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Trierer Ex-Theaterintendant Karl Sibelius zieht Bilanz

Trierer Ex-Theaterintendant Karl Sibelius zieht Bilanz

In einem Interview mit einer Trierer Schülerin äußert sich der umstrittene Ex-Intendant erstmals eingehend zu den Vorwürfen, die ihm gemacht wurden.

Schon seit mehr als einem halben Jahr prüft die Staatsanwaltschaft Trier, ob sie ein Ermittlungsverfahren gegen den ehemaligen Trierer Theaterintendanten Karl Sibelius und gegen Ex-Kulturdezernent Thomas Egger einleitet. Die AfD erstattete Strafanzeige, nachdem sich im Oktober 2016 gezeigt hatte, dass dem Theater für 2016 ein Minus von rund 2,3 Millionen Euro drohte. Erst wenige Monate zuvor - im Juni 2016 - war ans Licht gekommen, dass das Kalenderjahr 2015 mit einem Defizit von rund 1,3 Millionen Euro abgeschlossen hatte.

Und Karl Sibelius rückte in den Mittelpunkt einer Debatte, so heftig, so emotional und spannungsgeladen, wie es sie in Trier nur selten gegeben hatte. Höchstens bei der Frage, ob eine Tankstelle oder welche Schulen geschlossen werden sollen, reagierten Trierer noch unversöhnlicher. Was folgte, waren Vorwürfe, Verteidigungen, eine Schlacht der Meinungen. Während sie tobte, schwieg Sibelius. Interviewanfragen des Trierischen Volksfreunds lehnte er ab. Mit Verweis auf die staatsanwaltschaftliche Prüfung und auf Leserbriefseiten, die ihn zutiefst verärgert hatten.

Einer Trierer Schülerin jedoch hat sich Sibelius, der inzwischen in seine alte Heimat zurückgekehrt ist, geöffnet. Die 18-Jährige Gianna Marchi vom Angela-Merici-Gymnasium schreibt derzeit eine freiwillige Arbeit über die künstlerische und finanzielle Entwicklung des Theaters in der Ära Sibelius. Eine Arbeit, die in ihre Abiturnote einfließt.

Die junge Frau, die in der Trierer Bürgertheater-Sparte 0.1 selbst als Schauspielerin auf der Bühne steht, hat ein zur Veröffentlichung freigegebenes Interview mit dem Österreicher geführt, in dem er freimütig ein Fazit seiner Zeit in Trier zieht: "Ich habe am Theater Trier wunderbare Menschen kennengelernt, durfte wundervolle Glücksmomente erleben mit dem Publikum und den Kollegen, aber ich bin auch in einem Albtraum gewesen, den ich nie mehr durchleben möchte.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas noch einmal überleben würde. Ich bin niemandem böse, denn ich glaube, die Leute machen das nicht aus einer Bösartigkeit, sondern aus Angst, auch die Politik, die wollen ihre Wählerstimmen, und da war ich ein gutes Opfer. Ich bin kein nachtragender Mensch.
Sie haben sich einen Paradiesvogel gewünscht, einen Vogel, der fliegt, einen Vogel, der alles anders macht, und dann haben sie Angst bekommen vor ihrer eigenen Courage und haben diesen Vogel eingesperrt", sagt Sibelius der 18-Jährigen.

Den Vorwurf Geld verschwendet zu haben, weist er zurück und führt für die Budgetüberschreitungen mehrere Gründe an. "Als ich ankam, wurde mir kein Budget genannt. Also bin ich davon ausgegangen, dass mir so viel Geld zur Verfügung steht wie im Vorjahr des alten Intendanten."

Das war jedoch nicht der Fall, da in der letzten Saison unter Intendant Gerhard Weber bereits ein Großteil der 1,6 Millionen Euro ausgegeben wurde. Sibelius sagt, es seien noch 100.000 Euro übrig gewesen, die Stadt sprach dem TV gegenüber damals von 250.000 Euro (siehe Extra). Zudem verweist Sibelius auf die Controller, die mit ihm die Finanzen verwalteten. "Bis zum Januar hieß es immer, alles sei in Ordnung. Gleichzeitig schrieb ich an die Politik, dass ich diese finanzielle Verantwortung nicht übernehmen kann, da ich keinen Überblick habe, weil Informationen fehlen."

Er habe zu keinem Zeitpunkt Gage rausgeworfen. Zudem erinnert Sibelius an eine Studie des Consulting-Unternehmen ICG: Diese hatte der Stadt 2013 vorhergesagt, dass das Theater-Defizit schon alleine durch Tariferhöhungen wachsen werde. Die Stadt müsse mehr ausgeben oder aber die Strukturen verändern.

Und Sibelius klagt, er habe weder beim Orchester noch beim Verwaltungspersonal umstrukturieren dürfen. "Ich war nur 13 Monate in Trier als Intendant. Und in dieser Zeit soll ich so viel Geld ausgegeben haben? Das ist total lächerlich", sagt er. Die Politik habe da alles reingepfercht. "Und wenn sich die Politik so sicher gewesen wäre, dass ich ,Mist' gebaut habe, dann hätten sie mir auch keine Abfindung gezahlt, vor allem nicht in dieser Höhe". Sibelius hatte für die vorzeitige Vertragsauflösung 300.000 Euro erhalten. Er sei zu einer Zeit gekommen, in der man einen Sündenbock gesucht habe und den habe man in ihm gefunden. Künstlerisch habe er viel erreicht, aber auch Fehler gemacht. "Ich hatte am Anfang den Anspruch, dass ich mir ganz viele, neue tolle Leute mitnehme nach Trier." Das würde er nie mehr machen. Er würde die Menschen mitnehmen, denen er auch vertrauen könne, die ihn kennen. "Vielleicht wollte ich auch einfach zu viel auf einmal, aber ansonsten glaube ich nach wie vor, dass ich ein guter Intendant bin und Trier eine riesige Chance vertan hat mit mir", sagte der Ex-Intendant Gianna Marchi.

Ab Juli wird er in seiner oberösterreichischen Heimat auf der Bühne zu sehen sein: Im Stück "Krach im Hause Gott" von Felix Mitterer tritt er als Heiliger Geist bei den Festspielen in Schloss Tillysburg auf. Die Geschicke des Trierer Theaters soll ab der Spielzeit 2018/2019 Manfred Langner (59) übernehmen, der noch Intendant der Stuttgarter Schauspielbühnen ist.Extra: ERKLÄRUNGEN DER STADT

Defizit 2015: Das Trierer Kulturdezernat hat viele verschiedene Gründe angeführt, um die 1,3 Millionen Euro Defizit des Jahres 2015 zu erklären: Von den 1,6 Millionen Euro, die Sibelius zur freien Verfügung zu haben glaubte, seien zu Beginn seiner Amtszeit nur noch 250.000 Euro übrig gewesen. Den Rest hatte sein Vorgänger Gerhard Weber demnach schon verbraucht. Auch sei der Tariflohn gestiegen, das Ensemble habe wegen vieler Überstunden weniger spielen können, das Kindermärchen sei seltener aufgeführt worden. Zudem kamen in der Spielzeit 2015/2016 so wenige Besucher wie nie: nur 79.452 Zuschauer - 19 Prozent weniger als zuvor.

Defizit 2016: Als das Minus des Jahres 2016 auf 2,3 Millionen Euro anwuchs, machte der Stadtvorstand Sibelius dafür verantwortlich und löste den Vertrag vorzeitig auf. Ein Prüfbericht, den die Stadt geheim halten wollte, zeigt, dass die Verwaltung Mitverantwortung für das Finanzdebakel trägt. Zwar bescheinigt der Bericht Sibelius mangelnde Führungsqualität, eine Spielplangestaltung, die die Kosten mit häufigen Spielplanänderungen, Außenspielstätten und Zusatzpersonal in die Höhe trieb sowie ein vollständiges Versäumen der Finanzkontrolle. Allerdings werfen die Prüfer auch die Frage auf, ob Sibelius nicht zum Scheitern verurteilt war, da man ihm zu viele Aufgaben übertrug: Verantwortung für Kunst und Finanzen, die Überführung des Hauses in eine neue Rechtsform plus die Begleitung von Theaterneubau oder -sanierung. "Wäre da nicht von vorneherein ein Controlling des Dezernats erforderlich gewesen?", fragen die Autoren. Hinzu kommen strukturelle Probleme, die seit Jahren bestanden: So vergaben unbefugte Theatermitarbeiter Aufträge über Zigtausende Euro, ohne Vergleichsangebote einzuholen, es fehlten Arbeitsplatzbeschreibungen und klare Verfahrensabläufe.