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Traumschiff in Sparvariante

Traumschiff in Sparvariante

Viel Altbewährtes aus der Operetten-Hitparade, ein paar entdeckenswerte Orchester-Glanzlichter, herausragende Einzelleistungen und eine eher betuliche "Traumschiff"-Rahmenhandlung: Aus diesem Mix filterten die Trie rer Philharmoniker ihr Neujahrskonzert 2012.

Trier. Auch Traumschiffe müssen auf die allgemeine Finanzlage Rücksicht nehmen. So bot sich dem geneigten Publikum zum Trie rer Neujahrskonzert ein wenig opulenter Anblick: ein abblätterndes Steuerrad, ein schmucklos angedeuteter Schiffsbug, ein hölzerner Liegestuhl. Da mochte mancher schon befürchtet haben, selbst an Neujahr müsse man sich auf zeitgenössisches Regietheater einstellen - aber keine Angst, die karge Deko blieb das einzige in weitestem Sinn moderne Element des Abends.
Auf den ersten Blick bestand das Programm aus den Ballermann-Hits der Operette: Vom Bettelstudenten ("Ach ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst") über die lustige Witwe ("Lippen schweigen") bis zum Weißen Rössl ("Die ganze Welt ist himmelblau"). Immer wieder gern genommen. Aber spätestens bei Carlos Aguirres Interpretation von "Jetzt geh ich ins Maxim" - weiter weg vom Jopie-Heesters-Schmalz kann man das gar nicht singen - fiel auf, dass es musikalisch gar nicht so bieder zuging wie das Repertoire hätte erwarten lassen.
Konzentriert und motiviert


Victor Puhl und seine Philharmoniker deckten den Saal nicht mit schwulstiger Operettenseligkeit zu, sie gingen den Dingen musikalisch auf den Grund. Konzentriert und motiviert. Einige Orchesterstücke gerieten zu regelrechten Glanzlichtern: Nino Rotas filigran und stimmungsvoll interpretierte Filmmusik zum "Paten". Oder die atmosphärisch aufgeladene "Show Boat"-Ouvertüre. Oder der Höhepunkt des Abends, der lautmalerische "Schiffbruch" aus Rimsky-Korsakows sinfonischer Dichtung "Scheherazade".
"Ich komme mir vor wie auf der Titanic", scherzte da die gewohnt locker-souveräne Moderatorin Barbara Ullmann alias Chef-Stewardess Beatrice. Dem Autor ihrer Zwischentexte hätte man freilich eine Prise mehr Ironie und Biss gewünscht.
Die aufgebotene Sängerriege mit Joana Caspar, Evelyn Czesla, Svetislav Stojanovic und Pawel Czekala löste ihre erste Aufgabe im neuen Jahr souverän. Die beiden Herren hatten allerdings bisweilen Mühe, sich gegen die Orchesterwogen durchzusetzen, die Generalmusikdirektor Victor Puhl mit seinen Tanzschritten auf dem Dirigentenpult immer wieder entfachte.
Den ersten richtigen Jubel des Abends heimste - kurz vor Schluss des offiziellen Programms - Carlos Aguirre ein, mit der grandios dargebotenen Interpretation einer Romanze aus der hierzulande völlig unbekannten spanischen Zarzuela "La Tabernera del Puerto". Auf die weitere Karriere des jungen Baritons darf man gespannt sein.
Bei den Zugaben zwischen "Donner und Blitz" und "Radetzkymarsch" kamen dann auch die Wiener Neujahrsklassiker zu ihrem Recht. Das Publikum, bis dahin mit dem Beifall nicht unbedingt überschwänglich, wollte am Ende mit dem Klatschen gar nicht mehr aufhören. Vielleicht wartete man auf die "Schöne blaue Donau", aber die kam nicht. Traumschiffe fahren halt eher auf dem Meer als auf Flüssen.