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Thomas Schmitt, Kulturdezernent von Trier, über die Auswirkungen von Corona

INTERVIEW: Thomas Schmitt : Triers Kulturdezernent Schmitt: „Es ist eine Wette auf die Zukunft“

Wie geht Kulturplanung in Corona-Zeiten? Mit viel Flexibilität, sagt der Kulturdezernent von Trier. Weil es keine Gewissheit gibt.

Museen und Büchereien sind wieder geöffnet und mit kleinen Events kehrt allmählich das Leben zurück. Aber auf Normalbetrieb läuft die Kultur in Trier noch lange nicht. Was hat das Coronavirus im städtischen Kulturetat bis jetzt angerichtet? „Der finanzielle Schaden hält sich in Grenzen“, sagt der Trierer Kulturdezernent Thomas Schmitt. „Zumindest was das Stadtmuseum, das Archiv, die Bibliothek und auch das Theater betrifft, weil wir zum ersten Mal Kurzarbeit anmelden konnten.“ Mit den eingesparten Personalkosten konnten nach Schmitts Angaben die ausgebliebenen Einnahmen ausgeglichen werden.

Eine Situation, die noch vor einem Jahr undenkbar gewesen wäre. „In diesem Jahr war es im Öffentlichen Dienst zum ersten Mal möglich, Kurzarbeit anzumelden, weil es neue Tarifverträge gibt“, sagt der Kulturdezernent.

Das Kurzarbeitergeld sei großzügig von der Stadt aufgestockt worden, so dass den Mitarbeitern kein großer finanzieller Schaden beim Nettogehalt entstanden sei. Mittlerweile seien alle beim Stadtmuseum, der Bibliothek und beim Archiv wieder voll an Bord, und die Mitarbeiter des Theaters seien in der spielzeitfreien Zeit wie immer im Urlaub und bezögen ihr normales Gehalt.

 „Außerdem haben wir in den vergangenen Monaten ganz kräftig Überstunden abgebaut, was sich finanziell positiv auswirkt. Bei den Gesellschaften mit städtischer Beteiligung, der Trier Tourismus und Marketing GmbH (TTM) und der Trier Messe und Veranstaltungsgesellschaft (MVG), zu der die Arena, die Europahalle und der Messepark gehören, wirkt sich der Effekt der Kurzarbeit aber nicht so positiv aus, weil die eingesparten Personalkosten die weggebrochenen Einnahmen bei Weitem nicht ausgleichen“, sagt Thomas Schmitt.

„Die MVG hat sich nahezu selbst getragen, weil sie an Privatanbieter mit großen Veranstaltungen vermietet. Aber Großveranstaltungen dürfen ja bis auf absehbare Zeit nicht stattfinden und mit den Vermietungen ist auch das Cateringgeschäft weggebrochen. Die TTM lebt auch von den Touristen in der Stadt, vom Souvenirshop, von den Hotelpauschalen. In beide Gesellschaften müssen wir voraussichtlich höhere Summen, 400 000 beziehungsweise 245 000 Euro, zuschießen.“ Und wie geht es jetzt weiter? Wie plant man Kulturetats und Spielpläne bei den vielen Unwägbarkeiten die eine Pandemie mit sich bringen?

Haben Sie abgesprochen, wie Sie in der kommenden Theater-Spielzeit vorgehen?

Schmitt: Natürlich haben wir mit dem Intendanten Manfred Langner darüber gesprochen, was aufgrund der coronabedingten Lage überhaupt möglich ist. Es ist tatsächlich eine gewisse Wette auf die Zukunft. Wir beginnen mit kleinen Stücken mit wenigen Darstellern und hoffen, dass sie während der Spielzeit immer größer werden können. Aber wie das ablaufen wird, kann letztendlich niemand vorhersagen, weil niemand das künftige Infektionsgeschehen voraussagen kann.

Wie kalkulieren Sie so etwas?

Schmitt: Wir können es fast nicht kalkulieren, weil wir nicht wissen, wie die Steuer-und Kultureinnahmen sein werden. Wir orientieren uns an den Abschlüssen aus den Jahren 2018 und 2019 und hoffen, dass sich im nächsten Jahr alles möglichst früh normalisiert. Wenn nicht, müssen wir einen Nachtragshaushalt aufstellen. Wir wissen auch nicht, was mit dem Weihnachtsmärchen sein wird, das normalerweise 20 000 Zuschauer zählt. Dürfen Schulklassen verschiedener Schulen zusammen in eine Aufführung? Mit Abstand, ohne Abstand? Niemand kann das vorhersagen. Müsste das Weihnachtsmärchen abgesagt werden und wir blieben auf den Produktionskosten sitzen, wäre das ein harter Schlag für die Bilanzen. Aber vielleicht machen wir im Frühjahr stattdessen ein tolles Kinderstück und laden dann die Schulen ein. Die Situation erfordert eine enorme Flexibilität von uns allen. Gott sei dank haben wir ein Ensemble-Theater.

Wie wäre es, wenn es das nicht gäbe?

Schmitt: Weil alle Künstler verfügbar sind, können wir überhaupt so flexibel auf die Situation reagieren. Wir können mit Kleinstbesetzungen spielen und könnten sofort wieder eine große Aufführung auflegen. Wenn im Februar alles wieder normal wäre, könnten wir „Tanz auf dem Vulkan“ oder „La Nozze di Figaro“ rausholen und wieder groß spielen. Die Inszenierungen liegen ja quasi alle in der Schublade. Das Ensemble-Theater bewährt sich gerade in dieser schwierigen Phase als ein flexibles und ein soziales Modell. Wenn wir es nicht hätten, würden die Künstler auf der Straße stehen. Wir haben auch bis auf wenige Ausnahmen, was andere Gründe hat, fast alle Verträge in die nächste Spielzeit verlängert – unabhängig davon wie sich Corona entwickelt.

Sehen Sie Handlungsbedarf bei der Unterstützung freier Künstler? Sie sind ja auch mit dieser Szene vertraut.

Schmitt: Die Soloselbständigen fallen ein Stück weit durchs Raster. Es gibt zwar die erweiterte Grundsicherung, aber das empfinden viele als demütigend. Obwohl die Bedingungen in diesem Jahr sehr viel besser sind als sonst. Die Vermögensprüfungen entfallen fast komplett, die Mieten werden anerkannt. Es gibt jetzt diese Modelle der Stipendien, die übrigens kaum nachgefragt werden, was ich überhaupt nicht verstehe. Das Land Rheinland-Pfalz hat sich im Nachhinein bewegt. Ich glaube, die Künstler hätten sich eine Verdienstausfall-Entschädigung gewünscht. Wenn die Situation noch lange anhält, sollte man in diesem Punkt tatsächlich nachbessern.

Wie groß ist der Schaden für eine Stadt, die ja auch durch die freien Künstler bunt ist?

Schmitt: Langfristig wird es dem kulturellen Angebot der Stadt nicht schaden. Aber ich kann die Existenzsorgen der Menschen gut nachvollziehen, die von der Kultur leben und entsetzliche Verdienstausfälle hatten. Wir haben als Stadt versucht, zu mildern, wo es geht und versuchen das auch weiterhin. Wir haben Landesgelder genommen und haben Vereine und Institutionen gefördert. Die Tuchfabrik, Schmitz e.V. und die Kulturkarawane und viele andere haben Geld bekommen. Die Tufa veranstaltet im Innenhof Konzerte, es wird das Open-air-Kino geben, wir führen Jazz im Brunnenhof weiter. Dadurch gab und gibt es Auftrittsmöglichkeiten für die Künstler und es können anständige Gagen bezahlt werden – und das, obwohl durch die Auflagen weniger Publikum möglich ist. Das war und ist unsere indirekte Künstlerförderung, während es zum Beispiel in Luxemburg gar keine Veranstaltungen gab und andere Städte alles abgesagt haben. Wir haben außerdem einen Innovationspreis Kultur mit ordentlichen Preisgeldern ausgeschrieben (siehe Extra), mit dem wir einen zusätzlichen Anreiz geben wollen.

Haben Sie in Konkurrenz zu anderen Bereichen freie Entscheidung und Rückendeckung?

Schmitt: Wir haben die Vereins- und Institutionenförderung ja querbeet über alle Bereiche gemacht, dafür haben wir das Landesgeld genommen – andere Städte und Gemeinden haben das nicht getan. Das ist vom Stadtrat so abgesegnet worden. Ansonsten bewege ich mich im Rahmen der normalen Projektförderung, für die uns jedes Jahr Mittel zur Verfügung stehen. Gott sei dank sind wir im freiwilligen Leistungsbereich dieses Jahr nicht an die Obergrenze gebunden, die hat die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) dieses Jahr gelockert. In einer solch außerordentlichen Situation muss die Kommunalaufsicht auch Verständnis haben, sonst würde ja alles zusammenbrechen.

Wie sieht es mit der Theatersanierung aus. Haben sich durch Corona die Planungen verändert?

Schmitt: Nein, wir sind mit unseren Verfahrensschritten weiter gekommen. Im Moment ist die Planung des Interims-Tuchfabrik-Baus ausgeschrieben und wir sind mitten im Vergabeverfahren. Wir werden Ende der Sommerferien einen Entwurf haben, müssen damit noch einmal zu den Fördergebern und können Anfang des kommenden Jahres mit dem Bau loslegen – so hoffe ich inständig. Wenn das fertig ist, können wir das Theaterbauverfahren angehen. Dazu liegen alle Unterlagen bei der ADD und sind überwiegend geprüft. Es ist momentan nicht mit Verzögerungen zu rechnen.

Was durch Corona sehr deutlich wird, vielleicht eine Chance ist, wie unerlässlich die Kultur auch als Wirtschaftsfaktor für die Stadt ist.

Schmitt: In diesem Jahr lässt sich alles sehr schlecht auseinander dividieren, weil auch der Tourismus weggebrochen ist. Natürlich sind die Effekte deutlich. Aber für mich ist Kultur nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Den Menschen fehlt etwas im Leben. Der Hunger nach Kultur und nach gemeinsamem Kulturerleben ist gestiegen. Das Digitale mit Streaming-Formaten war eine Chance für den Übergang, aber es ersetzt das Reale nicht. Es ist ganz stark bei den Menschen angekommen, dass das gemeinsame Live-Erlebnis etwas ganz besonderes, ein großes Stück Lebensqualität ist. Wenn man wegen Corona überhaupt von einer Chance sprechen kann, dann ist es, ganz neue Formate und Orte zu entdecken, die wir dauerhaft nutzen sollten. Das ist uns mit der kleinen Reihe des Theaters im Brunnenhof gelungen, die sehr gut ankam. Aber die großen Konzerte, das Picknick-Konzert, Porta Hoch3 oder das Altstadtfest fehlen den Menschen.

Glauben Sie, dass die alte Diskussion, die Kulturausgaben nicht mehr als freiwillige Leistung zu behandeln, neu aufleben wird?

Schmitt: Ich hoffe zumindest, wenn sich alles wieder normalisiert und der Haushalt noch nicht so stimmen sollte, wie wir uns das erhoffen, nicht gleich wieder die Zügel angezogen werden. Da kann ich nur an das Land appellieren, den Kommunen Luft zu lassen, damit sie nicht das, was sie jetzt mühselig erhalten haben, anschließend wieder wegstreichen müssen. Das wäre eine Katastrophe. Ich erwarte mir ein wenig Flexibilität über das Jahr 2020/21 hinaus. Wir werden Corona, aber nicht die Folgen von heute auf morgen überwinden. Die Kommunen werden das in ihrer Einnahmesituation noch lange, lange spüren.