| 19:09 Uhr

Miniserie „Schöner Schreiben“
Lesen, was privat sein sollte

Auch Eric Wychlacz kann die Sütterlin-Schrift übersetzen, gelernt hat er sie an der Uni Trier.
Auch Eric Wychlacz kann die Sütterlin-Schrift übersetzen, gelernt hat er sie an der Uni Trier. FOTO: Photographer:J.LaackmanPSL-Laac / TV
Trier/Hamburg/Karlsruhe. Tagebücher, Gedichte, Erinnerungen – manchmal findet man auf dem Dachboden alte Aufzeichnungen von Verwandten, die man selbst nicht lesen kann. Sütterlin-Übersetzer können die Geheimnisse der Vergangenheit wieder lesbar machen. Von Stefanie Braun
Stefanie Braun

Einkaufszettel, Notizen beim Telefonat, To-Do-Listen im Büro – vieles, was man tagtäglich schreibt, dient einem nützlichen Zweck. Nicht mehr. Geschriebenes kann aber auch einen tieferen Sinn haben, einen emotionalen Wert, einen persönlichen Bezug zum Schreiber. Auch das ist nichts neues, in fast allen Kulturen und fast allen Jahrhunderten nutzten Menschen das geschriebene Wort, um etwas von sich festzuhalten. Tagebücher, Gedichte, Biografien sind einige wenige Beispiele, die im wahrsten Sinne des Wortes einen Ausdruck vom Leben und Denken von Menschen berichten. Eric Wychlacz kann auch einige Geschichten vom Ausdruck anderer Menschen erzählen. Der 34-Jährige hat in Trier Geschichte, Ethnologie und klassische Archäologie studiert, danach ein Volontariat im Badischen Landesmuseum Karlsruhe gemacht, eine duale Ausbildung zum Archivar abgeschlossen und arbeitet jetzt im Stadtarchiv Karlsruhe.

Eric Wychlacz kennt sich aus mit Geschichte. Und mit Geschichten. In der Uni Trier hatte er mehrere Kurse in der sogenannten Kurrentschrift belegt, der Schrift, aus der Sütterlin heraus entwickelt wurde. Diese war damals ein Auftrag vom preußischen Kultusministerium, um Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern. Er kann die Texte lesen und sogar ein bisschen schreiben, wenn auch nicht „einfach so aus dem Handgelenk“. Er arbeitete in verschiedenen Projekten in der Uni mit und hat zeitgenössische Quellen transkribiert. Und mehr. Einmal kam sein Chef zu ihm, ein israelischer Kollege hatte ihm eine Übersetzungsarbeit weitergeleitet, handschriftliche Aufzeichnungen über Kriegserlebnisse eines Verwandten, in Sütterlin. Wychlacz übersetze sie, bald kamen weitere Kollegen auf ihn zu. Während seines Volontariats baute er sich in Karlsruhe so ein zweites Standbein auf und gründete das Sütterlin-Büro.

Was bei ihm auf dem Schreibtisch landet, könnte unterschiedlicher nicht sein: von Behördenschriften über alte Verträge, Geburts- und Sterbeurkunden, bis hin zu Feldpostbriefen, Kriegstagebüchern oder gar alten Volksliedern und Gedichten. „Alles, was Leute auf dem Dachboden und in Nachlässen von Verwandten finden“, sagt er und erinnert sich an bewegende Schilderungen aus einem Tagebuch, das ein politischer Gefangener eines Konzentrationslagers geschrieben hatte.

Oder an die Anfrage aus Neuseeland, bayerische Volkslieder zu übersetzen. Auf Mundart. Ein japanischer Kunde ließ ihm Briefe von Max Weber für ein Forschungsprojekt zukommen.

„Salopp ausgedrückt werde ich dafür bezahlt, dass ich Geschichten lese, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. So erhalte ich Einblicke in die Sorgen und Träume von Menschen, die oftmals vor mehr als einhundert Jahren gelebt haben“, sagt er.

Wünsche, Ängste, Sorgen und Träume. Teils sei es sehr emotional, was er da lese, sehr intim, oft mitreißend und manchmal auch einfach schön. Alles was geschrieben wurde, könne auch auf seinem Schreibtisch landen: von Künstlerschrift bis KZ-Tagebuch, von technischer Anleitung bis zu religiösen Liedern. Es gebe viele Parallelen zwischen den Menschen damals und heute: Liebe zum Beispiel, den Wunsch, ein gemeinsames Leben aufzubauen, aber oft auch jemanden, der dazwischenfunkt. Was sich geändert hat sind spezielle Nöte:

„Viele Texte drehen sich auch um existenzielle Nöte: Oft wird von Hunger berichtet oder davon, dass Kleidung total verschlissen ist. Das haben wir heute, Gott sei Dank, in der Form nicht mehr.“

Aber auch die Sütterlin-Schrift könnte es bald nicht mehr geben, zumindest im Wissensbereich der Allgemeinheit.

„Das Lesen der Sütterlin-Schrift gehört zum Handwerkszeug eines jeden Historikers, die Kenntnisse über die Schrift werden also nicht verschwinden, aber sie wird in absehbarer Zeit nur noch von Experten entziffert werden können.“

Oder von Maschinen, es gebe Bestrebungen die Schrift von Programmen lesen zu lassen, vielleicht sei das in ein paar Jahren bereits möglich, sagt Wychlacz. Auf ähnliche Verfahren hofft auch Erich Witte, der erste Vorsitzende des Vereins Sütterlinstube Hamburg. 1996 gründete sich der Verein, und seine Entstehungsgeschichte ist ahnbar schön: Der damalige Leiter des Hamburger Altenzentrums Ansgar überlegte, was Ältere könnten, was Jüngere nicht beherrschten und stieß auf die Sütterlinschrift. Was als eine Form der „Beschäftigungstherapie“ begann, wuchs sich zu einer ehrenamtlichen Dienstleistung aus, an der auch Leute außerhalb des Altenzentrums teilhaben können. Jeden Mittwoch treffen sich die Übersetzer im Altenzentrum, um Briefe, Tagebücher, Reise- und Fluchtberichte kostengünstig zu übertragen. „In den Familien werden Briefe aus beiden Weltkriegen, Tagebücher, Familienurkunden, Reiseberichte, Briefe von Auswanderern an die Angehörigen in der Heimat, Kochbücher, Gedichte und Lebenserinnerungen aufbewahrt“, sagt Witte, „lesen kann sie kaum noch jemand.“ Sie würden es oft erleben, dass ihre Auftraggeber erst durch ihre Arbeit erführen, was „Bestürzendes, Erschütterndes oder auch Aufklärendes“ in den Hinterlassenschaften steckt. „Unsere Lebenserwartung wird niemals ausreichen, alle existierenden handschriftlichen Dokumente übertragen zu können. Den Ehrgeiz haben wir auch nicht. Aber es gibt vielleicht in einigen Jahren neue technische Möglichkeiten zur Übertragung“, sagt Witte.