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Theater Trier - "Den Luxus gönn ich mir!"

Theater Trier - "Den Luxus gönn ich mir!"

Verkehrte Welt: Seit Monaten reden nicht mehr Kulturinteressierte über das Theater Trier, sondern nur noch Betriebswirte und Controller. Es sei zu teuer, und man könne das Geld dafür sinnvoller ausgeben, argumentieren selbsternannte Finanzbuchhalter - was sich am Ende als Milchmädchenrechnung erweisen könnte. Ein Essay zum Thema von unserem Mitarbeiter Frank Jöricke.

Ein Kaff am Zonenrandgebiet, das war Trier Anfang der 1960er. Eine Kleinstadt ohne Autobahnanschluss, die Jahr für Jahr ihren akademischen Nachwuchs an Mainz und Köln verlor, denn eine Universität gab es hier ebenso wenig.
Und doch spürt man von dieser provinziellen Ödnis nichts, sobald man seinen Fuß in das zur gleichen Zeit erbaute Theater setzt. Das liegt an der Architektur, die noch heute, über 50 Jahre später, unfassbar modern wirkt. Es gibt hier keinen Biedermeierkitsch, keine Schnörkel, keine Enge. Stattdessen: ein weites Foyer, großzügige Aufgänge mit riesigen Glasflächen und ein machtvoller Theatersaal, der mit seinen Kugellampen, seiner Krokodilpanzer-Decke und seiner asymmetrischen Wandvertäfelung wie eine Filmkulisse wirkt. Dann stellt man sich vor, wie sich ein Mensch im miefig-piefigen Trier des Jahres 1964 in diesem großstädtisch-futuristischen Bau gefühlt haben mag.
Und schlagartig begreift man, was das Theater mal gewesen sein muss. Es war kein Ort, sondern eine andere Welt. Eine Verheißung. Das Kino mochte mit Kurzweil locken, doch das Theater versprach seinen Besuchern einen Mehrwert, der selbst das ermüdendste Bühnengeschehen noch aufzuwiegen vermochte: das Gefühl, Teil einer besseren, glamouröseren, spektakuläreren Welt zu sein. Denn der Besucher gibt an der Garderobe ja nicht nur seinen Mantel ab, sondern auch seine Alltagsidentität. Er befindet sich nun in einem Paralleluniversum, in dem weder Umsätze und Renditen noch Paragrafen und Anträge irgendeine Rolle spielen. Hier müssen keine Gewinne erwirtschaftet und keine Fälle bearbeitet werden. In einer Welt der Geschäftsabschlüsse und Aktenvermerke ist das Theater eine Insel der Zweckfreiheit.Das Theater und die Provokation

Theater Trier - "Den Luxus gönn ich mir!"
Foto: (g_kultur
Theater Trier - "Den Luxus gönn ich mir!"
Foto: (g_kultur
Theater Trier - "Den Luxus gönn ich mir!"
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Deshalb bedarf es auch keiner "provokanten" Inszenierungen (Nackte, die sich mit Blut übergießen, und ähnlich pubertärer Quatsch) - das Theater an sich ist Provokation genug. Es ist der einzige Ort, an dem Menschen den lieben langen Tag nichts anderes tun als singen, tanzen, spielen und dafür auch noch Geld bekommen.
In einer neidgeprägten Gesellschaft empfinden dies zunehmend mehr Menschen als Skandal. "Warum für etwas zahlen, das die Akteure der freien Theater-, Tanz- und Musicalgruppen gagenfrei leisten!" Ja, warum eigentlich? Weil "Geiz ist geil" nicht nur schlechtere Produkte hervorbringt, sondern auch schlechtere Bühnenkunst! Kein Laientheater kann es mit der aktuellen Profi-Inszenierung von "Cabaret" aufnehmen. Nur hat diese Professionalität ihren Preis. Sie kostet viel, viel Geld. Ein Theater mit Berufskünstlern ist tatsächlich Luxus. Wie ein maßgeschneiderter Anzug, eine Beerenauslese oder ein von Hand geschreinerter Stuhl. Rechnet sich alles nicht. Ist nicht wirtschaftlich, nicht effizient.
Und dennoch notwendig. Weil eine Welt ohne elitären Luxus zwar manchmal gerechter ist, aber stets trostloser und öder. Wie eine solche Diktatur des Mittelmaßes in der Praxis aussieht, hat die DDR 40 Jahre lang vorexerziert. Der Hass auf jede Art von Verfeinerung und Veredelung brachte - nicht nur kulinarisch - fade Hausmannskost hervor.
Deshalb brauchen wir die Institution Theater heute mehr denn je. In Zeiten der Effizienzoptimierung und Produktivitätsmaximierung erinnert uns das Theater daran: Ein anderes Leben wäre möglich.