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Kultur
Tief verborgen im Dämmerraum der Seele

Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman war für Kollegen der beste Filmregisseur aller Zeiten. Am 14. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden.
Der schwedische Filmregisseur Ingmar Bergman war für Kollegen der beste Filmregisseur aller Zeiten. Am 14. Juli wäre er 100 Jahre alt geworden. FOTO: dpa / epa PB Ekstromer
Farö/München. Der schwedische Film- und Theaterregisseur Ingmar Bergman gilt als Meister seines Fachs. Am Samstag wäre 100 Jahre alt geworden.

Für Martin Scorsese, Woody Allen, Robert Altman, Francis Ford Coppola, Akira Kurosawa, Wim Wenders und viele andere Kollegen war er „der bedeutendste Regisseur von allen“. „Ich glaube nicht, dass es auf der Welt einen einzigen Cineasten gibt, für den Ingmar Bergman nicht als größter Regisseur von allen gilt“, fasste der französische Filmkritiker Pascal Mérigeau den Entschluss der Jury zusammen, dem Schweden 1997 anlässlich des 50. Filmfestivals von Cannes die „Palme der Palmen“ zu verleihen – der Einzige, dem diese Ehre widerfuhr.

Zu jenem Zeitpunkt hatte Ingmar Bergman, der am 14. Juli 1918 in Uppsala geboren wurde, mit der Filmarbeit weitgehend abgeschlossen. Meisterwerke wie „Abend der Gaukler“, „Wilde Erdbeeren“, „Das Schweigen“ – 1961 ein Skandalfilm von den Ausmaßen der „Sünderin“ zehn Jahre zuvor in Deutschland – oder „Herbstsonate“ säumten seinen Weg zum Weltruhm. Wie kein anderer vor und seitdem keiner nach ihm prägte er das Bild vom schwedischen Film. Er zeichnete ein Land von sommerlich heller Heiterkeit, das in scharfem Kontrast steht zu den Menschen, die es bevölkern: Gefangene in einem Kerker, dessen Wände aus Verlogenheit, Heuchelei, Grausamkeit und Erbarmungslosigkeit gemauert sind. In zahlreiche seiner Filme sind autobiographische Erfahrungen eingewebt. Der Vater war Pfarrer, streng, pietistisch, zu Gewaltausbrüchen neigend, die Mutter Krankenschwester. „Die Spannungen (innerhalb der Familie) waren stark, die Knoten unauflöslich. Was nach außen hin als untadeliges Bild eines guten Familienzusammenhalts schien, waren nach innen Elend und aufreibende Konflikte“, schrieb Bergman in seiner Autobiografie „Laterna magica“. Dennoch hatte er nach dem Tod des Vaters das Gefühl, zu selten mit ihm geredet, zu wenig Zeit mit ihm verbracht zu haben. Eine in der Rückschau goldgerahmte Erinnerung lieferte er 1982 in seinem sowohl für das Fernsehen als in einer gekürzten Form fürs Kino gedrehten Film „Fanny und Alexander“ ab. Darin erzählt er von ausgelassenen Familienfesten, Kindheitssehnsüchten und den Qualen des Erwachsenwerdens. Der opulent ausgestattete Film wurde unter anderem mit einem „Oscar“ und in Venedig mit einem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet.

„Keine Kunstform geht wie der Film an unserem Tagesbewusstsein vorbei direkt auf unsere Gefühle zu, die tief im Dämmerraum der Seele verborgen liegen“, notiert Bergman in „Laterna magica“, seinem Lebensbericht. „Ein kleiner Fehler in unserem Sehnerv, ein Schockeffekt: Vierundzwanzig belichtete Vierecke pro Sekunde, dazwischen Dunkelheit. Der Sehnerv registriert die Dunkelheit nicht. Wenn ich am Schneidetisch den Filmstreifen Viereck für Viereck abspule, spüre ich noch immer das schwindelerregende, magische  Gefühl der Kindheit: Dort in der Dunkelheit der Garderobe kurbelte ich langsam ein Viereck nach dem anderen hervor, sah die fast unmerklichen Veränderungen, kurbelte schneller: eine Bewegung.“

1976 geriet Bergman in den Verdacht der Steuerhinterziehung. Nachdem er von den Medien – ungerechtfertigterweise, wie bald zutage kam – an den Pranger gestellt wurde, flüchtete er ins Exil nach München, wo er ans Residenztheater verpflichtet wurde und einige meisterhafte Inszenierungen gab, darunter eine radikal entrümpelte „Hedda Gabler“, die Kritiker und Publikum gleichermaßen zu Jubelstürmen hinriss. Weniger erfolgreich waren die Filme, die er in seiner Münchner Zeit drehte, „Das Schlangenei“ und „Aus dem Leben der Marionetten“. Doch zu dieser Zeit war sein Ruf als Filmregisseur schon so makellos, dass diese Negativposten keinen Schatten über seine Karriere werfen konnten, zumal er zwischenzeitlich ein anderes cineastisches Meisterwerk ablieferte, das düstere Mutter-Tochter-Kammerspiel „Herbstsonate“ mit Ingrid Bergman und Liv Ullmann.

Auf Farö vor der Nordspitze von Gotland lebte Bergman, der fünfmal verheiratet war und neun Kinder hatte, die letzten Jahre zurückgezogen. Hier fand auch sein endgültiger Abschied von der Filmarbeit statt: 2003 drehte er „Sarabande“, eine Fortsetzung der „Szenen einer Ehe“, wieder mit Liv Ullmann. Sie erinnert sich an den letzten Tag ihrer gemeinsamen Arbeit: „Die Art, wie Bergman am letzten Tag war und sich verabschiedet hat, das war nicht nur ein Abschied, weil der Film abgedreht war. Er verabschiedete sich in einer Weise, dass ich wusste, er wollte sagen, nun habe ich das letzte Mal einen Filmset als Regisseur verlassen.“

Ingmar Bergman, der unnachgiebige Erforscher nicht nur der eigenen, sondern auch anderer Menschen Seele, ihrer Probleme, Irrwege und Erkrankungen, reflektierte ebenso streng und unnachgiebig seine Arbeit und Arbeitsweise.

Schon früh kam er zu der Erkenntnis: „Erst jetzt beginne ich zu begreifen, wie einsam der Regisseur eigentlich ist. Er hat seine Vision. Das Kollektiv schuftet, um ihm bei der Verwirklichung zu helfen, von ihrer Unterstützung hängt sein Leben ab. Aber kaum jemand in der Gruppe sieht das Innere seiner Vision“, schreibt er in sein Tagebuch während der Dreharbeiten zu „Wie in einem Spiegel“ – die Geschichte einer Frau, deren psychische Krankheit dem Vater als Stoff für dessen Romane herhalten muss.

Am 30. Juli 2007 starb Ingmar Bergman in seinem Haus auf der Insel Farö. Er wurde 89 Jahre alt. In den Nachrufen wurde er als einer der größten Regisseure der Filmgeschichte gefeiert.

Zu Bergmans 100. Geburtstag sind zwei Bücher neu aufgelegt und überarbeitet worden, aus denen die im Text erwähnten Zitate stammen: „Laterna Magica – Mein Leben“, aus dem Schwedischen von Hans-Joachim Maas, Alexander Verlag Berlin, 377 Seiten, 19,90 Euro; sowie „Das Ingmar Bergman-Archiv, hrsg. von Paul Dungan und Bengt Wanselius, Taschen Verlag Köln, 464 Seiten, 60 Euro.