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Tragödie eines Außenseiters

Tragödie eines Außenseiters

Anspruchsvoll gedeutet, unkonventionell besetzt, sorgfältig gearbeitet und vielschichtig musiziert: Der neue Trierer "Freischütz" in der ungewohnten französischen (aber deutsch gesungenen) Version mit vertonten Zwischentexten erweist sich als tragfähige Alternative.

Trier. Der Mann ist ein Verlierer von Anfang an. Mit wirrem Blick und verzweifelter Körpersprache taumelt der Jägerbursche Max durch die Szenerie, traumatisiert durch seine Versagensangst. Selbst die Bauern, aufmüpfige Untertanen, machen sich über ihn lustig, und ihr Tanz gerät für ihn zum Spießrutenlauf.

Dabei war Max noch bis vor kurzem ein stolzes Mitglied der mächtigen Jäger-Truppe, die als schwarzes Freikorps durch die Gegend zieht und gesellschaftlich eine dominante Rolle spielt. Aber er funktioniert nicht mehr: Beim Schießen trifft er seit Wochen kein Ziel, und das kurz vor dem Probeschuss, mit dem er seine geliebte Agathe samt zugehöriger Erbförsterei erobern will. Regisseur Lutz Schwarz taucht tief ein in die Psyche seiner Hauptfiguren. Der Prüfungs-Versager Max und die Träumerin Agathe: Sie scheitern an gesellschaftlichen Zwängen und Kommunikations-Unfähigkeit. Konsequenterweise existiert die romantische Gespenster-Welt des Freischütz nur als Form von Wahn. Die bösen Geister hausen im Kopf, der Wald ist eine Foto-Tapete, die Wolfsschlucht wächst im Wohnzimmer. Kilian, der bäuerliche Herausforderer von Max, und der satanische Samiel sind die gleiche Figur. Die Hölle, das sind die anderen. Parallel zum Psycho-Drama liefert Schwarz ein Gesellschaftsbild des 19. Jahrhunderts, in das er die Oper - ihrer Entstehungszeit entsprechend - verlegt hat. Eine Gesellschaft im Umbruch, Restauration und Fortschritt streiten im Zeichen des Reichsadlers um die Vorherrschaft, künftige Kämpfe kündigen sich an.

In der Wolfsschlucht, wo sich Irrationalität und bedingungsloser Siegeswille treffen, werden auch die Kugeln gegossen für spätere Weltkriege - eine grandiose Bild-Metapher. Das klingt abstrakt, aber Regisseur Schwarz, Ausstatterin Kerstin Laube und Kostümbildnerin Carola Vollath finden dafür plausible, packende, meist nachvollziehbare Bilder.

Und sie nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die Pariser Rezitativ-Fassung von Hector Berlioz liefert, um die Zuschauer in das Stück hineinziehen, statt durch hohl deklamierte Sprechtexte Distanz entstehen zu lassen. Sogar Webers für Paris hinzugefügte "Aufforderung zum Tanz" ist geblieben - daraus entsteht die beeindruckendste Szene des Abends, wenn Agathe sich ihre Hochzeitsfeier zusammenträumt. Das alles würde nicht funktionieren, wäre da nicht mit Valtteri Rauhalammi ein Dirigent, der sich auf die Deutung einlässt. Er sucht mit den prägnanten Trierer Philharmonikern die Tiefe, lotet die Figuren und ihre Motive nachhaltig aus - was manchmal zu Lasten der Fließgeschwindigkeit geht. Das Orchester folgt der durchdachten musikalischen Interpretation willig und mit exzellenten Soli (Daniel Poschta, Cornelia Hain, Jörg Sonnenschein). Die Rezitative sind gut gearbeitet, die Koordination zwischen Graben und Bühne wäre vereinzelt verbesserungsfähig. Der Chor (Leitung: Angela Händel) hat Saft und Kraft, klingt aber - vor allem beim berühmten Jägerchor - etwas unausgeglichen. Vorzüglich-verspielt die vier Brautjungfern (Hee-Gyong Jeong, Cynthia Nay, Angela Pavonet, Magali Schmid). Michael Suttners Max ist Welten vom gewohnten Heldentenor entfernt, wirkt eher kleinstimmig. Aber er verkörpert den Neurotiker überzeugend bis zur Selbstaufgabe, mit allen Schwächen und Selbstzweifeln, zu denen eine Stentor-Stimme gar nicht passen würde. Bei Vera Wenkerts Agathe fürchtet man eher das Gegenteil: Ein metallischer Mega-Sopran für die lyrische Erbförsterstochter, kann das gehen? Es geht sogar ausgezeichnet, weil sich Wenkert klug zurücknimmt, ihren beiden großen Arien Innigkeit verleiht und der Versuchung widersteht, mit ihrem Material zu klotzen.

Alexander Trauth zeichnet, sängerisch wie darstellerisch glänzend, einen differenzierten Verführer Kaspar, Evelyn Czesla ist als Ännchen mit gewohnter Verve für die ausgelassenen Momente des Abends zuständig, Peter Koppelmann (Kilian, Samiel) und Laszlo Lukacs amtieren gekonnt als Sachwalter des Bösen und der Macht. Francis Bouyer (Fürst Ottokar) und Pawel Czekala (Eremit) sind Beobachter, die erst am Ende ins Geschehen eingreifen, letzterer als aus den Wolken herabsteigender "Deus ex machina", an dessen Happy End freilich niemand glauben kann. Ausgiebiger Beifall des Publikums für einen "Freischütz", der alles andere ist als die routinierte Abwicklung eines sicheren Opern-Kassenhits.