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Sternenrausch und musikalischer Goldregen

Trier. Funkelnder Klang und unbändige Spiellust ließen über 600 Zuhörer beim Mosel Musikfestival jubeln. Weltstar Simone Kermes und die Lautten Compagney Berlin rissen ihr Publikum in St. Maximin von den Sitzen. Das Konzert musste wegen des Wetters aus dem Innenhof des Kurfürstlichen Palais in die ehemalige Trierer Abteikirche verlegt werden.

Trier. "La Kermes" wird Simone Kermes genannt, und das muss man erst schaffen. In allen Blau-und Türkistönen schillernd steht sie oben auf der Bühne von St. Maximin - ein prachtvoller Vogel mit blonden Locken, hereingeflattert aus einem barocken Schlossgarten. Ach was, geflattert: gestürmt ist sie. Ihr Zorn bricht wie ein Unwetter über das erwartungsvolle Publikum herein mit "Furie terribili", aus Georg Friedrich Händels Oper Rinaldo.
Hinreißend anzusehen und natürlich zu hören, ist "La Kermes" in ihrem musikalischen Zorn. Wenn sie singt, kann man getrost Wunderkerzen und Feuerwerkskörper einpacken. In allen Farben glitzert und funkelt ihre Stimme, ist Sternenrausch und Goldregen.
Explosiv und atemberaubend


Und das in einer höchst explosiven Mischung. Halsbrecherisch sind ihre Koloraturen, wie mit feinen Hämmerchen gemeißelt, die Staccati. In atemberaubende, schwindelnde Höhen führt die Barocksängerin sicher ihre Stimme über die schmalsten musikalischen Stege. Bisweilen wird das zum Extremsport, so wie in der ersten Hälfte des Konzerts, in der sie hörbar gegen das Raumklima ankämpfen muss.
Das große Drama, ihre unbändige Lust am Spiel, haben sie allerorts berühmt gemacht. Auch das Trierer Publikum jubelt, wenn sie temperamentvoll auf der Bühne das Barock "rockt". Allerdings: Simone Kermes kann auch nach innen glühen. Eine wunderbar leuchtende und warme Cleopatra ist sie in "Se pietà di me non sentí", aus Händels Oper "Julius Cäsar". Begleitet wird sie von der Lautten Compagney Berlin und ihren historischen Instumenten.
Die Leitung hat Lautist Wolfgang Katschner. Großartige Spiel-Leute sind die Berliner. Ansteckend ist ihre Freude am konzertanten Miteinander, am musikalischen Frage- und Antwortspiel. Am Schlagwerk sitzt Peter A. Bauer. Tiefernst kann seine Trommel grummeln oder aufgeregt zum Krieg rufen. Wahre Schelmenstücke sind seine Soli auf der uralten Maultrommel. Händels Arien präsentieren die Berliner in der instrumentalen Bearbeitung. Einfühlsam übernehmen die Instrumente die Rolle der Stimme. Herrlich leuchtend erklingt: "Ti giurasti aus der Oper Il Trionfo del Tempo et del Disinganno". Dynamisch und mit musikalischer Intelligenz machen die Berliner Geist und Struktur der barocken Musik erfahrbar.
Wunderbar der Dialog zwischen Streichern und Bläsern in "Haste thee, Nymph". Zu welcher Dynamik die Lautten Compagney in Deutung und Klangfarben fähig ist, wird noch einmal eindrucksvoll deutlich in "Più non cerca libertà" aus der Oper Teseo. Ein wahrhaft strahlender Abend, bei dem sich Sternenglanz mit musikalischem Wetterleuchten abwechselen. er