Stunde der Wahrheit

TRIER. Nach zwei erfolgreichen Produktionen auf der Basis eher ungewohnten Liedguts ("Brel" und "Judas") wagt sich das neue Trierer Tanz Theater erstmals an einen Klassiker. Der Evergreen "Giselle" dürfte allerdings bei Sven Grützmacher in gewohnt ungewohntem Kleid auf die Bühne kommen.

Es wird in vielerlei Hinsicht eine Premiere, was dem Trierer Theater am Samstag ins Haus steht. Für Ballettchef Sven Grützmacher ist es die erste Klassiker-Produktion mit großem Orchester überhaupt. Für Dirigent Christoph Jung ist es die erste große Tanz-Theater-Arbeit. Und für das Trierer Publikum wird es das erste Mal sein, dass ein allseits bekanntes klassisches Ballettstück mit den Mitteln des modernen Tanztheaters neu interpretiert wird. Wird das so etwas wie eine Stunde der Wahrheit, nachdem das Publikum die tänzerischen Auseinandersetzungen mit den Chansons von Jacques Brel und dem Judas-Mythos begeistert bis wohlwollend aufgenommen hat? Sven Grützmacher dreht sich eine seiner bleistiftminendünnen Zigaretten und lässt die Frage unbeantwortet. "Irgendwie" stehe schließlich "jede Tanztheater-Produktion auf der Kante". Und doch ahnt der Theater-Mann, dass es ein Unterschied ist, ob man ein neues, selbst kreiertes Stück herausbringt oder ob man - wie bei "Giselle" - gegen 165 Jahre Inszenierungsgeschichte antreten muss. Das Ballett mit der Musik von Adolphe Adam gehört wie "Schwanensee" oder "Der Nussknacker" zum kleinen Kanon der allseits bekannten und beliebten Tanzstücke, die in keinem Repertoire fehlen dürfen. Dabei war das ursprünglich eher pantomimische Werk mehr als ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit geraten, bevor es 1910 dank Sergej Dhiagilew aus der Versenkung auftauchte. Die traurig-romantische Elfen- und Geistergeschichte um das Dorf-Mädchen Giselle, das sich in einen verkleideten Prinzen verliebt und sich umbringt, als es merkt, dass es betrogen wird, rührte und rührt weltweit Millionen Zuschauer. Da ist es nicht leicht, neue Wege zu gehen. Aber Sven Grützmacher ist keiner, der auf einfache Lösungen setzt. Natürlich gebe es bei ihm "keine Kopie der Leningrader Version", sagt er, "schon weil wir keine 64 Tänzer haben, sondern zwölf". Aber er würde wohl auch sonst kaum darauf verzichten, sich "eigene Gedanken zum Sujet der Romantik zu machen". Dabei verzichtet er nicht auf Bodenhaftung. Den ersten Akt siedelt er bei einem moselanischen Weinfest an - späte Frucht eines Fest-Besuchs in Bernkastel-Kues im Sommer 2005, als er gerade frisch in der Region angekommen war. Im zweiten Akt aber, wenn die tote Giselle im Geister-Zauber aufersteht, hat Grützmacher Tiefenpsychologie im Sinn: Das bunte Treiben im Feenwald will er als einen jener Wachträume interpretieren, die Sterbende in der Phase zwischen Leben und Tod träumen sollen. Er hat sich eingelesen in die Forschung, die sich mit diesem Bereich befasst. Er will "Romantik, aber keinen Kitsch", wofür auch die Ausstatterin Änn steht, die schon bei "Brel" überzeugte. Aber ausschließlich ernst will Grützmacher das Stück auch nicht nehmen. Bei der Musik höre man "den Witz und die Ironie manchmal heraus", der dahinter stecke. Mit Dirigent Christoph Jung habe er intensiv am musikalischen Teil gearbeitet, und Jung wiederum habe sich ungewöhnlich stark für die szenische Umsetzung interessiert. "Eine hervorragende Zusammenarbeit, bei der alle neue Erfahrungen sammeln", so beschreibt er die Produktion. Für das Trierer Publikum bringt "Giselle" auch die erste Begegnung mit einem spannenden Tänzer: Michael Rissmann, früher unter anderem in Zürich und an der Staatsoper Berlin beschäftigt, tanzt als Gast den Prinzen Albrecht. Premiere am Samstag, 28. Oktober, 19.30 Uhr.