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Kultur
Stimmen aus dem Sozialismus

Bitburg. Mit der Autorin Svetlana Alexijewitsch wagt das Eifelliteratur-Festival einen Blick in die Geschichte der Sowjetunion. Die Autorin gewann unter anderem den Literatur-Nobelpreis.

Swetlana Alexijewitsch kommt in die Eifel. Und sie bringt noch jemanden mit. Den „Homo Sovieticus“. Ein ganz besonderer Typ Mensch, entstanden im „Laboratorium des Marxismus-Leninismus“, Sagt Alexijewitsch. Man kann annehmen, dass sie weiß, wovon sie spricht, kommt sie doch selbst aus diesem riesigen Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Heute sind es Polen, Ukrainer, Russen, Kasachen und viele mehr. Früher waren es, einige dürften sich aus dem Geschichtsunterricht noch erinnern, Menschen aus der Sowjet-Union. Jenem Riesenreich, das jahrzehntelang den Sozialismus als einzig wahre Lehre und Lebensform propagierte. Die Folgen sind weitgehend bekannt. Im Großen und Ganzen zumindest, aus den Geschichtsbüchern eben. Wir haben von Stalin gehört, vom Kalten Krieg, vom Mauerfall und dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Nichts gehört haben wir in der Regel von den Menschen, die es betraf, im Kleinen, im Alltäglichen.

Und genau hier kommt Alexijewitsch ins Spiel. Die Interviews, die die Reporterin geführt hat, sind die Basis für ihr literarisches Werk. „Ich versuche, alle Beteiligten am sozialistischen Drama, mit denen ich mich treffe, fair anzuhören“, verspricht die Autorin eingangs in ihrem Werk „Second Hand Zeit – Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Darin erzählt der Homo Sovieticus vom Leben und Sterben in allen Epochen des Sozialismus und von den Jahren nach dem Zusammenbruch. Als der Kapitalismus auch in Russland die Herrschaft übernahm und für manche alles besser wurde, die meisten aber im gleichen Elend wie zuvor lebten.

Mancher Kritiker sagt, Alexijewitsch habe so eine ganz neue literarische Gattung geprägt, den „Chor der Stimmen“.

Sie lenkt, so hat es den Anschein, die Gespräche kaum, schaltet sich nur an einigen wenigen Stellen im Erzählerkommentar ein. Was sie die Menschen gefragt hat, weiß der Leser nicht. Umso
authentischer wirken die Erzählungen, gerade weil sie manchmal unstrukturiert sind, in der Zeit umherspringen, auf verschlungenen Pfaden immer wieder ganz neue Anekdoten hervorbrechen. Eben so, wie „jedermann“ erzählt, wenn er etwas zu erzählen hat.

Für ihr literarisches Werk, für den Chor der Stimmen, ist Alexijewitsch preisgekrönt. 2013 bekam sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 2015 gar den Nobelpreis für Literatur. Unter anderem auch deshalb, weil sie in ihrem Werk nicht bloß die Ereignisse beschreibt, sondern auch die Gefühle der Menschen, begründete die Jury damals. Die Gefühle derer, die unter Stalin in Lagerhaft gerieten, die im zweiten Weltkrieg in der sowjetischen Armee dienten, oder derer, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht mehr zurechtfanden – nicht selten mit Suizid als Folge. Die Berichte sind direkt, ehrlich, oft brutal. Aber sie machen eines klar: Für das Leben des Einzelnen ist die ideologische Unterscheidung zwischen Sozialismus und Kapitalismus, zwischen Rot und Weiß, vielleicht doch gar nicht wesentlich.

Swetlana Alexijewitsch, „Second Hand Zeit“. Freitag, 20. April, 20 Uhr, im Haus Beda, Bitburg. Die Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt moderiert die Veranstaltung. Die Veranstaltung ist ausverkauft.