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Stromae und sein neues Album Multitude: Stromaeisterlich

Vinyl der Woche: Multitude – Stromae : Stromaeisterlich!

Stromae ist nach vielen Jahren Pause mit neuem Album zurück – in sehr beeindruckender Manier. In Multitude thematisiert er all das, weswegen er pausierte.

Ich glaube ja daran, dass diese Kolumne eine feste Kernleserschaft hat. Daran, dass wir uns Woche für Woche wiedertreffen und uns gemeinsam auf eine musikalische Zeitreise begeben. Wer schon länger dabei ist, der wird sich daran erinnern, dass wir auch immer mal wieder auf Neuerscheinungen geblickt haben. Aber das ist doch schon was länger her, im Oktober 2020 habe ich zuletzt eine neue Platte rezensiert. Der Grund dafür: Ich mag es, Geschichten zu erzählen. Und da haben ältere Alben oft mehr zu bieten. Es gab seit eineinhalb Jahren keine Neuerscheinung, die mir das Gegenteil bewies.

Bis vergangenen Freitag. Ich tippe mich auf meinem Smartphone durch Spotify. Langweilig. Schon tausend mal gehört. Igitt, Deutschrap. Moment, was ist das? Den kennste doch! Stromae! Lange nix gehört. Neues Album? Uff, hören wir mal rein. Plötzlich sind drei Songs vorbei. Wo ist die Zeit hin? Multitude klingt so angenehm, dass ich es gleich zweimal durch höre.

Wir haben mal wieder eine Neuerscheinung für die Kolumne!

Das liegt nicht nur daran, dass Stromae mit Multitude ein Meisterwerk geschaffen hat. Im neuen Album hebt er seinen Pop-Mix mit französischem Rap auf eine neue Stufe. Ach, Sie kennen den Mann gar nicht? Sorry! Ich stelle ihn kurz vor.

13 Jahre ist es her, dass der Belgier mit Alors on Danse seinen Durchbruch schafft. Gleich seine erste Single erreicht in mehreren Ländern auf Platz eins der Charts. Auch in Deutschland, wo das seit 1988 (Ella, elle l’a von France Gall, Sie erinnern sich) keinem französischsprachigen Song mehr gelungen war. Drei Jahre später setzt er mit seiner bisher erfolgreichsten Single Papaoutai noch einen drauf. Danach wird es still. Stromae ist damals Ende 20 und psychisch am Ende. Depressionen und Selbstmordgedanken quälen ihn. Er zieht sich zurück.

Neun Jahre später verarbeitet er all das in Multitude. Ein Blick auf die Singleauskopplung des Albums zeigt das in beeindruckender Art und Weise. L‘enfer – die Hölle. Mit Zeilen wie „Ich hatte Suizid-Gedanken und ich bin nicht stolz drauf“ thematisiert er jene Dämonen, die in quälten. Und über die in der Gesellschaft noch zu wenig gesprochen wird. Er legt in Multitude seine Seele offen. Einige sagen, er sei erwachsen geworden, seine Texte bewiesen das. Eine Lüge.

Denn Stromaes Texte waren immer erwachsen. Wichtige und persönliche Botschaften, verpackt in eingängige Beats. Wir verstehen es nur nicht immer sofort, weil Französisch dann doch nicht so leicht ist (habe ich in der Schule bemerkt, Grüße an Herrn G.!). In Papaoutai rappt Stromae etwa über seinen Vater, der über die innere Suche nach seinem Vater, der als Tutsi ein Opfer des Völkermords in Ruanda geworden war. Beispielzeile: „Jeder weiß, wie man Kinder macht, aber keiner wie man Väter macht“. Ziemlich erwachsen, finde ich.

Dennoch: So gut wie in Multitude war Stromae noch nie. Musikalisch eine 9 von 10, vom Charakter des Albums eine 10 von 10. Da muss schon einiges kommen, wenn jemand dieses Album 2022 noch toppen will. Die Red Hot Chili Peppers haben für den 1. April eine neue Platte angekündigt. Auch da kam am Freitag die erste Single. Wuäh, sehr enttäuschender Song. Ich ahne ein Flop-Album.

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