1. Region
  2. Kultur

Tag der Architektur 2021 in der Region Trier: Interview mit Edda Kurz

Interview : Tag der Architektur 2021 in der Region Trier: „Gute Alltagsarchitektur mit hohem Anspruch“

Zum Tag der Architektur am 26. und 27. Juni: Die Vize-Präsidentin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz über die Bedeutung der Aktion und die Vorreiterrolle der Eifel.

Kommt und schaut, was möglich ist: So ließe sich die Intention des Tags der Architektur zusammenfassen. Immer am letzten Juni-Wochenende stehen jetzt bereits im 26. Jahr Bau-Projekte für Besucher offen. Die Vizepräsidentin der Architektenkammer Rheinland-Pfalz, Edda Kurz,  spricht über die Ziele der Aktion und  die Vorreiterrolle der Eifel, über  gute Alltagsarchitektur und die Herausforderungen der Zukunft – etwa den schonenden Umgang mit den vorhandenen  Ressourcen.

Wie wird das Angebot am Tag der Architektur angenommen, ungewöhnliche Bauten von innen sehen zu können?

EDDA KURZ Von Jahr zu Jahr kommen mehr Besucher in die Objekte, lediglich im letzten Jahr konnte man die Gebäude nur virtuell besuchen, aber auch das hat neue Interessentenkreise erschlossen. Grundsätzlich geht es aber um das räumliche Erlebnis vor Ort, darum Lichtführungen oder Materialien empfinden zu können. Generell rufen die privaten Wohnhäuser im Gegensatz zu den öffentlichen Bauten das größere Interesse hervor. Kindertagesstätten oder Schulen werden eher von Fachleuten und den Betroffenen, also zum Bespiel den Eltern, besucht.

Möchten die Besucher Inspirationen für ihre eigenen Wohnprojekte bekommen?

KURZ Ja, viele möchten die Erfahrung in den gezeigten Wohnräumen für sich selbst nutzen, sind vielleicht schon selbst in der Bauphase, kurz davor, oder möchten ein Haus kaufen. Es geht beim Tag der Architektur nicht nur um Neubauten, sondern auch um die großen Themen Umnutzung und Umbauen und eben nicht um ungewöhnliche Bauten. Ein großes Ziel dieses Tages ist es, gute Alltagsarchitektur mit hohem Anspruch zu zeigen. Er soll bewusst machen, dass auch kleine Aufgaben qualitätsvoll gelöst werden können oder sogar müssen. Das gilt schon, wenn jemand sich nur einen Wintergarten anbauen oder eine neue Eingangssituation schaffen möchte. Wenn eine ganze Straße nur aus „ungewöhnlichen“ Bauten bestehen würde, hätten wir ein Problem in der Gestaltung des Ortsbildes.

Lässt sich anhand der Objekte der vergangenen 25 Jahre, es ist ja nur ein Ausschnitt, eine Richtung erkennen? Wie entwickelt sich die Architektur in der Eifel, im Hunsrück, an der Mosel und in Trier?

KURZ Die Eifel hat zum Beispiel eine Vorreiterrolle für ganz Rheinland-Pfalz. Dort besteht seit etwas mehr als zehn Jahren die „Initiative Baukultur Eifel“, die sich dem zeitgemäßen Bauen unter Berücksichtigung des Bestandes im Eifelkreis Bitburg-Prüm verschrieben hat. Sehr viele Objekte werden um- oder angebaut. Es geht um den Erhalt der regionalen Alleinstellungsmerkmale, das ist in der Eifel zum Beispiel das typische Trierer Einhaus. Ein quergelagertes Bauernhaus, in dem neben dem Wohnhaus unter einem Dach auch die Scheune mit großem Tor untergebracht ist. In anderen Regionen hat man eher Haus-Hof-Strukturen oder Dreiseit-Höfe. Außerdem gibt es Materialunterschiede. In der Pfalz ist der rote Pfälzer Sandstein typisch, und entlang der Mosel der Moselschiefer. Trier hat als Stadt wieder eine ganze andere Formensprache als der umliegende ländliche Raum. Das macht Architektur spannend und vielfältig. Regionalität ist identitätsstiftend und nicht einfach übertragbar. Das ist speziell ein Thema im Privathausbau. Wer in der Toskana schöne Fliesen gesehen hat und sie zu Hause auch haben möchte, wird feststellen, dass oft kein stimmiges Gesamtbild entsteht, wenn man Material aus seinem Kontext herauslöst.

Die Eifel ist ein Vorreiter. Wie entwickelt sich die Fürsorge für regionale Bautradition zum Beispiel im Hunsrück?

KURZ Im Hunsrück gibt es noch nicht so viele Best-Practice-Projekte wie im Eifelkreis. Wir würden uns zum Beispiel wünschen, dass es im neuen Nationalpark Hunsrück-Hochwald eine Initial-Zündung für wegweisende Objekte geben würde – in der Beherbergung, in der Gastronomie oder einfach in Infrastrukturprojekten im Park  mit Wiedererkennungswert.

Versuchen Sie, auf die Entwicklung im Nationalpark Hunsrück-Hochwald Einfluss zu nehmen?

KURZ Hier hat sich die Architektenkammer mit dem Nationalparkamt und der Baukultur Rheinland-Pfalz für einen mobilen Gestaltungsbeirat engagiert. Bauwillige, die eine größere Investition geplant haben, zum Beispiel ihre Gastronomie ausbauen wollen, können sich zu ihrem Projekt beraten lassen. Ein solche Präsentation vor einem Gestaltungsbeirat ist ein gutes Regulativ, um zu prüfen, ob ein Vorhaben sich in eine gewachsene Ortsstruktur einfügt. Das ist wichtig, auch wenn es nicht immer um ein pittoreskes Denkmaldorf geht. Diese Projekte können am Tag der Architektur dann wiederum Vorbilder sein, wie ein Stein, den man ins Wasser wirft und der seine Kreise zieht.

Unter den Teilnehmern des Tags der Architektur sind regelmäßig Vinotheken und Winzerhäuser. In diesem Segment tut sich einiges: Stahl und Design statt Eiche rustikal.

KURZ Es gibt ja eine Generation von jungen Winzern, die leichte, junge Weine machen und mit ihnen emanzipiert sich auch die Probierstube von der bodenschweren Gemütlichkeit, weg von Eiche rustikal, kleinen Fenstern und introvertierten Innenräumen. Es zeigt sich, dass beispielsweise auch ein Raum mit großen Fenstern, der sich weit öffnet und die Landschaft einbezieht, Geborgenheit und Verortung vermitteln kann. Auch in diesem Bereich ist die Entwicklung durch Best-Practice-Beispiele befördert worden. Es gibt den „Architektur-Preis Wein“, der ähnlich wie der Tag der Architektur auf immer mehr Interesse und Teilnehmer stößt. Jeder schaut dabei mit sehr viel Augenmerk, was die anderen machen, denn es geht auch um Vermarktung, Werbung und Selbstdarstellung durch Architektur.

Das Motto des diesjährigen Tags der Architektur ist „Architektur gestaltet Zukunft“. Was ist damit gemeint?

KURZ Im Moment stehen wir vor einer ganz großen Herausforderung, die man unter dem Begriff Nachhaltigkeit subsumieren kann. Die Frage, was in der Architektur und beim Bauen nachhaltig ist, wird ja schon lange diskutiert. Aber es findet zurzeit ein Paradigmenwechsel statt. Nachhaltig bedeutet nicht länger, nur hochgedämmte Gebäude zu bauen, sehr viel Technologie für die Einsparung von Energien in der Heiztechnik oder im Stromverbrauch einzusetzen, sondern die erste Ressource, mit der wir umgehen und arbeiten müssen, ist der Bestand. Man muss vielmehr die Werte nutzen, die schon im Gebäude stecken und nicht mehr so kurzfristig denken. Gebäude sind keine Rendite-Objekte, die wenn sie ihre wirtschaftliche Abschreibungsdauer erreicht haben, abgerissen werden, sondern wir müssen zu einem langfristigen Bestandsdenken kommen.

Also stärker schauen, was lässt sich aus dem machen, was da ist?

KURZ Das sieht man an den zum Tag der Architektur eingereichten Objekten. Über die Hälfte davon sind um-, an- und weitergebaut worden. Die Aufgabe unserer Zeit ist es, zu zeigen, wie man nicht nur aus einem Fachwerkhaus etwas Schönes machen kann, sondern wie man auch die oftmals ungeliebten Bauwerke aus den 1960er oder 1970er Jahren durch geschickte architektonische Eingriffe zeitgemäß umwandeln kann, um sie in die Zukunft zu führen.

Nachhaltigkeit bedeutet also vor allem die Achtung bestehender Bausubstanz?

KURZ Man muss bedenken, das in unseren Bindemitteln, Beton oder Mörtel, alleine durch das Gewinnen und Brennen des Baustoffes, sehr viel graue Energie gebunden ist, die verloren ist, wenn man ein Gebäude abreißt. Es wird zwar oft von Recycling gesprochen, aber Beton wird dann lediglich zu Schotter. Die verbrauchte Energie ist verloren. Es wird in zu kurzfristigen Zyklen gedacht und ein fehlendes Brandschutz-Konzept oder ein Fußbodenbelag, der nicht mehr gefällt, sind noch lange kein Grund ein Haus abzureißen. Alle Rohstoffe, die man der Erde entnimmt, auch Kies oder Sande, sind endlich und lassen sich nicht reproduzieren. Mit ihnen müssen wir sorgsam umgehen.