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Gastbeitrag
Zu speziell, zu sperrig, zu überambitioniert: Trierer Buch-Blogger über den Deutschen Buchpreis

FOTO: Florian Valerius / g_kultur <g_kultur@volksfreund.de>
Der preisgekrönte Buch-Blogger Florian Valerius aus Trier über den Deutschen Buchpreis und Prestigeobjekte. Von Florian Valerius

Mit dem Deutschen Buchpreis, der seit 2005 vergeben wird, soll der  deutschsprachige „Roman des Jahres“ gekürt werden. Das Ziel des vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgegebenen Preises ist, „über Ländergrenzen hinaus Aufmerksamkeit zu schaffen für deutschsprachige Autoren, das Lesen und das Leitmedium Buch“.

Nächsten Montag werden wir erfahren, ob es einen der Favoriten trifft (Maxim Biller, Stephan Thome) oder es gar eine Überraschung geben wird (Susanne Röckel), wenn man im Kaisersaal des Römers in Frankfurt den diesjährigen Gewinner-Roman ausgeruft. Seit seinen Anfängen verfolge ich die Berichterstattung über diesen Preis und alles, was damit zusammenhängt. Seitdem frage ich mich auch: Für wen genau ist dieser Preis? Was bringt er den Lesern? Oft wird ihm vorgeworfen, er sei nur ein Marketingpreis, ein Preis, der Verkaufszahlen fördert.

Nach vielen Jahren im Buchhandel stehe ich dem Preis immer noch kritisch gegenüber, denn meiner Meinung nach geht die Auszeichnung am Großteil der Leserschaft einfach vorbei. Zu speziell, zu sperrig, zu überambitioniert, schlicht: oft einfach unlesbar. Ganz selten, dass ich mal einen Titel auf dieser Liste finde, den ich als „Herzensbuch“ bezeichnen würde. Einen Titel, den ich einfach all meinen Kunden ans Herz legen möchte und von dem ich überzeugt sagen kann: Lesen Sie den! Der wird Sie glücklich machen!

Dieses Jahr darf ich ganz nahe dabei sein: Als offizieller Buchpreisblogger habe ich mich intensiv mit allen nominierten Romanen auseinandergesetzt, habe diverse davon gelesen, durfte der Shortlist-Lesung in Frankfurt beiwohnen und werde auch die Preisverleihung besuchen dürfen.

Bisher eine äußerst spannende und großartige Erfahrung – meine Meinung bezüglich des Preises hat sich dadurch jedoch nicht wirklich geändert: Eine Longlist, die – wie so oft – auf (familiäre) Vergangenheitsbewältigung (Nazis und DDR) fußt, in der man ein Requiem in reimlosen Versen, „mäandernde Erzählprosa mit über 200 ausführlichen Fußnoten“, Frauen, die auf Fabrikgeländen leben und nach Füchsen jagen und einen nach Aas stinkenden Riesengeier entdecken kann. Auch Autoren und Verlage finden sich dort, von denen ich, nach vielen Jahren im Buchhandel, noch nie gehört habe. Schwierig. Unverkäuflich.

Zum Glück konnte ich aber dieses Jahr auch einige Schätze auf der Longlist entdecken beziehungsweise durfte ich sie kennenlernen: María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten, Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen und mein absolutes Highlight: Franziska Hauser: Die Gewitterschwimmerin. Jedoch sind auch diese Titel keine Geschichten, die ich meiner Kundschaft in rauen Mengen empfehlen werden kann.

Dies sind nicht nur gefühlsmäßige Eindrücke meinerseits. Die aktive Kundennachfrage, was Titel auf der Longlist angeht, geht gegen null.

Wie immer wird sich der Siegertitel mittelprächtig (Frank Witzel, Therézia Mora) bis prächtig verkaufen – wie viele der gekauften (und meist verschenkten) Exemplare dann auch wirklich gelesen oder nur als Prestigeobjekt im Regal stehen werden, würde mich ebenfalls interessieren.

Eine Alternative zu diesem Preis ist das „Lieblingsbuch der Unabhängingen“ – jedes Jahr dürfen Buchhändler Vorschläge einreichen, um im Zuge der „Woche der unabhängigen Buchhandlungen“ ihr persönliches Lieblingsbuch zu küren. Über 600 Buchhandlungen beteiligen sich daran – und so kommt immer eine Shortlist zustande, auf der sich eben nicht ausschließlich Romane, die im Feuilleton oder im Regal verstauben, wiederfinden, sondern Geschichten, die auch gelesen, empfohlen und geliebt werden.