1. Region
  2. Kultur

Streitgespräch über Kultur Michael Kernbach Frank Jöricke

Serie Cultural Long Covid : Kernbach vs. Jöricke: Wie aus Kleinkunst Großkunst wird. Oder auch nicht.

Von den Beatles über Helene Fischer zu einer Seuche namens TikTok: Wir haben Michael Kernbach und Frank Jöricke gefragt, wie es um die Kultur steht. Herausgekommen ist ein munteres Geplänkel – mit überraschenden Erkentnissen.

Der eine ist Musiker, Autor, Netzwerker (Michael Kernbach), der andere Journalist und Schriftsteller (Frank Jöricke). Beide aus Trier, beide derzeit anderswo in Deutschland zuhause, beide bald wieder zurück in der Heimat. Und: Beide setzen sich seit Jahrzehnten kritisch-konstruktiv mit „der Kultur“ auseinander, besonders der Szene in und um Trier. Wir haben uns gedacht: Lass sie mal machen, lass sie mal reden.

Frank Jöricke: Die Corona-Pandemie war auch eine Art Feldversuch. Der Hausarrest hat einem bewusst gemacht, was wichtig ist im Leben – und was nicht. Mir wurde zum Beispiel klar, dass ich auf viele Kleinkunstveranstaltungen verzichten kann. Ich brauche keine Comedians, die zwanghaft witzig sein wollen, und auch keine Liedermacher, die Reinhard Mey nachzueifern versuchen.

Michael Kernbach: Die Corona-Pandemie hat es uns allen gezeigt. Alles, was früher schon nicht gut war. Alles, was uns erwarten könnte, wenn der Staat zu viel Macht bekommt. Alles, was er mit dieser Macht lenken, verhindern, deckeln kann. Auftrittsverbote sind ein scharfes autokratisches Schwert. Sie aus geschmäcklerischen Gründen zu begrüßen und wegen mangelnder Qualität oder Epigonie mancher Akteure zu beklatschen, ist ein Handkantenschlag für eine freie liberale Gesellschaft. Außerdem, auch die Größten haben im Kleinen angefangen. Die McCartneys oder Kendrick Lamars dieser Welt stammen aus keinem Netflix-Writers-Room und keiner Hochschule. Die sind mit vielen, weit weniger Talentierten bei ungezählten kleinen Auftritten groß geworden, Wer auf diesen Humus verzichten will, verzichtet sehenden Auges auf neue, große kulturelle Leistungen!

Frank Jöricke: Die Beatles sind ein gutes Beispiel. Sie haben Anfang der 60er auf St. Pauli die harte Ochsentour durchlaufen. Unzählige Auftritte für wenig Geld. Fünf Jahre hätten sie diesen Knochenjob nicht durchgehalten. Sie waren verdammt dazu, groß rauszukommen. Wenn es nicht geklappt hätte, wäre aus McCartney wohl ein Lehrer geworden. Dieser Wettbewerb hat der Qualität gutgetan. Heute hingegen haben wir, zumindest in Deutschland, eine Subventions- und Alimente-Kultur. Können ist dabei nicht entscheidend.

Vielmehr muss man wissen, wie man Anträge auf Fördergelder formuliert. Man muss in den Entscheidungsgremien die richtigen Leute kennen und am Ende das liefern, was die finanziellen Unterstützer erwarten. Manche Künstler verwenden mehr Kreativität darauf, an öffentliche Töpfe zu gelangen, als an ihr Werk. Kein Wunder, dass deutsche Filme oder deutsche Literatur so steril und vorhersehbar geworden sind. Es ist Kultur für Juroren. Ein Rainer Werner Fassbinder, dem man in den 70ern freie Hand ließ, wäre heute undenkbar.

Michael Kernbach: Zuerst: Wo sind öffentliche Gelder denn am besten investiert? Massentierhaltung? Kirchen? Autobau? Oder vielleicht doch Kultur? Wir leisten uns eine Menge Dinge, die es ohne unsere Leistung wohl so nicht gäbe. Dass es dort, wo dieses Geld fließt, auch Parasiten gibt, die sich ohne Grund davon ernähren – geschenkt! Daraus zu schließen, die deutsche (Sub-)Kulturlandschaft würde in weiten Teilen an Förderprogrammen hängen und durch Jurorenentscheide formatiert werden – das ist nun wirklich aus der Luft gegriffen. Das Internet hat Kultur so breit, bunt und zugänglich gemacht wie noch nie zuvor.

Es gibt ungezählte Strömungen in ungezählten Sparten. Es gibt vermutlich mittlerweile mehr Fassbinders in Rheinland-Pfalz als zu Rainer Werners Zeiten in ganz Deutschland. Wir können, wir müssen darüber streiten, ob die gängigen Subventionspraktiken noch zeitgemäß sind, überholt oder komplett neu aufgestellt werden müssten. Aber in der Kultur auf den Markt und so in Zukunft darauf zu setzen, dass Netflix, Spotify und TikTok es richten werden – das hat was von der Liedermaschine aus „1984“.

Frank Jöricke: Die Seuche namens TikTok hat bewirkt, dass ich mir jene Zeiten zurückwünsche, als Künstler zu werden noch bedeutete: Überzeugungstäter sein, volles Risiko gehen, auch auf die Gefahr hin, wie Van Gogh, Nick Drake oder Stieg Larsson zu Lebzeiten krachend zu scheitern. Ich bewundere die Kabarettisten, die 1947 das Düsseldorfer „Kom(m)ödchen“ und 1956 die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ gründeten – die sind aufs Ganze gegangen. Denn die einzige Kultur, die damals subventioniert wurde, waren öffentliche Theater und Opernhäuser, also staatstragende Hochkultur. Alternative Jugend- und Kulturzentren, wie das Exhaus und die Tufa in Trier, haben dann seit den 70er Jahren die Zugangsschwelle gesenkt. Das fand ich anfangs toll.

Nicht nur Guildo Horn verdankt seine musikalische Karriere dem Exhaus. Und was Peter Kesten und Jens Förster mit ihren Theatergruppen „Duke’s Oak“ und „Théâtre Tête à Tête“ in den frühen 90ern in der Tufa auf die Beine stellten, war sensationell. Aber irgendwann in den 00er Jahren ist es gekippt. Vielleicht, weil der Weg auf die Bühne zu einfach wurde. Jedem zweiten Poetry- oder Comedy-Slammer würde ich das Mikrofon abschalten; da würde den Zuschauern viel sinn- und humorfreies Gelaber erspart bleiben. Das Internet hat diese Entwicklung natürlich noch verschärft, weil man jeden Pups auf YouTube oder TikTok online stellen kann.

Mag schon sein, dass es in den unendlichen Weiten des World Wide Web zahllose Fassbinders gibt. Leider nimmt man sie nicht wahr; sie verschwinden unter den digitalen Müllbergen. Wie „Und am Ende sind alle allein“ des ehemaligen Trierers Kolja Malik aus dem Jahr 2015 – einer der bewegendsten und wahrhaftigsten deutschen Filme seit der Jahrtausendwende. Aber kaum einer hat ihn gesehen. Weil es ein Überangebot an Kultur gibt.

Michael Kernbach: „Früher war alles besser“ ist eine Form von Konservatismus, die in den Stillstand führt. Mit dieser Haltung hätten sich auch kulturelle Revolutionen wie das Rad, der Ackerbau oder die Schrift prima verhindern lassen. Ging doch früher auch super ohne das neumodische Zeugs und so mies war die Zeit in den Bäumen gar nicht. Was TikTok & Co. angeht, gilt: Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Was die Subvention von Bühnenbetrieben und deren Programmen angeht, dito. Ausgerechnet das Internet bietet dem ambitionierten Kulturpessimisten die Möglichkeit, sein Herz 24/7 via YouTube an Dieter Hildebrand, Gerhard Polt und Co zu wärmen. Auf den Schultern dieser Riesen stehen aber nicht nur nutzlose Zwerge. Das Spektrum von Böhmermann über Nuhr, Kebekus bis Welke ist so groß wie noch nie. Und überhaupt, wie kann es ein Überangebot an Kultur geben? Wie soll das möglich sein? Ein Überangebot an Waffen, Gesetzen, Steuern, Billigklamotten und Fastfood zu beklagen, okay. Aber bei der Kultur? Nur weil Warhol Recht hatte und nun jeder Mensch für fünfzehn Minuten berühmt sein kann, ist nicht alles, was ich nicht mag, nicht bewundere, vielleicht auch nicht verstehe, gleich Müll. Den gibt es natürlich, klar. Aber den gab es schon immer. Wie sonst wären – trotz aller Gatekeeper in der analogen Welt – C.C. Catch, die Guldenburgs oder Arabella zu erklären?

Frank Jöricke: Früher war zumindest die Bezahlung besser. Da kamen selbst Musiker, die in der Zweiten Liga spielten, durch Plattenverkäufe gut über die Runden. In der digitalen Welt ist das nicht mehr möglich. Was Spotify und YouTube jährlich an Musiker ausschütten, reicht nicht mal für eine Monatsmiete. Als Privatmensch freue ich mich natürlich, dass ich mir auf YouTube alles Mögliche kostenlos ansehen und anhören kann, aber als Künstler wäre ich stinksauer. Und ja, ein Überangebot an Kultur hat verheerende Folgen. Denn auch in der Kreativwirtschaft bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Und wenn es zu viele Künstler gibt, rauschen die Gagen nach unten. Denn am Ende findet sich immer ein Billigheimer, der für einen Hunderter weniger auftritt. Die vielen Halbamateure, die es sich leisten können, für Freigetränke zu spielen, machen den Profis, die davon leben müssen, die Preise kaputt. Das Überangebot an Kultur schadet aber auch uns, den Nutzern. Wie soll ich die Perlen im Internet finden, wenn es allein auf YouTube über 50 Millionen Kanäle mit Milliarden von Videos gibt! Dagegen war die Fernsehwelt der 90er mit ihren zwei Dutzend Kanälen, durch die man sich zappte, übersichtlich. Zu schlechter Letzt zerstört das Überangebot an Kultur auch das Reden und Streiten darüber. Früher hing halb Deutschland vorm Fernseher und zoffte sich über Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“. Heute schaut jeder was anderes – wie soll da ein Gespräch oder gar eine Debatte zustande kommen!

Michael Kernbach: Wo ich in jedem Fall mitgehe, das ist die Kritik an der fehlenden Ab- und Eingrenzung von Amateur- und professioneller Kunst. Das liegt an den schlechten Rahmenbedingungen für professionelle künstlerisch Tätige hierzulande. Also für Menschen, die nachweislich im Hauptberuf von ihrer Kunst und/oder Kreativität leben. Da ist man in Frankreich schon viel weiter und hat klare Parameter gezogen, in welchen Bereichen ausschließlich professionelle Künstlerinnen und Künstler agieren dürfen, beziehungsweise wie man den schlimmen Unterbietungswettbewerben Einhalt gebietet. Beim beklagten Überangebot empfiehlt sich ein Blick auf eine beliebige Schallplattenbörse oder den Backkatalog jedes Antiquariats mit Schwerpunkt 1970er bis 1990er Jahre. Und da besonders auf das namenlose Heer der Selfpublisher. Fanzines, Mixtapes, freie Theatergruppen. Viel Vielfalt gab es schon immer. Die Vertriebswege und die Wahrnehmung haben sich halt verändert. Wenn aber über 100.000 Menschen ein Helene-Fischer-Konzert besuchen, kann man auch nicht von einem fehlenden verbindenden Konsens sprechen. Von Musik leben konnten schon in den „goldenen 80ern“ nur die Wenigsten. Und wozu etwa HipHop-Marketing bei der Monetarisierung seiner Acts in der Lage ist, das nötigt auch den Großkopferten der analogen Zeit Respekt ab.

Die Lage war schon immer schwierig. Corona hat uns nur gezeigt, wie wichtig es ist, hier an den dauerprekären Zuständen zu arbeiten und Kultur endlich zur Pflichtaufgabe unserer Gemeinschaft zu machen und entsprechende Grundlagen zu schaffen.