Tanz auf dünnem Eis

Tanz auf dünnem Eis

Es ist eine Uraufführung: Karsten Müller inszeniert sein neues Stück "Déjà Vu", das die Zeit von 1913 bis 1923 Revue passieren lässt, derzeit im Kasino am Kornmarkt in Trier. Der Zweiakter hat am 8. September Premiere und steht unter dem Thema des Kultursommers Rheinland-Pfalz:"Epochen".

Trier (mith) Dunkle Wolken werfen am Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Schatten voraus. Es lauert eine drohende Katastrophe bisher nicht vorstellbaren Ausmaßes. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Schriftsteller und andere Künstler thematisieren diese unterschwellige Untergangsstimmung und die Verdrängung einer verhängnisvollen Entwicklung. Auch im Kasino in Trier wird im heißen Sommer 1913, am Vorabend des großen Krieges, ausgelassen gefeiert. Irina Hambach (Nadine Woog) und Felix Birnbaum (gespielt vom Pantomimen Jomi) unterhalten die Gäste mit Varietéeinlagen. Irina singt liederliche Lieder von Otto Reuter und Frank Wedekind, Felix spitzt die zwischenmenschliche und gesellschaftliche Lage in pantomimischen Szenen zu. Der etwas undurchsichtige Leutnant Albert Fandel, gespielt von Sebastian Gasper, scheint einen Anschlag zu planen auf die neu eingeweihte Kaiser-Wilhelm-Brücke. Die Debütantin Betty Weiler wird - wie fast hundert Jahre vorher die spätere Jenny Marx - in die feine Trierer Gesellschaft eingeführt und träumt von einer erfolgreichen Zukunft. Anna von Bohlen, aus einem Adelsgeschlecht aus Westfalen, ein intellektuell-kritischer Geist, ist nach Trier gezogen, um dort ihr Glück zu finden.
Dem Weinhändler Karl Weiler, vermögend, geht es prächtig. Er verliebt sich in Anna. Schnitt: Zehn Jahre später, wieder im Kasino. Alle haben den Krieg überlebt. Alles scheint so zu sein wie früher. Déjà Vu. Aber was ist aus den sechs Vorkriegsfiguren geworden, wie haben sie sich entwickelt?
Autor und Regisseur Karsten Müller versucht, in seinem Stück Antworten auf diese Fragen zu geben. "Mich hat insbesondere beschäftigt, wer sich bei veränderten gesellschaftlichen Umständen halten kann, wer sich anpasst, wer abstürzt", sagt Müller, der mit seinem Theater-Unternehmen Frosch Kultur schon die Claire Waldorff-Revue "Das Schmackeduzchen" inszeniert hat. Ihn interessiere besonders, wie sich Leute heutzutage in ähnlichen Situationen verhalten würden, wer sein Mäntelchen in den Wind hänge, und wer seine Grundsätze beibehalte. Daher gibt es für ihn Analogien zur heutigen Zeit und eine klare Beziehung zur aktuellen politischen Situation.
"Das Eis der Zivilisation ist dünner, als man denkt, und Liberalität oft nicht sehr tiefgehend", sagt er. Er will für ein politisches Bewusstsein werben und bestimmten Entwicklungen eine Absage erteilen. "Déjà Vu" ist für Müller ein Stück Stadtgeschichte, eine Mischung aus ernsthafter Botschaft und Unterhaltung. Und für Unterhaltung wird gesorgt. Da werden Couplets von Otto Reuter und anstößige Lieder von Frank Wedekind zu Gehör gebracht. Seine Darsteller sind keine Unbekannten in Triers freier Kulturszene: Nadine Woog sang und spielte bereits in der Odyssee.16 und in der Jazz-Oper Blue Sheets, Sebastian Gasper war zuletzt in dem Film "Danke Afrika - Hilfe, die ankommt" zu sehen, Monika Wender ist bekannt aus Tufa-Tanz und einigen Tufastücken, Johannes Metzdorf feierte zuletzt Erfolge mit dem "Schmackeduzchen". Der weltbekannte Pantomime Jomi wird eine Reihe von Szenen präsentieren. Es hat den berühmten Künstler gereizt, zum ersten Mal in einem abendfüllenden Stück in einem Ensemble zu spielen. Es dürfte ein kurzweiliger Abend im Kasino werden.

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