist. Herrisch, zickig, anmaßend, mit Spurenelementen von Empathie und Fürsorglichkeit, aber auch Selbstironie legt Theiß unter der Regie von Andreas von Studnitz nach und nach die wahre Marlene frei: eine einsame, alternde, mitunter sich Selbstmitleid erlaubende Künstlerin, die im Herbst ihres Lebens dem Frühjahr nachtrauert. Liegt‘s an der Umgebung, dass man Theiß‘ Marlene bisher nicht so konturenscharf wahrgenommen hat? Am schwarzen Hintergrund, vor dem sie besonders leuchten kann – vor allem im zweiten Teil, dem „Konzertauftritt“? Am Schutz des geschlossenen Raumes, der einfach eine bessere Konzentration ermöglicht? Marsha Zimmermanns Vivian, Garderobiere, Bierbeschafferin, Prellbock, Freundin und Mädchen für alles, muss sich zwar weiterhin mit der Rolle als Stichwortgeberin begnügen, aber auch sie hat an Kontur gewonnen – auch wenn sie sich weiterhin herumkommandieren lassen muss wie auf einem Kasernenhof (was Marlene mit ihrer Herkunft als Offizierstochter nur halb ernst gemeint entschuldigt). Nach wie vor zuverlässige Begleiter sind Angela Händel (Klavier) und Peter Kasper (Kontrabass).

Mindestens zehn Vorhänge für die Akteure (obwohl weit und breit kein Vorhang zu sehen war) und lang anhaltender Applaus. Selbst beim Verlassen des Zuschauerraums waltet die Disziplin. Wer in welcher Reihenfolge hinausgehen durfte, bestimmten die Türhüterinnen. Und dann war das Theater ganz schnell wieder ganz leer. Aber es lebt.

Stephanie Theiß als Marlene. Foto: Marco Piecuch

Die nächsten Aufführungstermine: 5. September, 31. Oktober, 7. November, jeweils um 19.30 Uhr.
Karten gibt es auf www.theater-trier.de, an der Theaterkasse (mittwochs bis freitags von 10 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 13 Uhr), per E-Mail (theaterkasse@trier.de) sowie unter Telefon 0651/7181818.