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Streit über die Restitution der Benin-Bronzen in deutschen Museen

Kunstraub : Löst Diplomatie Streit um Benin-Bronzen?

Benin-Bronzen stehen in Deutschland im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte. Die königlichen Kunstschätze sind weltweit zerstreutes koloniales Raubgut. Über ihre Rückgabe wird gestritten.

Die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten schützt als völkerrechtlicher Vertrag Kulturgüter in Kriegen und bewaffneten Konflikten. Geschützte Kulturgüter sind laut dieser Regelung auch Skulpturen. Sie dürfen weder zerstört, noch widerrechtlich in Besitz genommen werden. Diese Konvention ist eine Nachfolgeregelung der Haager Landkriegsordnung von 1899, die bereits gebot historische Denkmäler, Bildungseinrichtungen sowie Institutionen mit religiöser, gemeinnütziger, künstlerischer oder wissenschaftlicher Bedeutung bei Belagerungen zu verschonen. Auch war es verboten Kulturgüter zu beschlagnahmen.

Dies sollte man im Hinterkopf haben, um die Debatte über die Rückgabe der Benin-Skulpturen zu verstehen. Denn Fakt ist auch, dass im Februar 1897 der britische Offizier Harry Rawson (1843-1910) einen als „Strafexpedition“ bezeichneten Angriff auf Benin, der Hauptstadt des Königreichs Benin, unternahm. Die Truppe, der 1 200 Soldaten angehörten, verwüstete weite Teile der Stadt. Die Zahl der Toten ist nicht bekannt. Der königliche Palast wurde von den Soldaten geplündert. Es wurden Tausende von Kunstobjekten, darunter circa 3 500 bis 4 000 Bronzen, geraubt. Ein Großteil der Beutekunst kam schließlich in Londoner Auktionshäusern unter den Hammer. Große Teile dieser Kunst landeten in Berlin – etwa 530 Exponate, darunter 440 Bronzen – und sollten demnächst im neu konzipierten Humboldt-Forum als ein zentraler Teil der Sammlung ausgestellt werden.

Juristisch greift das Kriegsvölkerrecht in diesem Fall nicht. Allerdings sieht Bénédicte Savoy eine moralische Verpflichtung darin, dass aus den früheren „Kolonien geraubte Kunst“ an die Herkunftsländer zurückzugeben ist. Diese Verpflichtung – auch für deutsche Museen – unterstrich die Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der Technischen Universität Berlin jüngst in ihrem beim C.H. Beck Verlag erschienen Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst: Geschichte einer postkolonialen Niederlage“. Sie hatte bereits im Jahr 2018 im Auftrag des französischen Präsidenten untersucht, welche Möglichkeiten es gibt, Beutekunst an afrikanische Staaten zurückzugeben. Sie fordert, eine „ebenso zügige wie besonnene Restitution“, um „im Sinne eines post­rassistischen Zusammenlebens“ das Verhältnis Europas zu den afrikanischen Ländern neu zu definieren.

Die Gegenposition nahmen lange Zeit staatliche Museen ein. Speziell zur Beutekunst aus dem Königreich Benin gründeten sie die „Benin Dialogue Group“. Ihre Leiterin ist Barbara Plankensteiner. Die Direktorin des Hamburger Museums am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt (MARKK), betonte jüngst die Bedeutung der bei kolonialen Raubzügen erbeuteten Benin-Bronzen für die internationale Kulturgeschichte. Es sei sehr schade und bedauerlich, dass über die wertvollen Werke immer nur als Raubkunst gesprochen werde. „In den momentanen Debatten fragt kaum jemand: Was sind das überhaupt für Kunstwerke? Und was erzählen sie uns eigentlich? Das würde man mit europäischen Kunstgegenständen nicht tun, auch wenn sie Raubkunst sind“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Sie weist darauf hin, wie wichtig diese Werke für das Verständnis einer Kunstgeschichte seien, die über den euro-amerikanischen Raum hinausreiche.

Die Benin Dialogue Group vereinigt seit 2010 Museen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden mit nigerianischen Partnern und Vertretern des Königshofs von Benin. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) plant ein Spitzentreffen zur Frage, wie deutsche Museen mit den als Raubgut der Kolonialzeit geltenden Benin-Bronzen umgehen sollen. Dazu soll noch im April eingeladen werden.

Plankensteiner hält es für sinnvoll, „dass nicht 20 Museen einzeln mit Nigeria verhandeln, das wäre auch dort kompliziert.“ Deswegen sei es hilfreich, sich in Deutschland zu einigen, um Gespräche besser führen zu können und die Vorgänge zu planen. Die Museumsdirektorin, deren Museum ebenfalls über Benin-Bronzen verfügt, warnte zugleich vor übereilten Schritten in einer aufgeheizten Debatte. „Es hat gar keinen Sinn – auch den nigerianischen Partnern gegenüber – jetzt Dinge zu forcieren, die sie unter Druck setzen.“ Restitutionen aus öffentlichen Beständen seien komplexe Prozesse. „Das bedeutet ja nicht, einfach Objekte in eine Kiste zu packen und sie zurückzuschicken.“

Die Museumschefin verwies zudem auf zwischenstaatliche Implikationen, die beide Seiten gut vorbereiten müssten. „So etwas kann länger dauern, da müssen noch viele Gespräche geführt werden.“ Es sei eine sehr umfassende Aufgabe, das zentral zu koordinieren und abzustimmen zwischen den Häusern und mit den nigerianischen Partnern.

Außenminister Heiko Maas (SPD) hatte zuletzt angekündigt, bei den Benin-Bronzen werde mit den Beteiligten in Nigeria und in Deutschland daran gearbeitet, einen gemeinsamen Rahmen aufzubauen. „Es ist erfreulich, dass Deutschland sich jetzt bekennt und dieses Projekt auch aktiv unterstützen will“, sagte Plankensteiner, die die diplomatische Initiative auch namens der Benin Dialogue Group begrüßt.

Die Lage in den Museen schätzt Plankensteiner ähnlich ein. „Ich habe den Eindruck, dass es beim Thema Restitutionen inzwischen schon ziemliche Übereinstimmung gibt zwischen den Museen in Deutschland.“ Gespräche, die im Hintergrund liefen, könnten aber nicht kontinuierlich öffentlich kommentiert werden. Derzeit werde verkündet, „bevor wir das alles ausgehandelt haben. Und genau das wollten wir vermeiden“, sagte Plankensteiner. „Es ist einfach ein komplexes Unterfangen mit den vielen Partnern. Das dauert.“Die Kultur- und Sozialanthropologin sieht eine Entwicklung in der Debatte um Rückgaben. „Man kann nicht die Gegebenheiten der 70er und 80er Jahre mit den heutigen gleichsetzen.“ Die Situation habe sich politisch weiterentwickelt. „Als wir vor zehn Jahren die Benin Dialog Gruppe gegründet haben, hat sich kaum ein Politiker für das Thema interessiert. Bei Restitutionen hieß es immer, es gebe keine gesetzlichen Grundlagen dafür.“

In diesem Rahmen hätten auch die Museen agiert. „Deswegen haben wir uns in der Benin Dialog Gruppe damals zunächst darauf verständigt, dass wir mit Dauerleihgaben beginnen, weil das etwas ist, was auch auf Museumsebene beschlossen werden konnte.“ In der Zwischenzeit habe es grundlegende Veränderungen gegeben. „Es gibt ein politisches Bewusstsein, das sagt: Ja, wir verstehen das. Wir müssen etwas unternehmen und wir werden Restitutionen unterstützen.“

Ob Restitution oder Leihgabe für das in Benin City geplante Edo Museum of West African Arts ist für die Expertin Verhandlungssache: „Es gibt alle möglichen Denkvarianten, auf die man sich dann einigen kann. Das hängt auch mit der Meinungsfindung der Partner in Nigeria zusammen. Es gibt bei allen Beteiligten, auch in Nigeria, ein Verständnis dafür, dass es wichtig ist, dass diese Kunst auch weiterhin in der Welt repräsentiert wird, und Museen hier oder in den USA wichtige Werke zeigen können.“

Es müsse in nächsten Zukunft darüber verhandelt werden, wie das gewährleistet werden könne. „Es geht darum zu klären, was nach Nigeria zurück geht und in welcher Form, und welche Werke eventuell hier bleiben können.“

(dpa)