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Spurensuche in der Hauptstadt

Brüssel. Wie viel vom echten Leben der EU-Bürokraten findet sich im Roman des Buchpreisträgers Robert Menasse? Markus Grabitz

Als der österreichische Schriftsteller Robert Menasse Anfang dieses Jahrzehnts nach Brüssel kam, soll er die gängigen Vorurteile gegenüber dem EU-Betrieb im Gepäck gehabt haben. Offenbar hatten aber die österreichischen Diplomaten, die diese Kontakte einfädelten, ein gutes Händchen. Denn der Autor war bereit, seine Meinungen über Bord zu werfen. Und als "Die Hauptstadt", das literarische Ergebnis seiner Recherchen, auf den Markt kam, reagierte das EU-Brüssel erleichtert: Der erste deutschsprachige Brüssel-EU-Roman überhaupt, für den Menasse dann auch den Literaturpreis bekam, bedient nicht die gängigen Klischees von faulen, überversorgten Bürokraten.

"Die Hauptstadt" ist Gesprächsthema unter den Deutschsprachigen in der "Brüsseler Blase", wie die beruflichen und privaten Kreise aus EU-Beamten, Lobbyisten und Journalisten im Europa-Viertel genannt werden. Es wird diskutiert, wie viel vom echten EU-Betrieb im 450-Seiten-Roman steckt.

Der Autor springt zwischen der fiktionalen und der realen Ebene hin und her. Die Brexit-Verhandlungen laufen, im Buch wie im echten Leben. Menasse lässt die Kommissionsbeamten an einem Konzept für den 60. Geburtstag der Kommission arbeiten. Der steht am 16. Januar an. Dann wird Bulgarien in der EU die Geschäfte führen. Wie in Menasses Buch. Die Kommissionsbeamten der Generaldirektion Kultur lässt Menasse dann auch einen sehr EU-typischen Ansatz für die Feierlichkeiten wählen. Sie wollen erinnern, dass die EU die Antwort ist auf Faschismus, Holocaust und das gegenseitige Abschlachten in zwei Weltkriegen davor. Das propagiert die eine real existierende Denkschule in Brüssel. Ihre Anhänger wollen Europa-Müdigkeit und Populismus bekämpfen, indem sie herausstellen, dass die EU ein historisch beispiellos erfolgreiches Projekt von Frieden und Versöhnung ist. Die Anhänger der anderen Brüsseler Schule glauben, dass man damit der jungen Generation nicht mehr kommen könne. Am ehesten, so ihre Lesart, könnten die Jungen überzeugt werden, wenn sie in ihrem realen Leben handfest den Mehrwert spüren, den Brüssel für die EU-Bürger erringt: etwa EU-weites Telefonieren per Handy zum Heimattarif.

Dass die Generaldirektion für Kultur den Auftrag für die Ausarbeitung des Konzepts bekommt, gilt im EU-Alltag eher als unwahrscheinlich. Die EU ist immer noch stark davon geprägt, dass sie als eine Wirtschaftsgemeinschaft anfing. Sie ist eine Institution, die für den Bereich der Kultur insgesamt wenig Gefühl aufbringt.

Auffällig ist, an welcher Stelle in den EU-Institutionen Menasse seine Handlung ansiedelt. Das Buch spielt eben nicht in den beiden Gremien, die in der EU Gesetzgeber sind: Das Parlament taucht so gut wie gar nicht auf. Auch der Rat, also das Gremium der Mitgliedstaaten, hat in dem Buch eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt steht die EU-Kommission, jene Institution mit über 13 000 Beamten, die den Kommissaren zuarbeitet und Gesetzesvorschläge erarbeitet sowie über die Einhaltung der EU-Verträge wacht. Es tauchen Charaktere auf, die man wiedererkennt. Da ist etwa der literarische Wiedergänger von Martin Selmayr, Kabinettschef von Jean-Claude Juncker und derzeit der mächtigste Beamte in Brüssel. Menasses Helden sind eher die traurigen Typen unter den Kommissionsbeamten. Die Intrigen und Affären, die Schachzüge und Eifersüchteleien zwischen den unterschiedlichen Abteilungen, von denen Menasse im EU-Kosmos berichtet, sie sind aber keine Phänomene, die nur der EU-Betrieb kennt. Menasse ist ein Linker. Das merkt man etwa, wenn er die Parteifamilie der Europäischen Volkspartei (EPP), zu der auch die Abgeordneten der deutschen Christdemokraten zählen, mit Spott überzieht. Die Abkürzung EPP steht bei ihm für den Dachverband der Europäischen Schweinezüchter-Lobby (European Pig Producers). Die Partei, der auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel angehört, bekommt gleich doppelt ihr Fett weg. So gelangt im Buch ein Judenhasser aus Ungarn an die Spitze der EPP, als der bisherige Chef durch einen Autounfall außer Gefecht gesetzt wird. Wer mag, kann da an den ungarischen Regierungschef Viktor Orbán denken. Im echten Leben wehrt die EPP immer wieder Forderungen ab, ihr Mitglied Orbán auszuschließen. Orbán pöbelt ständig gegen Brüssel und hat den US-Milliardär mit ungarischen Wurzeln, George Soros, zum Staatsfeind gemacht. In seiner Kampagne gegen ihn bedient Orbán auch antisemitische Reflexe.

In linker Tradition lehnt Menasse den Nationalstaat ab. Wenn es nach ihm ginge, sollten sich die Nationalstaaten auflösen. Die Europäer sollten sich als EU-Bürger und über die Zugehörigkeit zur Region identifizieren, in der sie leben oder geboren sind. Tatsächlich bremsen die nationalen Regierungen im Rat immer wieder Projekte aus. Initiativen der Kommission scheitern am Egoismus der Hauptstädte. Den Frust der Kommissionsbeamten darüber macht Menasse zum Gegenstand seines Buches. Menasse hält die deutsche Kanzlerin für die Drahtzieherin des Übels im Rat. Ihr Name wird zwar nicht ein einziges Mal erwähnt. Doch im Buch beerdigt letztlich die Bundesregierung das Projekt, den Gedanken von Auschwitz in den Mittelpunkt der Jubiläumsfeiern zu stellen. Menasse macht sich selbst zur Figur in seinem Buch. Hohe EU-Beamte, die mit ihm zu tun hatten, wollen den Autor in der Romanfigur des emeritierten Professors für Volkswirtschaft, Alois Erhart, erkennen. Menasse soll in seinen Brüsseler Tagen einen unbefriedigenden Auftritt in einer Reflexionsgruppe gehabt haben. Im Buch macht sich dann Erhart mit der ebenso naiven wie abwegigen Forderung lächerlich, Auschwitz zur Hauptstadt der EU zu machen.

So surrealistisch die Forderung im Roman anmutet: Der Regionalismus ist Realität in der EU. Das Streben der Katalanen nach Unabhängigkeit hat nicht nur Spanien eine Verfassungskrise beschert. Auch Belgien bangt seit Jahrzehnten um seine staatliche Unversehrtheit. Letztlich steht die Funktionsfähigkeit der ganzen EU auf dem Spiel, wenn immer mehr Vertragspartner - die EU-Verträge haben ja die Nationalstaaten unterschrieben - um ihre Existenz ringen.

Menasse hat die Arbeit an seinem Roman abgeschlossen, bevor absehbar war, was in Katalonien geschieht. Im Lichte der Ereignisse in Spanien könnte Menasse für sich die literarische Unschuld beanspruchen. Doch dies tut er ausdrücklich nicht. So befeuert er in Interviews weiter die Idee der Überwindung der Nationalstaaten. In seinem Buch war er da noch vorsichtiger. Dem ersten Kapitel hat er den Satz vorangestellt: "Zusammenhänge müssen nicht wirklich bestehen, aber ohne sie würde alles zerfallen."