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Kultur: Suche mit tödlichem Ausgang: „Wo bist du, João Gilberto?“ läuft im Trierer Broadway

Kultur : Suche mit tödlichem Ausgang: „Wo bist du, João Gilberto?“ läuft im Trierer Broadway

Der Film „Wo bist du, João Gilberto?“ folgt den Spuren des Autors Marc Fischer.

Die Revolution kam auf leisen Sohlen. Kein einziger Schuss fiel. Es gab weder Tote noch Verwundete. Und statt „Nieder mit dem Regime“ (wie es Fidel Castro in Kuba tat) rief der brasilianische Revolutionsführer „Schluss mit der Sehnsucht“ („Chega de Saudade“). Um genau zu sein: Er rief es nicht, er flüsterte es. Wehmut statt Wut. Doch die Wirkung war einschlagend. Über Nacht übernahm die Bossa Nova die musikalische Herrschaft in Brasilien. Das war im Jahr 1959.

Der Flüsterer hieß João Gilberto. Ein scheuer, introvertierter 27-Jähriger, der – nur mit einer Wandergitarre bewaffnet – auf die Bühne ging, weltvergessen ein wenig zupfte und dazu schwermütige Lieder hauchte. So etwas hatte es in Lateinamerika, dem Kontinent der Gauchos und Machos, bis dato nicht gegeben: ein Mann, der zu seiner Sensibilität und Verletzlichkeit stand. Der nicht die Muskeln, sondern die Saiten sprechen ließ. Und diese erzählten von hoffnungsloser Liebe und unerfüllter Sehnsucht. Lieder für Menschen mit gebrochenem Herz.

Weil es solche nicht nur in Brasilien gibt, tat sich João Gilberto 1963 mit dem amerikanischen Saxofonisten Stan Getz zusammen. Ans Klavier setzte er seinen Freund Antônio Carlos Jobim, den Debussy unter den Bossa-Nova-Komponisten. Und das Mikrofon drückte er seiner Ehefrau Astrud in die Hand. Das musikalische Ergebnis löste ein Beben aus, das bis heute nachhallt. „Girl from a Ipanema“ ist vermutlich der meistgecoverte Nachtbar-Song aller Zeiten, in jedem Fall der melancholischste.

Einer, der genau hinhörte, wenn João Gilberto Gitarre spielte, war der Autor Marc Fischer. In den 90er Jahren galt er als Shootingstar des deutschen „New Journalism“. So subjektiv und aufregend wie er schrieb sonst keiner. Wenn Marc Fischer von einem Interview mit Kate Moss erzählte, wurde daraus eine Liebesgeschichte. Und wenn er begründete, warum er im Alter von 24 mit dem Rauchen anfing, dann bekamen selbst militante Nichtraucher plötzlich Lust auf eine Zigarette. Denn aus seinen Texten sprach eine Lebensgier, die unersättlich schien.

Und die enttäuscht werden musste. Als Marc Fischer 40 war, hatte ihn die Lebensmittenkrise mit voller Wucht erwischt. Plötzlich war die Zukunft keine Wundertüte mehr, sondern ein schwarzes Loch, das Angst machte. Ihn plagten Selbstzweifel und existenzielle Fragen.

Antworten suchte er in Brasilien. Beim Experten für akustische Herz-Schmerztherapie: João Gilberto. Doch wie spürt man einen Menschen auf, der sich seit über 30 Jahren unsichtbar macht, der sich – von seltenen Konzerten abgesehen – der Öffentlichkeit verweigert? Indem man zum Detektiv wird. Fischer verwandelt sich in Sherlock Holmes und seine Begleiterin, die Übersetzerin Rachel, in Dr. Watson.

Doch je tiefer sie in die Welt des João Gilberto eindringen, je mehr Weggefährten sie treffen, je mehr Details sie über dessen Leben erfahren, desto verwirrender und, ja, unheimlicher, wird die Suche. So warnt sie der Komponist Roberto Menescal: „Es ist etwas Dunkles an ihm. Er verändert die Menschen, die mit ihm zu tun haben. Du wirst vielleicht den Rest deines Lebens verdammt sein.“

Menescal sollte Recht behalten. Nach seiner Rückkehr zieht sich Marc Fischer zwei Monate lang komplett zurück. Wie ein Getriebener schreibt er Tag und Nacht an „Hobala – auf der Suche nach João Gilberto“. So entsteht ein Buch, das sich dem Leser wie eine Bossa Nova nähert: Leicht und elegant im Stil, doch dahinter türmt sich ein emotionales Gebirgsmassiv auf.

Und das war am Ende übermächtig. Marc Fischer hatte sich leer geschrieben. Am 2. April 2011 gab er die Suche endgültig auf. Sein Buch erschien eine Woche nach seinem Tod.