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Trierer hilft Nazis im Zweiten Weltkrieg bei Kunstraub in Frankreich

Verbrechen : Kunstliebhaber auf Raubzug in Paris

Hermann Bunjes hilft den Nazis beim Diebstahl von Kulturgütern und amerikanischen Fahndern beim Auffinden der Schätze.

Was verbindet den Teppich von Bayeux, die Familie Rothschild, die Kunstfahnder der US-Amerikaner – bekannt als „Monuments Men“ – und die Stadt Trier miteinander? Es ist der Kunsthistoriker Hermann Bunjes. Geboren am 1. September 1911 in Bramsche (Niedersachsen). Nach einem Studium der Kunstgeschichte an der Kunstakademie Düsseldorf sowie den Universitäten Bonn, Köln, Paris und Marburg unterstützte er zwischen 1936 und 1940 das Denkmalamt der Rheinprovinz beim Erstellen einer Inventarliste. In dieser Zeit schrieb er zahlreiche Bücher über die kunsthostorische Bedeutung von Baudenkmälern in Trier, beispielsweise „Die Pfarrkirche S[ank]t Gangolf zu Trier“, „Die Liebfrauenkirche zur Trier“ oder „Der Dom zu Trier“. Nicht veröffentlicht und nur als Typoskript in der Stadtbibliothek Trier erhalten ist sein Buch „Die profanen Denkmäler der Stadt Trier“.

Magdalena Palica verantwortet als Bibliothekarin das Projekt „Podcast/Buch des Monats“. Im August erzählte Palica in einem Podcast über die nur Spezialisten bekannte Seite des Hermann Bunjes – nämlich die des Kunsträubers im Auftrag der Nazis, der den „Monuments Men“ half, die gut versteckte Raubkunst wiederzufinden. Dass Palica diese Geschichte ausgegraben hat, ist ihrer Kombinationsgabe zu verdanken. „Ich habe den Film ‚The Monuments Men – Ungewöhnliche Helden’ gesehen, in dem auch der Name Bunjes fällt. Bevor ich in Trier bei der Stadtbiblothek anfing zu arbeiten, war ich als Provenienzforscherin tätig. Daher war mir auch der Name Bunjes bekannt“, sagt sie im Gespräch mit dem Volksfreund. Als sie dann gesehen habe, dass Bunjes Ende der 1930er Jahre viel zu Trier publiziert habe, habe sie angefangen, seine Geschichte zu recherchieren.

Zwischen 1940 und 1944 arbeitete Hermann Bunjes in Paris, zuletzt als Leiter der Kunsthistorischen Forschungsstätte sowie als Verbindungsmann des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, eine NSDAP-Organisation, die in den von Deutschen besetzten Gebieten – vor allem von Juden – Kulturgüter raubte, zu Hermann Göring. Bunjes hatte damit eine zentrale Stellung im Kunstleben der Stadt Paris. Zudem beriet er wahrscheinlich die zwei wichtigsten Männer des „Dritten Reiches“ – Adolf Hitler und gewiss Hermann Göring – in Kunstfragen.

Eine der größten privaten Kunstsammlungen in Frankreich war die der deutsch-jüdischen Bankiersfamilie Rothschild. Unterlagen der US National Archives and Records Administration (abgekürzt NARA) belegen, dass Bunjes als Gutachter wiederholt zu den Rothschild-Schätzen seine Expertise abgegeben hat und so dafür sorgte, dass sie aus Frankreich ins Deutsche Reich transportiert und dort versteckt wurden.

Drei von den Nationalsozialisten – allerdings nicht in Frankreich – geraubte wertvolle Tapisserien sind kürzlich an die Erben der jüdischen Familie Goldschmidt-Rothschild zurückgegeben worden. Wahrscheinlich gehörten die Bildteppiche zur Ausstattung des Neuen Palais’ an der Grünen Burg in Frankfurt, das die Familie 1935 wegen zunehmender Repressalien durch das NS-Regime aufgeben musste. 1936 waren sie laut Bayerischem Nationalmuseum in München versteigert worden und in den Besitz des NS-Kriegsverbrechers Hermann Göring gelangt. Durch Kauf, Raub und Nötigung hat er auch dank Bunjes’ Unterstützung eine umfangreiche Kunstsammlung angehäuft. Geschmückt haben die jetzt zurückübertragenen Tapisserien offenbar die Empfangshalle von Görings Berliner Stadtpalais.

Das Bayerische Nationalmuseum verwaltet einen Teil der in Bayern gefundenen NS-Raubkunst treuhänderisch. Es hat diese Aufgabe Anfang der 1960er Jahre übernommen, soweit diese bis dahin nicht restituiert werden konnten. Zunächst waren dafür jedoch bis 1948 noch die amerikanischen Besatzungsbehörden – die „Monuments Men“ – zuständig. Bis heute verwaltet das Bayerische Nationalmuseum rund 400 Objekte aus der Sammlung von Göring, die noch nicht an die Familien der früheren Eigentümer zurückgegeben werden konnten.

Und hier wären wir wieder bei der unglaublichen Geschichte von Hermann Bunjes: Die zwei Monuments Men Lincoln Kirstein und Robert Posey trafen am 20. März 1945 in Trier ein, um zu verhindern, dass die Stadt weiter zerstört oder geplündert wird. In einer Broschüre schreiben sie: „Porta Nigra und ähnliche Denkmäler sind nicht nur Deutsch.“ Wenige Tage später hat der Kunstschutzoffizier Posey Zahnschmerzen. Behandelt wird er von Dr. Sauerwein. Der Zahnarzt ist der Schwiegervater von Hermann Bunjes, und er erzählt seinem Patienten von dessen Tätigkeit in Paris. Zu dritt fahren sie nach Fell, wo Bunjes lebt. Die beiden Offiziere befragen ihn, und schon bald plaudert er aus, wo die in Paris geraubten Kunstschätze versteckt wurden. Schon bald wissen die beiden amerikanischen Offiziere, wo Kunstwerke wie der Genter Altar oder Michelangelos Brügger Madonna versteckt sind. Dank Hermann Bunjes können sie vor der Zerstörung gerettet werden, die Hitler noch kurz vor seinem Selbstmord angeordnet hatte.

Und dann wäre da noch Bunjes letztes großes Kunstraub-Projekt: Unter dem Codenamen „Matilda“ sollte der Wandteppich von Bayeux „heim ins Vaterland“, wie der amerikanische Historiker Jonathan Petropoulos in seinem Buch „The faustian bargain“ (auf Deutsch etwa: Fausts Schnäppchen) schreibt.

Der Teppich aus dem 11. Jahrhundert zeigt auf einer Länge von 68 Metern die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm, der Eroberer. Er ist seit 2007 Weltdokumentenerbe. Bunjes hatte geplant, ihn von seinem Versteck über das Louvre in Paris „ins Reich“ zu bringen. Aber die Befreiung der französischen Hauptstadt durch die Alliierten am 19. August 1945 verhinderte diesen Coup.

US-Soldaten finden in einem Bergwerkstollen den „Wintergarten“ des französischen Impressionisten Edouard Manet. Bunjes verriet den Monument Men Verstecke, in denen die Nazis Raubgut einlagerten. Vor seiner Zeit in Paris hat Bunjes mehrere Bücher über Kunstdenkmäler in Trier verfasst. Foto: US National Archives & Records A/NARA
Gescheiterter Raub: Die Nationalsozialisten wollten den Wandteppich von Bayeux – hier die Könung von Harald II. in England – rauben. Die Pläne dafür hatte der Trierer Kunsthistoriker Hermann Bunjes ausgearbeitet. Letztlich scheiterte der Raub, weil die Alliierten Paris besetzten, bevor ihn die Deutschen aus dem Louvre, wo er im August 1945 lagerte, mitnehmen konnten. Foto: Gemeinfrei/Myrabella/Wikipedia

Bunjes nahm sich nach der deutschen Kapitulation das Leben, als er erfuhr, dass Trier der Französischen Besatzungszone zugeschlagen würde.