Starke Stimme, schiefe Gags

Starke Stimme, schiefe Gags

Gewaltiger Gesang, Bodenhaftung und eigener Humor: 200 Zuschauer hat Andreas Kümmert am Donnerstagabend in den ausverkauften Mergener Hof in Trier gelockt.

Trier So gar nicht wie ein Star auf hoher Bühne: Auf dem Boden sitzt Andreas Kümmert und begrüßt die 200 Gäste im ausverkauften Mergener Hof am Donnerstagabend. Als wollte er sagen: "Ich bin einer von euch". Der 30-Jährige klimpert mit seiner Sitar, hinter ihm strahlen die Zuschauer ein Zigaretten- und ein Spielautomat an. Seine Bühnendeko sieht aus wie in einer beliebigen Kneipe um die Ecke. Beim zweiten Song, jetzt mit der Gitarre auf dem Stuhl sitzend, schmettert Kümmert seinen Hit aus 2013 "Simple Man" raus. Das geerdete Ambiente täuscht nicht darüber hinweg, dass hier ein Ausnahmekünstler und mittlerweile auch Star spielt. Bei dessen dreimonatiger "Recovery-Case-Akustik-Tour" die meisten Konzerte eben auch ausverkauft sind.
Das Duo Andreas Kümmert und Pianist Sebastian Bach harmoniert beim zweistimmigen Gesang ebenso wie bei den lockeren Sprüchen miteinander. "Ich muss hier ab und zu schlechte Witze machen, weil die Hälfte der Zuschauer eigentlich auf eine ausverkaufte Comedy-Veranstaltung nebenan wollte und nur zufällig hier ist", scherzt er. Die mehr oder weniger lustigen Einlagen kommen zwar authentisch an, überraschen jedoch im Kontrast zu den stets melancholischen Balladen. Bei denen trägt seine Stimme tiefstes Schwarz, legt einen traurigen Gänsehaut-Mantel über die Zuhörer. Das auf zwei Instrumente reduzierte Duo gibt seiner Stimme Raum, und der bärtige Rocker weiß ihn vom tiefen Röhren bis zum hohen Falsett auszufüllen. Für das vorne sitzende Publikum besonders intim, so getragen, akustisch und nah. Wer hinter der Stuhlreihe steht, bekommt teils weniger von Kümmerts einnehmender Mimik mit. Musikalische Ausreißer gibt es mit einem Blues und vereinzelt rhythmisch dominierten Mitklatsch-Songs.
Kümmerts Gesang trägt die Zuschauer durch das Konzert, wo sonst eine ganze Band oder sogar Playback nötig sind. "Wir sind keine Profis. Bei uns gibt es kein Playback. Das können wir uns nicht leisten", sagt Kümmert. Eben doch, möchte man antworten, ihr dürft gerne darauf verzichten.
Kümmert kokettiert selbst mit seinem polarisierenden Humor, wenn er witzelt, seine Gags schreibe Stefan Raab. Aber wer von uns ist schon immer witzig oder immer traurig. So ein konstantes Image hat Kümmert nie angenommen, bleibt natürlich und ambivalent.
Zum Highlight des Konzerts wird seine Coverversion des Elton-John-Klassikers "Rocket Man" - mit dieser Interpretation setzte er sich schon 2013 bei der Gesangs-Castingshow "The Voice of Germany" früh als Favorit ab, und gewann am Ende den Wettbewerb. Das Gänsehaut-Gefühl aus den deutschen Wohnzimmern von 2013 trägt er erfolgreich mit seiner Kneipe auf Tour in den Mergener Hof.