Star ohne Allüren

Das Sommerprogramm des Trie rer Theaters beschert nicht nur die Begegnung mit einer der effektvollsten Opern des Repertoires, sondern auch mit einem Weltreisenden unter den großen Tenören. Keith Ikaia-Purdy gastiert mit der Paraderolle des Kalaf und der berühmten Arie "Nessun dorma" in Puccinis "Turandot".

Trier. Es gibt Menschen, die haben ein Lächeln im Blick. Sie brauchen sich nicht anzustrengen, um Freundlichkeit und gute Laune auszustrahlen. Keith Ikaia-Purdy ist so einer. Vielleicht hängt das mit seiner hawaiianischen Herkunft zusammen. Vielleicht hat er auch einfach ein sonniges Gemüt. In Trier jedenfalls ist er über die Turandot-Proben zum Liebling aller Beteiligten geworden. Bis in Statistenkreise hinein schwärmt jeder von dem Star ohne jegliche Allüren.

"Die Arbeit ist stressig genug, ich muss sie durch Herumzicken nicht noch stressiger machen", lacht der (geschätzte) Endvierziger. Dabei brächte er alles mit, was es für einen "Diven-Status" braucht: Eine Bilderbuch-Karriere mit Stationen an der Met in New York, der Mailänder Scala, dem Londoner Covent Garden und den Salzburger Festspielen. Mehr als 250 Vorstellungen an seinem Stammhaus seit 1992, der Wiener Staatsoper. Einen Lehrmeister wie den legendären Carlo Bergonzi. Ein gigantisches Repertoire, das allein 18 Verdi-Partien umfasst.

Aber Ikaia-Purdy protzt nicht mit seinen Meriten. Er erzählt lieber von ungewöhnlichen Begegnungen mit Regie-Berserkern wie Calixto Bieito, Harry Kupfer oder Peter Konwitschny. Oder von seiner regelmäßigen, intensiven Arbeit am Badischen Staatstheater in Karlsruhe, wo man den "Singing actor" pflegt, den Sänger, der auch darstellerische Ambitionen hat.

Glaubwürdige Verbindung zum Publikum gesucht



Sich mitten auf die Bühne zu stellen und Arien wie "Nessun dorma" herunterzuschmettern sei seine Sache nicht, sagt er. Man müsse doch "eine Verbindung zum Publikum aufbauen". Ein dramatischer Tenor des italienischen Fachs, der gerne spielt und neuen Ideen gegenüber aufgeschlossen ist: Das ist eher eine Seltenheit in der Branche. Vielleicht ist er deshalb so gefragt, dass er es etwa im letzten Jahr auf mehr als 50 Vorstellungen in 20 verschiedenen Häusern brachte.

Das Wandervogel-Dasein mache ihm Spaß, erzählt er. "Immer neue Menschen, immer neue Städte, immer neue Stücke", das sei sein Leben. Trotzdem versucht er, seiner Stimme nicht zu viel zuzumuten. Stück für Stück hat er sein Repertoire vom Lyrischen zum Dramatischen hin erweitert, ohne sich dabei unter Druck setzen zu lassen. Dem Klassik-"Business" steht er kritisch gegenüber: Heute würden junge Sänger oft "wie Pop-Künstler" zu Stars aufgebaut und dabei in Partien gezwungen, denen ihre Stimme nicht gewachsen sei.

"Ich weiß für mich, was geht und was nicht", hält er dagegen. Zum Beispiel Verdis "Otello", das sei so eine "Grenzpartie" für ihn: "Ich würde gern, aber es ist noch zu früh".

Vielleicht ist er deshalb trotz aller Erfolge keiner der "berühmten" Namen im Operngeschäft. Dafür ist er aber auch selten mit überbordenden Erwartungshaltungen konfrontiert, die manch renommiertem Kollegen nach der Vorstellung schon ein Buh-Konzert beschert haben. So was findet er ärgerlich: "Wem der Sänger nicht gefallen hat, der muss ja nicht klatschen". Aber ansonsten hält er es, was Publikum und Kritik angeht, mit einer lockeren Philosophie: Oper sei "wie Politik und Religion - es gibt immer verschiedene Meinungen". Seine hawaiianischen Wurzeln pflegt er auch nach gut drei Jahrzehnten der Abwesenheit. Aber nur noch von fern. Urlaub am Strand, die CDs von Israel Kamakavivo hören: das schon. Aber um irgendwann ganz zurückzugehen, dafür sei er doch zu sehr Europäer geworden.

Premiere am 20. Juni, Vorstellungen am 23., 27. Juni; 3., 12. Juli. Mit Vera Wenkert in der Titelrolle und Adreana Kraschewski als Liu.