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Theater Trier Shakespeare "Was ihr wollt" Regisseur Frank Hoffmann

Theater : Liebeschaos an den Küsten von Illyrien

Eine Premiere der besonderen Art: Frank Hoffmann inszeniert „Was ihr wollt“ im Großen Haus des Theaters Trier.

Es geht um Shakespeare, klar, aber zunächst einmal driftet das Gespräch in politische Gefilde ab, kulturpolitische, um genau zu sein. Das Theater Trier und das „Théâtre national du Luxembourg“ (TNL) – eine unendliche Geschichte, was die immer wieder versuchte Zusammenarbeit angeht. Viele Trierer Intendanten haben sich redlich um die Grenzüberwindung bemüht, aber erst Manfred Langner kann mit harten Fakten aufwarten: „Was ihr wollt“, diese tieftraurige Komödie von William Shakespeare über reichlich Liebeswirrwarr, ist die erste wirklich echte Zusammenarbeit zwischen den beiden Häusern, die gerade einmal 30 Kilometer Luftlinie und 45 Minuten Autofahrt voneinander entfernt liegen und bisher königskindergleich nicht zusammenfinden konnten. Frank Hoffmann, Intendant des TNL, ist der erste, der einen Teil seiner „Luxemburger Theaterfamilie“, wie er sie nennt, über die Grenze brachte und mit dem Trierer Ensemble zu den „Shakespeare players“ verschmolz.

Zu dieser Familie gehört unter anderem Ulrich Gebauer, der in Stuttgart und Bochum gearbeitet hat und Fernsehzuschauern aus der RTL-Serie „Der Lehrer“ bekannt ist. Weniger Bühnenerfahrung hat Jan Plewka, den seine Fans als Sänger der Hamburger Rockband „Selig“ kennen, in Trier für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet und am Ende höchstpersönlich ein Liedchen zum Besten gibt. Auf internationalen Filmruhm kann die Britin Jacqueline Macauley verweisen, die unterem anderem am Berliner Maxim-Gorki-Theater gearbeitet hat: In Stephen Daldrys Kinofilm „Der Vorleser“ wirkte sie neben Kate Winslet und Ralph Fiennes mit.

Seine allererste Arbeit am Augustinerhof sei ihm eine „Herzensangelegenheit“, versichert der 66-jährige Luxemburger Hoffmann, nachdem Projekte wie das 2004 gesäte Pflänzchen „Total théâtre“ mit Häusern aus der Großregion ohne Trier stattfanden und die Komödie, die er jetzt auf die Bühne bringt, bereits als Teil eines Open-air-Festivals im vergangenen Jahr geplant war und coronabedingt zu den Akten gelegt werden musste. „Jetzt sind wir drinnen, und das gefällt mir, ehrlich gesagt, besser“, schmunzelt er.

Und drinnen im Großen Haus laufen nun die Vorbereitungen für „Was ihr wollt“ – „ein schönes stük von viel bündtigen reden. Freylich gehts da an den küsten von Illyrien in kreutz und quer durcheinander“, wie der Schweizer Schriftsteller Ulrich Bräker (1735-1798) in seinem Shakespeare-Brevier notierte und damit praktisch schon alles über die – vermutlich am Dreikönigstag 1602, der „zwölften Nacht nach Weihnachten“ (daher der englische Titel „Twelfth Night“) uraufgeführte – Komödie gesagt hat.  Man könnte sie auch „Liebes Leid und Lust“ nennen, denn die Liebesmüh, die der Herzog Orsino mit Olivia auf sich nimmt, driftet ab ins Chaos, als sich die bei einem Schiffsunglück vor der Küste Illyriens gestrandete Viola in Knabenkleidung schlüpft und als des Herzogs Diener „Cesario“ sich in eben diesen verliebt. Das tut auch Olivia, als sie „Cesario“ kennenlernt, der umgehend ihr Herz in Flammen setzt. Und als dann noch Violas ertrunken geglaubter Zwillingsbruder Sebastian auftritt und „die zwey geschwister einander so ähnlich sahen wie zwey bienen“(Bräker), ist die erotische Gemengelage vollends unüberschaubar. Die Gefühle wallen in alle Richtungen, und am Ende … abwarten. Für den komisch-polternden Kontrapunkt sorgt ein sauf- und rauflustiges Quartett aus den Gesindestuben „mit hei ho, bei Regen und Wind“.

Das Stück gelte als „leicht spielbar … und (bietet) keine besondere Herausforderung an den Regisseur“. „Wie bitte? Wer hat das gesagt?“, will Hoffmann wissen. Ulrich Suerbaum, emeritierter Anglistik-Professor in Bochum. „Na, das beruhigt mich sehr, denn dann kann ich ab jetzt viel entspannter auf die Probe gehen“, schmunzelt der Spielleiter. Und stellt dann klar: „Ich habe schon einige Shakespeare-Stücke gemacht, aber so leicht ist diese Komödie nicht – ebenso wenig wie die anderen Komödien, in denen so unterschiedliche Welten, Themen und Stile aufeinanderprallen, die zusammengebracht werden müssen. Das ist mir etwa beim ,Sommernachtstraum‘, den ich vor vielen Jahren in Bonn inszeniert habe, mit den Liebenden, Handwerkern und dem Hofstaat nicht hundertprozentig gelungen. Trotzdem hatten wir 40 ausverkaufte Vorstellungen. Erfolg ist eben nicht immer identisch mit Qualität“, gibt Hoffmann sich selbstkritisch. In „Was ihr wollt“ sind es nun die Adligen, die Komiker und die Liebenden, die genau genommen in einer kleinen Tragödie gefangen sind, weil jede(r) jemanden liebt, der/die nicht ist, für wen man ihn/sie hält. Ein komplizierter Satz, zugegeben, „doch keine Sorge – wir gendern Shakespeare nicht“, verspricht Hoffmann.

Wird es für den Zuschauer einfach sein, der verzwickten Handlung zu folgen? „Auch wer das Stück noch nie gelesen oder gesehen hat, wird es verstehen“, versichert der Regisseur. Er habe stets Inszenierungen für Leute gemacht, die quasi unvorbereitet oder unbelastet ins Theater gehen. Ein Stück müsse sich beim Sehen erschließen. Manchmal verstehe der „normale“ Zuschauer die Ereignisse besser als jene, die sie dauernd in einen literaturwissenschaftlichen Kontext zu setzen versuchen. Insofern inszeniere er für die – und das bitte sei nicht abwertend zu verstehen – „groundlings“, jene Zuschauer, die in Shakespeares Londoner Globe Theatre in der „Grube“ direkt vor der Bühne standen, weil sie sich die teuren Sitzplätze auf den Rängen nicht leisten konnten, und einfach  nur ihren Spaß haben wollten (und den auch bekamen).

Nicht die schlechteste Voraussetzung für einen Theaterabend mit einer Shakespeare-Komödie.

Premiere ist am Samstag, 25. September, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Theaters Trier; Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.

ZUR PERSON

Frank Hoffmann, 1954 in Luxemburg geboren, studierte in Luxemburg und Heidelberg und begann seine Karriere als Regieassistent bei David Mouchtar-Samorai am Heidelberger Theater. Es folgten eine Professur für Regie am Conservatoire de Luxembourg und Arbeiten freier Regisseur unter anderem in Berlin, Paris, Köln, Bonn, Basel und Stockholm. 1996 gründete er mit Hilfe des Kulturministeriums des Großherzogtums Luxemburg das Théâtre National du Luxembourg, dessen Leiter er bis heute ist. Im September 2004 übernahm er die Position des Intendanten und Geschäftsführers der 1946 gegründeten Ruhrfestspiele Recklinghausen, das älteste und zugleich eines der größten und renommiertesten Theaterfestivals Europas, von Frank Castorf, das wegen Zuschauerschwund (zuletzt nur noch rund 22.000) vor dem Aus stand. Bis 2018 hatte er die Position inne, womit Hoffmann der bislang längstgediente Intendant in Recklinghausen ist. In seiner letzten Saison verzeichneten die Festspiele 85 000 Zuschauer.