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Ta ra tata tata rantaplan rantaplan ...

Ta ra tata tata rantaplan rantaplan ...

Neben "Orpheus in der Unterwelt" gehört sie zu Jacques Offenbachs Hauptwerken - und ist hierzulande doch ein wenig ins Hintertreffen geraten. Karl Sibelius bringt "Die Großherzogin von Gerolstein" nun nach Trier - mit ihm beziehungsweise seinem Alter Ego "Rose Divine" in der Titelrolle.

Trier. Gerolsteiner, alle mal herhören! Setzt euch erst mal hin. Ihr müsst jetzt stark sein. Denn ihr wart gar nicht gemeint. Zugegeben, der Name eures Örtchens ist in allen namhaften Operettenführern zu finden. Aber das ist reiner Zufall. Es hätte auch Grafenburg oder Drachenfels oder Klauenstein sein können - alles möglich.
Aber nun gut, Gerolstein. Durchaus wahrscheinlich, dass der kölsche Jung Jakob Offenbach in seiner Kindheit mal den Namen des von Köln nicht gar so weit entfernten Eifelstädtchens gehört hat. Ob er möglicherweise sogar mal persönlich vorbeischaute - dafür gibt es allerdings keine Belege.
Viel Gelegenheit für Ausflüge ins Grüne blieben dem Knaben ohnehin nicht, da er ab 1833 in Paris weilte - kein Tippfehler: Der Junge ist als vierzehnjähriger Teenager vom Papa tatsächlich zwecks musikalischer Ausbildung ins welsche Sündenbabel geschickt worden und nannte sich seitdem weltläufig Jacques. Kurz erwähnt sei noch, dass er das Studium nicht zu Ende führte, was aber kein Problem war, da er bei seinem Talent - zunächst als Cellist, später als Dirigent, Theaterleiter und schließlich als Komponist - keine Probleme hatte, adäquate Jobs zu finden.
So, und warum erzählen wir das alles? Der Grund dafür ist die nächste Premiere im Theater Trier: Manuel Schmitt inszeniert Jacques Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein". In der Hauptrolle ist Rose Divine zu sehen. "Er" - das ist ebenfalls kein Tippfehler: Karl Sibelius hat seine Kunstfigur vorgeschoben, um unter ihrem Namen seine Version von Offenbachs "opéra bouffe" zu singen, die, gerät der Intendant ins Schwärmen, so aktuell sei, dass man derzeit eigentlich gar nicht an ihr vorbeikommen könne: "Es geht um Kriege, um Intrigen, um politischen Postenschacher", und dem öffentlichen Hauen und Stechen steht das private Gerangel gegenüber: "Es geht auch um ganz viel Erotik, die Sucht nach Liebe, die Sucht nach Männern ..." Und eben diese Adlige, die für die amourösen und militärischen Irrungen und Verwirrungen sorgt.Und alle waren beleidigt


Klar, dass Gerolstein für solcherlei Kapriolen kaum der geeignete Ort sein kann. Aber Offenbach hatte mit der ersten Fassung seiner frech-frivolen "Offenbachiade", wie Karl Kraus die Operetten des Kölner Franzosen bezeichnete, Politiker, Soldateska und das sogenannte honorige Bürgertum gegen sich aufgebracht, denn alle fühlten sich von der Militär-Erotik-Stände- und Standesdünkel-Satire vors Schienbein getreten.
Im Mittelpunkt steht eben jene Großherzogin, die beim Anblick von Uniformen schwach und willig wird; ganz im Gegensatz zu dem schmucken Gefreiten, den sie sich als Spielzeug ausgesucht hat. Aber Liebessehnsucht lässt sich nun mal nicht so zielgerichtet einsetzen wie eine Flinte, und so muss die liebestolle Adlige schließlich mit dem vorliebnehmen, was sie kriegen kann.
Militärisches Ordensgeklingel und aufgeplustertes Soldatengebalze finden in Offenbachs Musikwerk mit dem Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy übrigens tiefsinnigen Ausdruck in der Liedzeile "Ta ra tata tata rantaplan rantaplan …", mit dem die Großherzogin ihrer Vorliebe für alles, was knallt, Ausdruck verleiht.Der Ruhm reicht bis Australien


Um also den Eindruck abzumildern, er habe die Franzosen gemeint (was er natürlich hatte), suchte der Komponist auf den Landkarten nach einem unverfänglichen Namen, um das Geschehen in ein harmlos-fiktives Niemandsland zu verlagern - und muss, so Sibelius' Interpretation, wohl irgendwie auf "Gerolstein" gekommen sein. Klingt ja auch ganz unverfänglich.
Für Karl Sibelius ist die Ortsbezeichnung jedenfalls mit ein Anlass, den auf deutschsprachigen Bühnen ein wenig in Vergessenheit geratenen Welterfolg - nach der Pariser Uraufführung 1867 wurde die Operette in ganz Europa, in New York und sogar in Australien zum Publikumsrenner - auch hier zu präsentieren: "Muss man doch als Intendant in Trier", meint der Trierer Intendant; schließlich liegt der vermeintliche Ort des Geschehens gerade einmal 90 Kilometer entfernt.
Die Inszenierung bringt Sibelius aus Eggenfelden mit; bereits dort am Theater an der Rott ist er als Travestiestar "Rose Divine" (zu dem er übrigens durch einen ehemaligen Pornostar inspiriert wurde - aber das ist eine andere Geschichte) in der Titelrolle aufgetreten (die ansonsten von sängerischen Schwergewichten wie Régine Crespin oder Felicity Lott verkörpert wurde).
Auch in Trier hat er keinerlei Berührungsängste zu den Kollegen vom "seriösen" Musikfach: Er ist der einzige Nicht-Opernsänger im Ensemble, gönnt sich dafür ein Mikroport - und ein Lied, das nicht in Offenbachs Originalpartitur steht, sondern von einer US-amerikanischen Discosängerin in die Evergreen-Kollektion geröhrt wurde - eine rotzfreche, kämpferische "Jetzt erst recht"-Hymne.
Passt aber irgendwie zu dieser Großherzogin, die, schaut man genauer hin, nicht frei von tragischen Unterströmungen ist. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden; ein paar Überraschungen am Premierenabend können schließlich nicht schaden.
Apropos Premiere: Die ist am Samstag, 5. Dezember, um 19.30 Uhr im Großen Haus. Am Abend zuvor, also am 4. Dezember, findet quasi die Feuerprobe statt: Anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Aidshilfe Trier lädt das Theater zur Aids-Gala ein - inklusive Großherzogin und ihrem gesamten Heer. Die Einnahmen des Abends fließen an die Aids-Hilfe. Beginn ist ebenfalls um 19.30 Uhr. Und wenn die Schlacht auf der Bühne geschlagen ist, geht's im Foyer weiter "mit einer schrägen Aftershow-Party" (O-Ton Theater).
Karten gibt es unter der Telefonnummer 0651/718-1818.