1. Region
  2. Kultur

Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“ an der Uni Trier mit Live-Klavierbegleitung gezeigt.

Film : Um Leben und Tod

Als erschreckend aktuell erweist sich der an der Trierer Uni gezeigte Stummfilm „Die Stadt ohne Juden“, exzellent am Klavier begleitet von Bernhard Nink.

Es ist ein Film, der die lieb gewordenen szenischen Mittel der Stummfilmzeit benutzt und zugleich mit ihnen aufräumt. „Die Stadt ohne Juden“ von 1924 ist zugleich humorvoll und tiefsinnig, bedient sich der beliebten Slapstick-Komik, bricht in heftige Heiterkeit aus, verbreitet Zärtlichkeit und hat auch die dramaturgischen Mittel für Trauer und Abschiedsschmerz. Erotik kommt mal feinsinnig, mal deftig daher. Und in Szenen wie dem Aufstand der mittellosen Massen, der zur Ausweisung der Juden führt, verbreitet sich auch eine wirkungsvolle Theatralik. All das indessen bleibt nicht an der Oberfläche. Das Gedanken-Experiment, das dieser Film erprobt – was wäre die Gesellschaft ohne Juden? –, es lotet tief. Tiefer noch als es die Akteure von damals ahnen konnten.

Bernhard Nink findet am Flügel im Trierer Audimax für diesen Film genau den passenden Tonfall. Er spielt ausschließlich Musik von Hanns Eisler – dem Schüler Schönbergs, dem Freund von Brecht, dem jüdischen Emigranten. Und was er spielt, hat wenig zu tun mit  untermalender Filmmusik. Mit einer phänomenalen Sensibilität hat Nink Kompositionen ausgewählt, die sich den Filmszenen annähern, ohne ihre Autonomie aufzugeben. Und mit seinem klar zeichnenden Anschlag leuchtet der Pianist und Initiator dieses Abends Eislers gleichermaßen strenge und reiche Polyphonie sorgfältig aus.

Auch durch diese Musik ist der Stummfilm weit mehr als nur eine stumme Bilderfolge. Er ist ein Kunstwerk eigener Qualität. Er erzwingt bei den Darstellern eine Deutlichkeit, eine Prägnanz der Szenen und Gesten, die alles Beiläufige ausscheidet. Und die atemlose Spannung unter den rund 200 Besuchern im Trierer Uni-Audimax, sie unterstreicht: „Die Stadt ohne Juden“ ist nichts für Kino-Nostalgiker. Dieser Film hat eine erschreckende Aktualität.

Im Jahr 1924 mag der Antisemitismus ein problematisches, aber nicht weiter bedrohliches Phänomen gewesen sein, Hitler ein bedeutungsloser Bierhallen-Agitator und dieser Film ein humaner Appell. Heute hat er eine andere Größenordnung. In jeder Szene, in jeder harmlosen Geste und sogar in seinem versöhnlichen Ende erinnert er beklemmend an den Holocaust. Und was einmal eine Mixtur war aus Trauer und Humor, aus  Bestürzung und Beruhigung, wird zum Vorboten des absoluten Grauens. Der Nachspann ist eine deutliche Mahnung: „Romanautor Walter Bettauer wurde  1925 von einem fanatischen Nationalsozialisten angegriffen und starb an seinen Verletzungen.“ Auch damals schon ging es um Leben und Tod.