Tanzen, Taschen nähen, rappen: Wie Kunst in der Region bei der Integration von Flüchtlingen hilft

Tanzen, Taschen nähen, rappen: Wie Kunst in der Region bei der Integration von Flüchtlingen hilft

Was haben Tanzstücke über Sex, Taschen nähen und ein Rap auf Syrisch gemeinsam? Sie können helfen, Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren. Drei Beispiele aus der Region.

Trier/Wittlich/Bitburg. Ist das Kunst oder kann das weg? Eine Frage, die in Debatten darüber wie viel man für künstlerische Betriebe ausgeben sollte, von beiden Seiten gerne genutzt wird. Kunst stellt zwar für viele keine Notwendigkeit dar, kreative Arbeit kann in der Integrationsarbeit dennoch eine wertvolle Brücke sein. Laut Michaela Brohm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Positiv-Psychologische Forschung an der Uni Trier, sei kreative Arbeit an sich eine Art von Integrationsarbeit. "Es geht oft darum, sich selbst wahrzunehmen, um die Integration alter oder neuer Erfahrungen. Die kreative Arbeit bringt Menschen dabei in Kongruenz, in Übereinstimmung, mit sich selbst", erklärt sie. Nicht umsonst seien kreative Arbeiten ein Teil von Therapieformen: Wer Traumatisches erlebt habe oder eine schlechte Zeit durchgestanden habe, der könne sich mit Kunst helfen. Zudem öffne es das Bewusstsein für neue, positive Erfahrungen. In der Region nutzen manche Gruppen und Vereine kreative Arbeit zur Integration von Flüchtlingen. Drei Beispiele:

Tanzen in Trier. Saeed Hani muss lachen. Der Mann, mit dem er eben noch halbnackt und eng umschlungen auf der Bühne getanzt hat, liegt vor ihm auf dem Boden der Bühne im Großen Saal der Tufa Trier. Er ist mit den nackten Schultern über die Bretter gerutscht, was ein pupsendes Geräusch von sich gegeben hat, die romantische Stimmung des Moments ist dahin. Die Probe des Tanzstückes "One Night Stand" ist unterbrochen.
Um gleich damit aufzuräumen, meint Hani, in dem Stück geht es genau darum, was sein Titel verspricht. Es geht um Sex, um Liebe, natürlich auch gleichgeschlechtliche Liebe, aber vor allem soll es einen Vergleich anstellen zwischen Europa und den arabischen Ländern. "Es geht um die Auslebung der eigenen Sexualität, gerade für Homosexuelle ist das im arabischen Raum auch heute noch schwierig", sagt Hani und erzählt die Geschichte eines Bekannten, der wegen gleichgeschlechtlicher Liebe zu sechs Monaten Haft verurteilt worden war. Sechs Monate in einem Raum ohne Fenster, ohne Hofgang. Seitdem spricht er nicht mehr, sagt Hani. Auch deswegen kam der 27-Jährige vor einigen Monaten nach Deutschland. Außerdem sagt der gläubige Christ mit dem goldenen Kreuz um den Hals, sei der Krieg nicht seiner und er sei seinem Traum, Tanzstücke zu inszenieren ohne Reglementierungen, hier so nah wie noch niemals.
Marion Poma sitzt im Publikum und schaut den jungen Tänzern bei der Probe zu. Sie ist Vorstandsmitglied des Vereins Mensch mit Mensch, der hinter der Aufführung steht. Der noch junge Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen wie Hani zu unterstützen. Nicht mit Geld oder Spenden, sondern mit Möglichkeiten, ihre Profession in Deutschland auszuleben. Es gehe darum, erklärt die 62-Jährige, Künstler aus Europa und geflüchtete Künstler zusammenzubringen, damit es einen Austausch gebe, eine Bereicherung auf beiden Seiten.
Auch Maher Abdul Moaty ist einer der Tänzer der Inszenierung. Seit einem Jahr lebt der Syrer in Trier. Deutsch ist eine schwierige Sprache. Tanzen sei für ihn eine Möglichkeit der sprachlosen Kommunikation, eine Möglichkeit etwas von sich auszudrücken und an die Gesellschaft zurückzugeben. Sein ganz persönlicher Beitrag zur Integration.
Laut Michaela Brohm machen Maher und Hani noch wesentlich mehr: "Etwas zu tun, was sinnvoll ist - etwas zu gestalten, zu schaffen, was man anderen Menschen zeigen oder schenken kann, schafft Lebenssinn und damit Wohlbefinden. Man gibt einen Teil von sich." Außerdem dienen Kunstwerke immer als Gesprächsanlass: Warum hast du dieses Bild gemalt? Was oder wer ist das auf dem Bild? "Diese Fragen fördern den menschlichen Austausch, und damit auch die Annäherung von Kulturen", erklärt Brohm.

Taschen in Wittlich. Ähnliches erlebt Claudia Jacoby jeden Tag in ihrer Altstadt Buchhandlung in Wittlich. Die Leute fragen nicht mehr nur nach einem Buch, sie fragen nach den neuen Tragetaschen. Jacoby hat 100 Tragetaschen aus Stoff gekauft, jedes von ihnen ein Unikat, alle aus Stoffresten genäht von dem jungen Flüchtling Mohamad Hamsho, der in seiner Heimat Syrien Schneider war. Seit 15 Monaten ist er in Deutschland. Entstanden ist die Idee aus einem Plausch mit Michaele Schneider, der Geschäftsführerin vom Kinderschutzbund Wittlich und der Flüchtlingsbeauftragten der Stadt Wittlich. Seit Mai schneidert Hamsho nun in einer kleinen Projektwerkstatt im Mehrgenerationenhaus, er sei einfach froh, wieder etwas zu tun zu haben und dankbar für die neue Lebensperspektive. Nachbestellungen hat er auch schon: "Das ganze zieht Kreise in der Stadt, andere Läden wollen die Taschen auch für sich. Die Kunden sind begeistert, weil es nachhaltig ist und dem jungen Mann eine Möglichkeit gegeben wird, seine Fähigkeiten auszuleben", sagt Schneider. "Kreative Arbeit kann bei der Integration nützlich sein, weil die Menschen sich nicht nur als Hilfeempfänger sehen, sondern sich selbst einbringen können. Dadurch entsteht eine Begegnung auf Augenhöhe."
Hamsho winkt immer, wenn er am Ladenfenster von Jacoby vorbeigeht, die 52-Jährige winkt zurück: "Es ist eine schöne Möglichkeit, miteinander in Kontakt zu treten, man muss gar nicht viel sprechen, sondern kann andere Kanäle benutzen. Und man kann den anderen einfach wertschätzen, über dass, was einem gezeigt wird."

Rappen in Bitburg. Auch bei der Westeifelschau in Arzfeld haben zwei minderjährige Flüchtlinge gezeigt, was sie können: Zusammen haben sie auf der Bühne gerappt, in ihrer Muttersprache über ihren Weg nach Deutschland. Irmgard Mminele, Flüchtlingsbeauftragte vom Deutschen Roten Kreuz, ist generell für solche kreativen Projekte, in den Erstaufnahmeeinrichtungen würden diese auch regelmäßig angeboten. Aus der täglichen Erfahrung weiß sie aber, dass die Flüchtlinge zunächst meist keinen Kopf für Kreativität haben: "Das erste, was sie wollen, ist Deutsch lernen, ankommen in diesem Land." Dazu zählen auch so alltägliche Dinge wie öffentliche Verkehrsmittel nutzen zu können, ein Bankkonto zu eröffnen, den richtigen Arzt zu finden. "Zudem leben viele verteilt auf Dörfern, die eben kein solches Angebot bieten können. In der Stadt ist es bestimmt möglich, an kreativen Kursen teilzunehmen, auf dem Land müssen allerdings oftmals erst Fahrgemeinschaften organisiert werden."
Johanna Dieterle ist die Leiterin der Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge, in der die beiden rappenden Teenager leben. Dort können die Jugendlichen nicht nur die Sprache lernen, sondern auch musizieren und malen, gemeinsam mit dem Beda-Institut bieten sie einen Kurs an, der Malen und Deutsch lernen miteinander verbindet. Einen Namen hat die Wohngruppe noch nicht, es gibt sie erst seit Februar. Der Plan, kreative Programme fest einzubinden, besteht im Kopf bereits.
Das Stück "One Night Stand" hat am Donnerstag, 23. Juni, Premiere, 20 Uhr, am Freitag, 24. Juni, wird es ein zweites und letztes Mal gezeigt. Karten gibt es für 12 und 14 Euro bei der Tufa.