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Totgesagte leben länger

Totgesagte leben länger

Die Tage des Kinostreifens mögen gezählt sein. Doch die Revolution des digitalen Kinobildes kommt in Deutschland nicht so recht ins Rollen. Bis auch die Kinoleinwände der Region Trier im digitalen Widerschein flimmern, bis dahin laufen noch viele Jahre unzählige Streifen durch die 35-Millimeter-Projektoren der Lichtspielhäuser.

Trier. Das Buch war in den 80ern vorschnell beerdigt worden - es existiert noch. Als die CD die LP ablöste, dachte niemand an die Rückkehr der schwarzen Rillenscheibe. Vor fünf Jahren wurde dem Kinostreifen ein rasches Ende prophezeit. Pustekuchen! Zwar ist der Trend zum "Cinema digitale" unaufhaltsam, doch sein Siegeszug gestaltet sich schleppender als angenommen. "Das ist die größte Revolutionierung in der Geschichte des Kinos seit dem Aufkommen des Tonfilms", bezeichnet Michael Bräuer, Vorsitzender der AG-Kino in Berlin, die Digitalisierungs-Welle.

Doch derzeit steckt die Kinobranche in einer Zwickmühle. Jeder will die digitale Technik, nur niemand ist bereit, sie zu bezahlen. Rentabel ist das Geschäft mit den digitalen Filmkopien vor allem derzeit für die Verleiher, die mit der Produktion der digitalen Kopien Geld sparen. Die Kinobetreiber müssten hingegen mit viel Geld jeden ihrer Säle umrüsten. Wann werden die bis zu 35 Kilogramm schweren Filmrollen endgültig durch Festplatten ersetzt?

Prüm. Vor zwei Jahren lieh sich Theo Riewer, Betreiber des Prümer Eifel-Kinos, eine digitale Projektionsanlage und testete diese in seinem Kino. Damit war Prüm das einzige Digital-Kino der Region. Das Resümee fiel ernüchternd aus. "Mehr Leute sind nicht gekommen. Und Rückmeldungen gab es auch keine. Das war ganz schön deprimierend", erklärt Riewer. Nach einem Jahr beendete er den "digitalen Spuk" wieder. Niemand zahlt höhere Eintrittspreise, nur weil das Kinobild digital ist. "Wenn die Fördergelder fließen, würde ich gleich morgen mein Kino auf die Digitaltechnik umstellen", lacht Riewer. Allein kann er diese Investition nicht stemmen.

In dieser Hängepartie investieren die großen Kinoketten und statten ihre Säle mit der digitalen Technik aus. So hat das Trierer Lichtspielhaus Cinemaxx jetzt gerade in einem der sieben Kinosäle ein digitales 3-D-Kino installiert.

Luxemburg. "Ich gehe davon aus, dass es den 35-Millimeter-Film in 20 Jahren noch gibt - aber er wird verschwinden", ist sich Nico Simon sicher, Betreiber des Utopolis-Kinos. Im Utopolis sind alle zehn Kinosäle seit 2006 mit Digitalprojektoren der ersten Generation ausgestattet - Leasing heißt auch hier das Zauberwort. Trotz alledem sind die "alten" analogen 35-Millimeter-Projektoren noch nicht auf dem Schrottplatz gelandet - im Gegenteil. Zwar flimmert die Hälfte aller Filme im Utopolis über digitale Projektoren gen Leinwand, doch die Streifen-Projektoren dürfen nach wie vor gleichberechtigt ihre Arbeit verrichten.

Vorteile sieht Simon in der Bild- und Tonqualität sowie Langlebigkeit der Filmkopie. Digitale Kopien weisen auch nach zig Vorführungen keine Verschleißerscheinungen auf. Beim 35-Millimeter-Film beeinträchtigen nach Wochen Staub und Kratzer die Bild- und Tonspur. Der Nachteil der digitalen Projektionstechnik liegt an den Projektionscomputern, die sich manchmal wie störrische Esel gebärden. Der Luxemburger Cineast fragt sich auch, ob sich Produzenten und Regisseure mit der Ästhetik der 3-D-Filme beschäftigen. Nicht jeder Film eignet sich für die dritte Dimension. "3-D-Filme müssen für den Besucher einen Mehrwert haben, sonst ist niemand bereit, einen höheren Ticketpreis zu bezahlen."

Hillesheim. Die dreidimensionale Kinoleinwand ist für Christine Runge, Betreiberin der Eifel-Film-Bühne in Hillesheim, einerlei. Sofort würde sie ihren Kinosaal auf Digital-Technik umstellen, aber dafür müssten Fördergelder fließen. "Wir sehen uns nicht unter Zugzwang und werden abwarten", ist Runge entspannt. Sie legt Wert auf die Qualität eines Films, denn auch ein brillantes Bild könne den ödesten Film nicht retten.

Trier. "Für uns gibt es keinen Grund, unsere Kinos umzurüsten", betont Dirk Ziesenhenne, Betreiber des Broadway-Kinos in Trier. Ein Leasing-Projekt eines europäischen Förderungsprojektes für Dokumentarfilme ermöglichte es ihm vor einigen Jahren schon, einen der sieben Kinosäle mit einem digitalen Projektor auszustatten. "Digitale Sparversion, aber die ist bildtechnisch den analogen Projektoren nicht überlegen." Über 3-D-Experimente denkt man im Broadway nicht nach, denn der Schwerpunkt des Programms sind kleine, alternative Filme. Auch Ziesenhenne ist sich sicher, dass der Streifen so schnell nicht in den Orkus der Kinohistorie zu verbannen ist.

Derzeit verhandeln Kinobetreiber und Kinoverleiher über ein Finanzierungsmodell, um die digitale Technik flächendeckend auszurollen. Erst wenn die Versorgung aller Kinosäle in Deutschland finanziell machbar ist, erst dann sind die Tage des Streifens endgültig gezählt. Bis dahin flimmern Flusen auf der Leinwand, und es rattert im Vorführraum.

Extra

Bits und Bytes statt Zelluloidrollen: Rund 100 Millionen Euro Subventionen sind in Aussicht gestellt, um die Kinos in Deutschland beim Sprung ins digitale Zeitalter zu unterstützen. Nicht nur die Interessengemeinschaften der Kinos (AG Kino) kalkuliert jedoch mit mindestens 500 Millionen Euro. Digitales Kino ist teuer. Rund 100 000 Euro kostet die Technik für einen digitalen Projektor nebst Umbau, der für jeden einzelnen Kinosaal fällig wäre. Circa 1800 Kinos mit rund 4800 Leinwänden gibt es in Deutschland. Davon gehören 1200 Leinwände den großen Multiplex-Kinoketten. Die restlichen 3700 Leinwände gehören kleineren Lichtspielhäusern, Filmkunstbühnen und Kleinkinos. (zad)