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Tabula Rasa für Tacheles

Tabula Rasa für Tacheles

Wenn ein Gebäude es geschafft hat, sich in den großen Reiseführern zu etablieren und jährlich ein paar Hunderttausend Besucher anzieht, wird es normalerweise gehegt und gepflegt. Anders das Berliner Kunsthaus "Tacheles": Es kommt am Montag unter den Hammer. Die Zukunft des alternativen Zentrums ist ungewiss.

Wer durch die edle Friedrichstraße Richtung Norden schlendert und dann nach rechts in die Fress- und Vergnügungsmeile Oranienburger Straße abbiegt, der wird geradezu magisch von dem heruntergekommenen Gebäudekomplex auf dem riesigen Eckgrundstück angezogen.

Es kommt selten vor, dass der Verfall derart malerisch daherkommt. Die unnachahmliche Mischung aus Alt-Ostberliner Ruine und alternativer Künstlerszene hat sich zum Pflichtprogramm vor allem für jüngere Touristen gemausert, und in dem sandigen Innenhof und den abenteuerlich-düsteren Kneipen drücken sich Japaner, Amis und Ruhrpottler reihum die Digicam in die Hand. Ateliers, Werkstätten, Theater: Motive gibt es reichlich.

Der Idylle droht das Ende



Die Idylle könnte allerdings bald zu Ende sein. So mancher Beobachter hat sich schon lange gefragt, wie es sein kann, dass in der attraktivsten Gegend der Stadt ein 25 000-Quadratmeter-Areal unbebaut in der Gegend herumsteht. Das Tacheles macht zwar nur ein Zehntel der Fläche aus, aber potenzielle Kauf-Interessenten wollen natürlich den ganzen Kuchen, für den der Eigentümer HSH Nordbank stolze 35 Millionen Euro aufgerufen hat. Ein Eldorado für Architekten - aber nur, wenn sie inklusive der Tacheles-Fläche planen können. Ein separater Verkauf ohne das Tacheles sei "überhaupt keine Option", erklärt eine Bank-Sprecherin, "alle potenziellen Kauf-Interessenten haben klar gesagt, dass das für sie nicht in Frage kommt".

Käufer wollen die ganze Fläche



Es wird wohl kaum das soziale Engagement der Investoren für das Kunsthaus sein, das sie auf dem Kauf des Tacheles bestehen lässt. Die bisherigen Betreiber fürchten, dass sie vertrieben werden und aus dem einst authentischen Projekt ein "Yuppie-Plagiat im Mitte-City-Stil" entsteht. Dass die HSH sie in den letzten Jahren mit harten Bandagen behandelte, dass es Räumungsversuche gab und die Drohung, das Wasser abzustellen, hat nicht gerade ein Vertrauensverhältnis geschaffen. Die Betroffenen hoffen gleichwohl noch auf eine Lösung. "Sollte es tatsächlich einen neuen Investor geben, werden wir Gespräche über den Erhalt des Kunsthauses aufnehmen", kündigt eine Sprecherin der "Gruppe Tacheles" an.

Der Blick richtet sich dabei auch auf die Politik. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat bereits verlauten lassen, das Gebäude sei im Grundbuch als Kunststandort festgehalten und stehe unter Denkmalschutz. "Ein solches Riesen-Areal kann ein Investor nur mit der Stadt und nicht gegen die Stadt entwickeln" sagt Regierungssprecher Torsten Wöhlert in Richtung Käufer.

Freilich sind sich auch die Tacheles-Betreiber nicht einig, die das Areal in den letzten zehn Jahren für eine symbolische Miete von einem Euro nutzen durften, aber auch instand halten mussten. Einige plädieren dafür, dass die Stadt das Gesamtgelände kauft, die anderen wären bereit, das Tacheles als "Einzelstück" auf eigene Rechnung herauszukaufen. Aber diese Option steht bei der Zwangsversteigerung am Montag gar nicht auf dem Programm.

EXTRA

TACHELES



Das heutige Tacheles entstand vor gut 100 Jahren als Kaufhaus. In der Nazi-Zeit residierten hier NS-Verwaltungen, in der DDR der Gewerkschaftsbund. Immer wieder gab es aber auch Nebennutzungen als Kino, Artistenschule oder Ausbildungsstätte. In den 1980er Jahren begann der Abriss, um Platz für eine neue Straße zu schaffen. 1990, nach der Wende, sollte der Rest gesprengt werden, was aber im letzten Moment durch eine Besetzung verhindert wurde. Es entstand mit Duldung des Senats ein Kunsthaus mit 30 Ateliers, Kneipen, Theater-, Kino- und Ausstellungssälen. 1998 plante ein Investor einen 400 Millionen teuren Neubau des gesamten Quartiers, der aber nie zu Stande kam.