"Stefan Andres ist einer der ganz großen Erzähler"

Schweich · Der Schriftsteller Hanns-Josef Or theil erhält den Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich, der alle drei Jahre vergeben wird. Damit will die Jury auch Ortheils "wahlverwandtschaftliche Nähe" zu dem in Schweich aufgewachsenen Autor würdigen, wie die Stefan-Andres-Gesellschaft mitteilt. Unsere Mitarbeiterin Ariane Arndt hat mit Hanns-Josef Ortheil gesprochen.

 Hanns-Josef Ortheil. Foto: Peter von Felbert

Hanns-Josef Ortheil. Foto: Peter von Felbert

Schweich. "Das Buch ist keine richtige Geschichte, sondern eine Lebensbeschreibung. Es gibt in dem Buch also sehr wenig, was richtig spannend ist, dafür aber sehr viel, an das sich der Junge, von dem die Geschichte handelt, erinnert. Der Junge erinnert sich nämlich einfach an alles (...)" Das notiert der elfjährige Hanns-Josef Ortheil während einer Moselwanderung mit seinem Vater im Jahr 1963. Er beschreibt seine Eindrücke von der Lektüre des Romans "Der Knabe im Brunnen" des Schweicher Autors Stefan Andres, in dem dieser von seiner Kindheit erzählt. Nachzulesen ist die Passage in "Die Moselreise", dem Reisetagebuch des elf Jahre alten Ortheil. 50 Jahre nach der Wanderung, bekommt er den Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich.Mit der Verleihung des Stefan-Andres-Preises will die Jury nicht nur Ihr Werk, sondern auch die "geradezu wahlverwandtschaftliche Nähe" zu Stefan Andres würdigen. Worin sehen Sie diese Nähe?Ortheil: Diese Nähe ist zunächst eine der Herkunft. Wir kommen beide vom Land aus eher einfachen, bäuerlichen Verhältnissen. Andres\' Eltern waren Müller an der Mosel, meine Großeltern waren Bauern und Gastwirte im Westerwald. Die Kultur unserer Kindheit war darüber hinaus stark vom katholischen Glauben geprägt, von einem ländlichen, entspannten und moselländisch-rheinischen Katholizismus. Von diesem Kindheitsglauben haben wir uns beide im Grunde nie ganz gelöst, er hat unser ganzes Leben und Schreiben stark mitbestimmt.Als Elfjähriger sind Sie mit Ihrem Vater die Mosel entlang gewandert und haben dabei "Der Knabe im Brunnen" von Stefan Andres gelesen. Welchen Eindruck hat das Buch bei Ihnen damals hinterlassen?Ortheil: Ich erhielt viele Eindrücke vom Leben eines hellwachen, aber zum Glück nicht allzu ehrgeizigen Jungen, mit dem ich gerne befreundet gewesen wäre. Ich spürte eine fast brüderliche Nähe, als gehörten dieser Knabe im Brunnen und ich irgendwie zusammen. Ich konnte ihn deshalb auch sehr gut verstehen, er hatte für mich absolut nichts Fremdes.Schon damals haben Sie ständig Ihre Gedanken und Eindrücke notiert. Das machen Sie bis heute. Warum ist das so wichtig für Sie?Ortheil: Ich halte vieles fest, damit ich das Erlebte im Rückblick, wann immer ich will, noch einmal und immer wieder erleben kann. Die Vergangenheit ist dadurch für mich nichts Verlorenes, Dunkles, Entrücktes, sondern es sind Zeiten, die mir sehr nahe und laufend präsent sind. Aus diesem konkreten und detaillierten Erinnerungsreichtum heraus entstehen meine Bücher.Ebenso wie Stefan Andres haben Sie eine enge Verbindung zu Italien. Haben die Texte von Andres über dieses Land Ihre Reisen oder Ihr Schreiben beeinflusst?Ortheil: Oh ja. Als ich 1970 als junger Pianist in Rom lebte, habe ich beinahe ununterbrochen Stefan Andres gelesen. Er war für mich aber weniger ein "Lehrer" als vielmehr ein "zweiter Vater". Ich wollte ihn unbedingt kennenlernen (er lebte ja damals ebenfalls in Rom), deshalb schrieb ich ihm einen Brief und bat ihn um eine Begegnung. Er antwortete mir auch sehr freundlich und schlug vor, dass wir uns nach einem angeblich kleineren operativen Eingriff, den er noch zu überstehen habe, treffen sollten. Ich war dann sehr entsetzt, als ich aus den Zeitungen erfuhr, dass er an diesem Eingriff gestorben war.Warum sollte man heute Stefan Andres lesen?Ortheil: Stefan Andres ist einer der ganz großen und elementaren Erzähler des vergangenen Jahrhunderts. Sein Erzählen kommt aus tiefen, vitalen Impulsen und wirkt gegenüber dem heutigen, eher gebremsten und meist hoch akademisch abgefederten Erzählen fremd. Eben deshalb aber sollte man Andres lesen. Er hat den Homer und den heiligen Augustinus noch gleichzeitig im Blut, er schreibt aus alteuropäischen Traditionen heraus, die im heutigen Erzählen längst verblasst oder untergegangen sind.Worin zeigt sich das?Ortheil: Diese Traditionen bedingen einen ganz eigenen Ton, ein episches Grollen, ein Erzählen von weither. Auf mich wirkt das noch immer sehr stark und faszinierend, als säße dieser Erzähler wie einst die Sänger Homers mit seinen Zuhörern auf einer Insel rund um ein Feuer, über dem sich die Lämmer am Spieß drehen ... arnDer Preis wird am Sonntag, 30. Juni, um 11.30 Uhr in der Synagoge Schweich verliehen. Am Samstag, 29. Juni, liest Hanns-Josef Ortheil ab 19 Uhr in der Synagoge aus seinem Roman "Die Moselreise" (Luchterhand Literaturverlag, 224 Seiten, 16,99 Euro) vor. Der Eintritt bei beiden Veranstaltungen ist frei. Weitere Infos unter stefan-andres-gesellschaft.de.Extra

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Stefan Andres wurde 1906 in Trittenheim-Dhrönchen geboren. 1910 zog die Familie nach Schweich. Andres studierte Theologie und Germanistik in Köln, Jena und Berlin. 1937 ging er mit seiner Familie nach Italien. 1950 kam er wieder nach Deutschland, das er aber 1961 verließ und in Rom lebte, wo er 1970 starb. Zu seinem vielfach ausgezeichneten Werk gehören Romane, Erzählungen, Dramen, Gedichtzyklen und Essays. "Der Knabe im Brunnen" ist im Wallstein Verlag erschienen (314 Seiten, 28 Euro). arn

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