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Trialog mit dem "Sohn vom Kohl"

Trialog mit dem "Sohn vom Kohl"

Podiumsdiskussion statt Lesung: Walter Kohl hat sich am Donnerstagabend im Forum Daun offen und ausführlich mit den 500 Zuhörern beim Eifel-Literatur-Festival über seine Autobiografie ausgetauscht.

Daun. "Da kommt der Sohn von Kohl." Ein Satz, der das Leben von Walter Kohl bestimmt. "Ich habe als eigenständige Person nicht stattgefunden", sagt der Unternehmer, dessen Buch "Leben oder gelebt werden" im vergangenen Jahr in gleich zwei Sparten der Spiegel-Bestsellerliste präsent war - als politisches Buch und als Ratgeber, der zum meistverkauften Buchtitel des Jahres 2011 avancierte.
Walter Kohl, Jahrgang 1963, tritt den mühsamen Weg aus dem Schatten seines Vaters Helmut Kohl an, als seine Mutter Hannelore 2001 Selbstmord begeht. "In diesem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich nicht mein eigenes Leben lebe und innerlich völlig erstarrt bin", sagt Kohl. Er verarbeitet seinen Kampf um die eigene, selbstbestimmte Existenz in einer Biografie, die einen Blick hinter die Kulissen der großen Politik liefert und seine abgeschottete Kindheit und Jugend im rheinland-pfälzischen Oggersheim als Sohn des übermächtigen, aber niemals greifbaren Vaters Helmut Kohl, des CDU-Vorsitzenden, Kanzlers der Einheit und Ehrenbürgers Europas, beschreibt. Zugleich will Walter Kohl mit seinem Buch Mut machen und Wege zur Versöhnung aufzeigen, auch wenn sie einseitig ist. "Versöhnung ist nicht nur die Kraft, die Menschen zueinander führt, sondern auch die Kraft, die einen Menschen zu sich selbst bringt", sagt er.
Die öffentliche Meinung zur Autobiografie ist geteilt. "Nestbeschmutzer" betitelt ihn die eine Seite, während andere Leser in dem Buch einen Seelenführer sehen, der Mut macht, sich aus fremdbestimmten Lebensumständen zu lösen und den eigenen Weg zu gehen.
Kurz vor der Veranstaltung in Daun verständigten sich Kohl und Festivalleiter Zierden auf die ungewöhnliche Gestaltung des Abends Der "Trialog" zwischen Moderator und Autor, unter Einbeziehung des Publikums, läuft zögernd an, nimmt aber im Laufe des Abends Fahrt auf - die Fragen, die Kohl offen und ausführlich beantwortet, drehen sich um die Themen Lebensbewältigung und Versöhnung. Aber auch nach Helmut Kohl wird gefragt. "Was hält ihr Vater von ihrem Buch?", will ein Zuschauer wissen. "Mein Vater will mit meinem Buch, aber auch mit mir nicht in Kontakt kommen", sagt Walter Kohl. "Er hat ein neues Leben und mit der Vergangenheit abgeschlossen."
Aber auch das hindere ihn nicht an seiner einseitigen Versöhnung mit Helmut Kohl, die ihn von einer großen Last befreie, sagt der Autor. "Walter Kohls schrittweise erworbene Fähigkeit, so offen und öffentlich über diese Dinge zu sprechen, ist eindrucksvoll", meint Festival-Chef Zierden. "Eine Super-Veranstaltung", lautet Walter Kohls Eintrag in das Gästebuch. Er fand das Gesprächsexperiment wohl gelungen. now