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Theater Trier: Servicewüste statt Kulturoase

Theater Trier: Servicewüste statt Kulturoase

Das Trierer Theater will seine massiven Mängel beim Kundenservice abstellen. Vor wenigen Tagen wurde ein Online-Ticketservice eingerichtet, beim behindertengerechten Zugang soll noch im Lauf der Saison eine Lösung her. "Die Negativ-Stimmung muss weg", sagt Kulturdezernent Thomas Egger.

Trier. Auf einmal ging es ganz schnell: Ohne öffentliche Ankündigung hat das Theater Trier nach zunehmender Kritik am Kartenvorverkauf einen Online-Ticketservice eingeführt. Ein "Provisorium" zwar, wie der Kulturdezernent betont, aber mit den heute üblichen Optionen: Man kann sich den Platz via Saalplan aussuchen, per Kreditkarte bezahlen und die Tickets zu Hause ausdrucken.
"Eigentlich hätte das schon vor einem Jahr so laufen können", sagt Egger. Und warum dann das Debakel? Die Antwort des Dezernenten fällt recht kompliziert aus. Das beginnt bei einem offensichtlich unausgegorenem System, das er von seinem Vorgänger übernommen habe, über endlose Komplikationen mit dem städtischen Rechungsprüfungsamt bis hin zu Fehleinschätzungen, was etwa die Vorverkaufsanforderungen für die West Side Story angeht.
Ein Jahr Zeit verloren


Ein neues Kartenverkaufs-System muss öffentlich ausgeschrieben werden, und das dauert. Zudem denkt Egger darüber nach, den kompletten Ticket-Service auszulagern. Das Kassenpersonal könnte sich dann auf die Betreuung von Abonnenten und Besuchergruppen konzentrieren - wie es andere Häuser praktizieren. "Möglichst im ersten Quartal 2012" will Egger eine Grundsatzentscheidung.
Apropos andere Häuser: Das Trierer Unternehmen Ticket Regional, mit dem das Theater im Streit auseinandergegangen ist, betreut jetzt auch den Vorverkauf im Theater Koblenz. Was ist dort anders? Bei der dortigen Stadtverwaltung, sagt Egger, habe ein hochkompetenter EDV-Spezialist die Reibungspunkte zwischen städtischem Abrechnungssystem und Privatfirma beseitigt. Entsprechende Kapazitäten hätten in Trier "nicht zur Verfügung gestanden". Egger würde es aber begrüßen, wenn sich Ticket Regional an der Ausschreibung in Trier beteiligt, "mit den in Koblenz gewonnenen Erkenntnissen".
Eines ist dem Dezernenten klar: Es gebe durch die Probleme beim Ticketing eine "erhebliche Negativstimmung", gegen die etwas unternommen werden müsse. Doch diese selbstkritische Erkenntnis scheint man im Theater nicht unbedingt zu teilen. In ihrer Antwort auf eine TV-Anfrage bestreitet Verwaltungschefin Heidi Schäfer, dass es aktuell nennenswerte Probleme an der Theaterkasse gibt. Lediglich bei der "unerwarteten und gigantischen Nachfrage nach der West Side Story" seien Schwierigkeiten aufgetreten.
Behinderte scheitern an Treppe


Die oft monierten telefonischen Wartezeiten seien "bei der vorhandenen Personaldecke abzusehen" und gehörten "im Übrigen bei jeder Theaterkasse zur Normalität". Nur jeder dritte Telefonanruf könne beantwortet werden, das lasse sich "ohne Aufstockung des Personals nicht ändern". Zudem gebe es zur Kasse auch "sehr viele positive Rückmeldungen".
Bei Körperbehinderten gibt es dagegen seit langem heftige Kritik: Wer nicht gut zu Fuß ist, kann in Trier einen Theaterbesuch vergessen. Früher gab es die Option, mit dem Personalaufzug über den Hintereingang in den großen Saal zu kommen, aber das ist schon lange nicht mehr erlaubt. Jetzt muss sich tragen lassen, wer ins Parkett will. Über den unsäglichen Vorgang hat sich der Club aktiv schon beschwert, Betroffene überlegen gar, eine Bürgerinitiative zu gründen. Erstaunlich, dass sich noch keine Behindertenbeauftragten des Themas angenommen haben.
"Bis Saisonende" soll laut Theater ein Außenaufzug vom Foyer zur Loge eingebaut werden. Aber das Amt für Gebäudewirtschaft habe noch keine Pläne vorgelegt, sagt der Dezernent. Wie lange das noch genau dauert, kann er nicht sagen. Für behinderte oder betagte Theaterbesucher heißt es bis dahin: Sich die Treppen hochquälen - oder gleich daheim bleiben.Meinung

Den Schuss nicht gehört
Das Theater Trier soll nächstes Jahr mächtig am Programm sparen - und gleichzeitig 150 000 Euro Eintrittsgelder zusätzlich einnehmen. Das ist eine Rechenart, wie sie nur Politiker verstehen - und über die sich die Theatermacher zu Recht beklagen. Freilich gilt auch: Wer Hilfe will, muss erstmal seine Hausaufgaben machen. Viele Besucher empfinden das Theater als Servicewüste. Die Probleme schwelen seit Jahren, aber keiner war in der Lage, sie anzugehen. Tickets, Barrierefreiheit, Gastronomie: Wo andere Häuser punkten, ist Trier in der Ära hängengeblieben, als das Publikum noch dankbar war, in den Genuss kultureller Erbauung kommen zu dürfen. Heute bestimmt Konkurrenz das Geschäft, da sind Benutzungskomfort und Ambiente entscheidende Kriterien. Das müsste der Dezernent auch seinem Theater klarmachen. Wer im Sommer kurz vor der seit Jahren größten Produktion in die Theaterferien fährt und sich dann überrascht zeigt, wenn das Publikum der Kasse die Bude einrennt, wer es für den Normalfall hält, dass man für Tickets am Telefon tagelang anrufen muss, wer seinem erbosten Publikum durch die Blume sagt, es solle sich gefälligst abregen, anderswo sei es auch nicht besser: Der hat offenkundig den Schuss nicht gehört. Vollends absurd wird es, wenn eine Stadt wie Trier offenbar keinen EDVler besitzt, der ein komplexes Problem zu lösen im Stande ist. Und keine Bauabteilung, die Pläne ausarbeiten kann, um eine skandalöse Aussperrung Behinderter schnell abzustellen. Aber dafür ein Rechnungsprüfungsamt, das Meisterschaft darin entwickelt, sich querzustellen. Dieses Muster trifft man im Trierer Rathaus immer öfter: einer schiebt das Problem auf den anderen, Hauptsache, man ist selbst nicht schuld. Sondern das andere Amt. Oder das nächste Dezernat. Oder im Zweifelsfall das mangelnde Geld oder Personal. Es wird nach Kräften gejammert, nur darüber, wie man es besser machen könnte, redet kaum jemand. Wenn es dem Theater hilft, kein städtisches Amt mehr zu sein, sondern etwa eine GmbH: Warum geht man es nicht zügig an? Die Uhr tickt. Denn wenn alles so bleibt, kann Intendant Gerhard Weber im Theater demnächst wieder mal eine Tragikomödie von Dario Fo auf den Spielplan setzen. Titel: "Bitte Ruhe, wir stürzen ab". d.lintz@volksfreund.de