Stille Trauer - heftiger Aufschrei

Stille Trauer - heftiger Aufschrei

Eine Totenmesse mit BigBand? Nils Lindbergs Requiem besteht nicht aus frommen Gesängen, die mit Jazz-Rhythmen aufgemischt werden. Die Aufführung dieser Komposition demonstriert: Der schwedische Komponist fügt der reichen Palette von Requiem-Vertonungen eine neue Farbe hinzu. Die Komposition ist am Samstag in Trier, St. Paulin, und am Sonntag im Trifolion Echternach zu hören.

Hermeskeil. Es war wie ein Signal. Da setzt der Chor nach einer kurzen Instrumental-Einleitung zur Saxofon-Gruppe mit dem "Requiem aeternam" ein - dem traditionellen Beginn der Totenmesse. Leise, trauernd, verhalten. Und dann der zweite Vers, "Te decet Hymnus" (dir, Herr, gebührt der Lobgesang). Es ist, als würde der Klang explodieren, als klinge im Loblied ein Stück Verzweiflung mit, ein Ruf aus bitterer Not.
Gleich zu Anfang umreißt die Vertonung von Nils Lindberg die existenzielle Dimension, die sich in der traditionellen Totenmesse verbirgt. Und gleich wird auch klar: Die Verbindung des überkommenen Messetextes mit elektronisch verstärktem Chor und BigBand ist kein modernistisches Experiment und keine populistische Konzession. Sie gibt der breiten Palette der Requiem-Vertonungen eine neue Farbnuance mit. Vor allem beim Chor und den drei Vokalsolisten berührt der Komponist immer wieder Grenzen des Ausdrucks - und auch Grenzen der Ausführbarkeit. Es ist ein Glanzstück, das die Interpreten in dieser schwierigen Situation abliefern.
Enorme Energie


Da umfassen der Projektchor Hermeskeil (Leitung: Rafael Klar), Basilikachor und Vokalensemble St. Paulin aus Trier (Volker Krebs) und Schüler der Musikschule Echternach (Ursula Thies) tatsächlich den enormen Radius zwischen trauernder Versenkung und verzweifeltem Aufschrei. Mag sein, dass in den A-cappella-Partien mit ihren harmonischen Reibungen Unschärfen nicht zu vermeiden waren. Aber gerade in A-cappella-Abschnitten klingt Verhaltenes, Nachdenkliches mit. Es steht absichtsvoll in krassem Gegensatz zu den akustischen Entladungen des "Dies irae" (Tag des Zorns) oder des "Sanctus". Und Ellen Wils (Mezzo), Jean-Marie Kieffer (Bariton) und, allen voran, Sopranistin Ursula Thies geben den expressionistisch bizarren Soli kompromisslose Intensität mit.
Da wischen ein Komponist und seine Interpreten die Patina beiseite, die sich in langer Gewohnheit über das Requiem gelegt hat. Und mit einem Mal hört und spürt man wieder, mit welch' enormer Energie die Menschen in der Totenmesse versuchen, Gott gnädig zu stimmen. In den Vokalpartien ist Lindbergs Komposition am stärksten, am berührendsten, am ausdruckstiefsten.

Einleitung mit Improvisation


Die BigBand ist Klangbasis. Aber die Klangfülle, die gute Intonation und nicht zuletzt die versierten Soli distanzieren die Band der Echternacher Musikschule (Maxime Bender) entschieden vom Durchschnitt. Und über allem waltet Dirigent Volker Krebs - präsent bei Einsätzen, sicher bei den häufigen Taktwechseln, den jazzige Rhythmen und offenbar in der Vorbereitung des Konzerts höchst effizient.
Krebs spielte auch zur Einleitung eine in jeder Hinsicht durchdachte Improvisation. Und wie eine vorgezogene Zugabe hatten Ursula Dimmer und die BigBand danach zwei Arien aus der Bach-Kantate "Ich habe genug" zum Fest Mariae Reinigung parat. Ob Martin S. Schmitts versiertes Arrangement und überhaupt der BigBand-Sound die Theologie dieser Musik spiegeln, mag strittig sein. Jedenfalls lud beides dazu ein, Bach aus neuer Sicht wahrzunehmen.
Weitere Aufführungen des Lindberg-Requiems: Samstag, 12. März, 20 Uhr, Trier, St. Paulin, Sonntag, 13. März, 17 Uhr, Trifolion Echternach.
Extra

Nils Lindberg, geboren am 11. Juni 1933 in Uppsala/Schweden ist Komponist, Pianist und Arrangeur. Er absolvierte eine Ausbildung in klassischer Komposition. Er ist als Komponist, Arrangeur und Pianist zeitgenössischer klassischer Musik aktiv. Sein Requiem entstand 1992/93 und wurde am 18. April 1993 mit dem Schwedischen Rundfunkchor und der Nils Lindberg BigBand unter Leitung von Gustaf Sjökvist uraufgeführt. mö