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Start in einen heißen Literaturherbst

Gerolstein. Welch ein Auftakt zur zweiten Hälfte des Eifel-Literatur-Festivals 2012: Witzig, (selbst-)ironisch und gestenreich hat Dieter Moor vom Umzug aus der Schweiz in ein brandenburgisches Kaff und dem dortigen Leben als Biobauer berichtet. Die rund 540 Zuhörer in der ausverkauften Stadthalle in Gerolstein waren begeistert - trotz tropischer Temperaturen. Mario Hübner

Gerolstein. In Gerolstein, also mitten in der Eifel, ist es kalt. Immer. Das weiß jeder. Nach Brandenburg will kein Mensch, da dort nur Arbeitslose, Neonazis und selbstmitleidig jammernde Ossis leben - schließlich sind alle anderen längst in lieblichere und vielversprechendere Regionen gezogen. Weiß auch jeder.
Gefühlte 40 Grad Celsius


Beide Klischees werden beim Auftakt der zweiten Hälfte des Eifel-Literatur-Festivals 2012 in der Stadthalle Rondell in Gerolstein so dermaßen widerlegt, wie es nur geht. Zum einen: Im mit 540 Gästen voll besetzten Rondell herrschen geschätzte 90 Prozent Luftfeuchtigkeit bei gefühlten 40 Grad Celsius Innentemperatur - und auf der Bühne wohl noch ein paar Grad mehr. Was Festivalleiter Josef Zierden dazu veranlasst, die Besucher im "Tropidarium Gerolstein" willkommen zu heißen. Der aufbrandende Schlussapplaus nach anderthalbstündiger Topunterhaltung für Dieter Moor, der Erlebnisse seines Bestsellers "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" zum Besten gibt, wirkt da wie ein heftiger Saunaaufguss. Man sucht nur vergebens den Saunameister, der mit seinem Handtuch wedelt.
Für die Entkräftung des anderen Klischees sorgt der in Deutschland vor allem als Fernsehmoderator des Kulturmagazins "Titel, Thesen, Temperamente" bekannte Moor selbst: humorvoll, rhetorisch versiert, ausdrucksstark und mit großem schauspielerischen Können. Der bekannte Gast lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass er rund zehn Jahre nach seinem Umzug aus der Schweizer Postkartenidylle auf einen "krankehundekackfarbenen" Hof nach Brandenburg ("So was macht doch kein Mensch! - so die damalige Warnung von Freunden) seine neue Heimat kennen und lieben gelernt hat - mit oder vor allem wegen der auf den ersten Eindruck kauzigen Bewohner wie Bauer Müsebeck oder Dorfladen-Herrscherin Waltraud Widdel.
Von der scheint der Autor so beeindruckt, dass er ihr unschlagbares Konsum-Motto "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" zum Titel seines Buches gemacht hat. Das Werk, das die unfeine Unterzeile "Geschichten aus der arschlochfreien Zone" trägt, rangiert seit gut 100 Wochen oben in den Bestsellerlisten. Es ist eine Hommage an Land und Leute in einer nach wie vor weitgehend unentdeckten Region Deutschlands, der der damalige Bundeskanzler Kohl eine Zukunft als "blühende Landschaft" prognostiziert hat. Auch das ein Lacher. Aber den muss Moor gar nicht bemühen, um seine Zuhörer zu unterhalten. Da reichen schon die Beschreibungen der Gegensätze, auf die er mit gewohnter Schweizer Gründlichkeit in "Dunkel-Deutschland" trifft. Wo der Schweizer gut eine halbe Stunde braucht, um sich auf eine selbstverständlich exakte Uhrzeit für einen Termin abzustimmen ("Es heißt um drei, also genau dann, wenn der Sekundenzeiger auf der drei klebt, und nicht um drei, also irgendwo in der Nähe von drei."), nimmt der Brandenburger sofort den ersten Vorschlag an: na gut. Und da kann Mittag auch schon mal 17.42 Uhr werden, lernt Moor rasch.
Oder dort, wo Schweizer Sicherheit und Behütetheit aufs richtige Leben (in der brandenburgischen Provinz) trifft: "Das kann doch nicht sein! Das darf doch nicht sein! Wo war das Warnschild?" Tja, und wo war eigentlich das Saunaschild vorm Rondell?Extra

Festivalleiter Josef Zierden erfreute in Gerolstein mit einer Aussage zur Zukunft des Eifel-Literatur-Festivals. Kurz vor dem Auftritt von Dieter Moor sagte er: "Das Festival ist gerettet, es geht auch 2014 weiter. Dank an Schirmherrin und Kultusministerin Doris Ahnen und Kultur-Staatssekretär Walter Schumacher." mh