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Stürmische Gefühlswelten

Stürmische Gefühlswelten

Auch in den Sommerferien arbeitet der Trierer Theaterintendant Gerhard Weber. In Kempten im Allgäu inszeniert er ein Musical über den Bayern-König Ludwig II. Rund 1400 Premierenbesucher belohnten die Premiere am Donnerstag mit viel Applaus.

Kempten. Sisi ist an allem schuld. Durch ihre Heirat mit Kaiser Franz Joseph hat sie Ludwig in Bayern zurückgelassen. "Wir sind keine Kinder mehr, König Ludwig! Ich bin verheiratet, und Ihr seid verlobt!", ruft sie dem Freund aus Kindertagen auf der Roseninsel zu. Doch Ludwig will die Zeit zurückdrehen.
Längst hat er die Verlobung mit Sisis Schwester Sophie gelöst - und erhält dafür von seiner großen Liebe eine Ohrfeige. Mit dieser Schlüsselszene beginnt am Ende des ersten Aktes des neuen "Ludwig 2"-Musicals das Drama des Märchenkönigs. Und das riss bei der Premiere am Donnerstagabend in der Veranstaltungshalle Big Box in Kempten rund 1400 Besucher von den Sitzen.
Des Liebesglücks beraubt wendet sich König Ludwig immer mehr den schönen Künsten und der Architektur zu, widersetzt sich seinem kriegstreiberischem Umfeld, wird zum Staatsfeind Nummer eins und schließlich von einer Allianz aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft ermordet.
Kleine und große Katastrophen


Autor Rolf Rettberg erzählt die Geschichte Ludwigs II. als logische Abfolge vieler kleiner privater und großer gesellschaftlicher, politischer Katastrophen. Konstantin Wecker, Christopher Franke und Nic Raine haben seinen pointierten Texten saftige und schwelgerische Melodien verpasst, die auch sechs Jahre nach der Uraufführung im Füssener Festspielhaus ihre Wirkung nicht verfehlen - dank eines hervorragend besetzten Ensembles. Sehens- und hörenswert ist, wie der 28-jährige Matthias Stockinger mit schlankem, hohem Bariton die stürmischen Gefühlswelten Ludwigs auslotet, wie er mit schauspielerischer Leichtigkeit dem Märchenkönig Charaktertiefe verleiht.
Starke Auftritte haben unter der Leitung von Florian Appel aber auch zahlreiche andere: Norbert Lamla (als kauziger Bayernkönig Max und verzweifelter Psychiater Dr. Bernhard von Gudden), Suzan Zeichner (als Kindermädchen Sybille Meilhaus), Michaela Kovarikova (Sisi), Christa Wettstein (Ludovika von Bayern), Ruwen Goyens (Graf von Dürckheim) und Philippe Ducloux (Schattenmann). Der Begleitmusik, die - mit Ausnahme eines Kurzauftritts einer Blaskapelle - vom Band kommt, fehlt es freilich ein wenig an akustischer Brillanz. Regisseur Gerhard Weber erzählt das zweiaktige Drama schlüssig mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern. So wird das Musical zu einer Achterbahn der Gefühle. Slapstickhaft-überdrehte Szenen (Elternhaus, Erfinderszene) wechseln sich mit ergreifenden ab. Dazu gehört die Begegnung Ludwigs mit dem vom Krieg gezeichneten Bruder Otto (gespenstisch: Martin Markert). Weniger gelungen ist dagegen die Szene, in der Ludwig und Guddens erschossen werden.
Ein gelungener dramaturgischer Coup sind die Zwiegespräche des erwachsenen Königs mit dem kindlichen Prinzen (sehr eindringlich: Frederik Schissler): Die tragische Fallhöhe wird dadurch im Laufe des zweieinhalbstündigen Spiels sukzessive nach oben geschraubt. Funktional ist das symmetrisch aufgebaute Bühnenbild von Gerd Friedrich mit je drei dominanten verschiebbaren Palastwänden mit Säulenabschlüssen. Einerseits ein probates Mittel, um die 40 Meter breite Big-Box-Bühne aufzuteilen, Auf- und Abgänge zu ermöglichen, Räume zu öffnen und zu schließen. Doch die Wiederkehr des Gleichen ermüdet - auch Bühnen- und Lichttechnik sparsam eingesetzt werden. Dies ist der augenscheinlichste Unterschied zur Füssener Inszenierung von 2005, die mit opulenten Szenenbildern aufwartete, die sich in die Erinnerung des Publikums regelrecht einhakten. Etwa das Totenballett mit den riesenhaften, schaurigen Skeletten. Die Gräuel des Krieges werden diesmal von einem Soldaten erzählt. Auch wenn sich die Schaueffekte in Grenzen halten, das neue "Ludwig 2"-Musical hat an dramaturgischer Schärfe und Dichte gewonnen. Geblieben ist die große Kraft der Musik, die mit einem neuen, feinen Ohrwurm aufwartet: "In uns\'rem Herzen". Und hier landete das Musical beim Premierenpublikum.
Michael Dumler ist Redakteur bei der Allgäuer Zeitung

Die Neuinszenierung "Ludwig 2 - Der König kommt zurück" ist bis 28. August an 46 Abenden in der Veranstaltungshalle Big Box in Kempten im Allgäu zu sehen.