Tanzen gegen die Alpträume

Tanzen gegen die Alpträume

Einen pessimistischen Blick auf die Welt werfen die drei jungen Choreographen der "nächsten Generation", deren Tanzstücke im Theater Trier Premiere hatten.

Trier Seit jeher haben Schlaf und Schlaflosigkeit die künstlerische Arbeit ungeheuer inspiriert. Der Franzose Marcel Proust machte schreibend die Nacht zum Tage. Franz Kafka entdeckte die düstere Symbolik der Alpträume, und der schlaflose Graf Keyserlingk ließ sich von Johann Sebastian Bach die berühmten "Goldberg-Variationen" als Nachtmusik komponieren. Sie alle stehen Pate in Robert Przybyls Tanzstück "Going No?Where", mit dem die jüngste Produktion der Tanz Sparte des Theaters Trier endet. Der Tänzer ist einer der drei Choreographen der "nächsten Generation", deren Arbeiten die Sparte unter dem gleichnamigen Titel derzeit vorstellt.

Ein weißer, kahler Raum, Sinnbild einer kalten Welt ist Przybyls Bühne, die in allen drei Stücken von den Choreographen selbst ausgestattet wurde. Ein Störgeräusch: dann erklingen feinsinnig und seelenvoll Bachs "Goldberg Variationen" (Sound-und Videodesign: Robert Przybyl - in der älteren Version hatten wir fälschlicherweise Jörn Nettingsmeier angegeben).

o lange, bis neue Störgeräusche ertönen und sich die Alpträume der schlafenden Luiza Braz Battista, die hinten auf dem Boden liegt, bemächtigen. In der Stimme von Juliane Lang (Schauspielensemble), deren Gesicht im Video auf der Bühnenwand erscheint, wird Wortgestalt, was die schlafende Frau erlebt (Texte Juliane Lang) und was Przybyl anschließend in Bewegung und Geste als Weltsicht und Befindlichkeit veräußert.

Es ist eine kalte, bedrohliche, orientierungslose Welt, die sich in diesem Traumspiel darstellt. Darin schafft Victor Alfonso Zapata Cardenas mit seinen Schritten ein Geviert, das gleichermaßen Gefängnis wie sicherer Raum ist, und das der Choreograph immer wieder auflöst. Dynamisch geht Przybyl mit dem Raum um, hält die Balance zwischen strenger Ordnung und Chaos. Eindrücklich vermögen die jungen Tänzer, allen voran Sergey Zhukov, Angst, Gewalt, Einsamkeit und vergebliche Annäherung zu vermitteln. Etwas diffus wirken die Videos, und auch das Fragezeichen im Titel hinter dem "No" ist ein wenig Bedeutsamkeit zuviel in dieser fraglos komplexesten Choreographie des Abends.

Um die nackte Existenz geht es in Darwin José Diaz Carreros getanztem Duett "Inner Jail". Angefeuert von bedrohlichem Getrommel sind Heloïse Fournier und Victor Alfonso Zapata Cardenas hilflos dem unentrinnbaren Gefängnis ihrer Zwangsstörungen ausgeliefert. Darin ist jede Bewegung von höchster Dringlichkeit. Mit geradezu atemberaubender Präzision vermitteln die beiden Tänzer Zwanghaftigkeit und Getriebenheit. Begonnen hatte der Abend mit einer Frage. "Who is Victor?" will Paul Hess in seiner Performance wissen. Wie hier zu sehen, ist er gleichermaßen Mann oder Frau im grauen uniformen Overall (Kostüme Carola Vollath und Yvonne Wallitzer), der im eintönigen Käfig seiner Lebensroutine eingesperrt ist und ihm vergeblich zu entfliehen sucht.

Choreographisch bleibt diese Performance auch recht eintönig. Umso gelungener ist die Bühnenarchitektur mit ihren schwarzen und weißen Kuben, in denen die grauen Gestalten der Tänzer wie die Bühnen-Bilder von Oskar Schlemmer wirken. Tatsächlich überzeugen sie auch da am meisten, wo sie sich geradezu puppenhaft bewegen. Alles in allem ein eindrücklicher, wenngleich pessimistischer Abend mit existentiellen Fragen und dem Ausblick auf hoffnungsvolle Talente. Das Publikum, dessen Stuhlreihen diesmal mit auf die Bühne verlegt waren, dankte mit herzlichem Applaus.

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