1. Region
  2. Kultur

Trierer Schauspieler gibt den Mephisto in Faust-Inszenierung in Luxemburg

Trierer Schauspieler gibt den Mephisto in Faust-Inszenierung in Luxemburg

Eine Rap-Einlage, ein Selfie, ein paar Orgasmen und ein Mephisto wie Jeff Bridges zu Big-Lebowski-Zeiten: Jean-Paul Maes‘ Inszenierung ist experimentierfreudig - und teilweise sehr gelungen.

Ein jeder kennt das Rezept des ersten Teils vom Faust: Man nehme den namensgebenden Antihelden, der es leid ist, unzufrieden zu sein, der mit seinem Wissensdurst aneckt und der sich auf privater Ebene unfähig fühlt, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Man füge dem die Figur des Verführers Mephisto hinzu, der glaubt, es zu vermögen, den Faust vom rechten Weg abzubringen. Mit ein bisschen Zaubertrunk, Wetten, Erotik und Feierlichkeiten würzen, und fertig ist der Erfolgsklassiker. Das Luxemburger Tageblatt berichtet über die Premiere am Freitag, 20. Januar.

Für viele ist Goethes Faust dieser angestaubte Klassiker, mit dem man sich herumschlagen musste, um endlich das Abitur in der Hand zu halten.(Zu) viel Experimentierfreude

Faust zu inszenieren, bedeutet, sich dieser Vorbelastungen zu entledigen. Es bedeutet aber auch, sich den Schwierigkeiten dieses dramaturgisch komplexen, da ausufernden Stücks auszusetzen. Jean-Paul Maes gelingt dies in seiner Inszenierung von Faust I im Kaleidoskop-Theater in Bettembourg meist erstaunlich gut, manchmal aber scheitert das Stück an seinen Ambitionen und verschiedenen etwas unglücklich gewählten Inszenierungselementen. Denn für diese Version vom Faust wurde sehr viel ausprobiert, und in den tollen Momenten funktioniert diese Experimentierfreudigkeit äußerst gut, speziell, wenn das Libidinöse und das humoristische Potenzial des Stücks ausgelotet werden.

So ist die Dynamik des Stücks in Szenen wie Auerbachs Keller, die Hexenküche oder die Verführung im Garten äußerst überzeugend. Andererseits wirken die Szenen, in denen lange herummonologisiert wird, etwas einfallslos: Hieran scheinen auch die Schauspieler und der Regisseur sichtlich weniger Gefallen gefunden zu haben; die Inspirationspausen, die bei einem solch überlangen Stück unumgänglich sind, werden glücklicherweise nach den ersten 20 Minuten eher selten. Wer Faust inszeniert, muss damit rechnen, dass ganze Scharen von blasierten Jugendlichen auftauchen, die klischeehaft ihre Aufmerksamkeit zwischen dem Bildschirm der Smartphones, amüsiertem Gelächter und der Bühne teilen - und immer dann lachen, wenn im Text Kraftausdrücke fallen.

Die logische Wahl war, diesen "Zeitgeist" im Stück zu verarbeiten. So wird die inhärente Rhythmik in Goethes Lyrik explizit für einen wahnsinnig schmissigen Rap von Mephisto - mitsamt "Call-Response"-Chor - zweckentfremdet. Wenn Mephisto sich in Faust mutiert, um einem der Studenten auf den Zahn zu fühlen, sieht man diesen mit lässiger Kappe ins Studierzimmer schlurfen, ein schnelles Selfie soll den Moment verewigen, bevor Mephisto eintritt.

Man könnte diesen szenischen Gags natürlich vorwerfen, sie würden einem Anbiederungsversuch an das junge Publikum gleichkommen. Vielmehr deuten sie aber in Richtung einer Aktualisierung des Stoffes, der Universalisierung der Faust-Geschichte. Schwierig bleibt natürlich die Dichte und Poesie des Textes, seine Sperrigkeit, die ihn auf einer Bühne schwer erschließbar machen könnte.

Die Kürzung des Textes wie auch die Inszenierung machen das Stück meist knackiger, zugänglicher. Nur manchmal, wenn eine Figur lange monologisiert, der Schauspieler der Rhythmik des Textes zu sehr verfällt und das minimalistische Bühnenbild keine Ablenkung bietet, dann wirkt der "Faust" wieder etwas trocken. Denn psychologisches Theater bietet "Faust" nicht, das Abstrakte der Figuren verbietet die Stütze des empathischen Zugangs, so dass die Darsteller kein leichtes Spiel haben, den Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.Diabolisch guter Mephisto

Schauspielerisch gibt es schon Diskrepanzen, meist funktionieren diese aber in einem guten Sinne. Tim Olrik Stönebergs Mephisto ist geradezu diabolisch gut: Stöneberg versteht es, mit einer beeindruckenden Grazie in die verschiedenen Gemütszustände des Verführers hineinzuschlüpfen, er eignet sich sowohl die Rolle als auch den Text dieser Figur an und führt sie zu neuen Interpretationsebenen. Stöneberg ist der Herzschlag des Stücks: Bevor er auftaucht - aber das liegt wohl teilweise auch an den unendlich erscheinenden Schichten von Prologen - ist die Inszenierung etwas lethargisch, der Text wirkt wie ein Korsett, das die Schauspieler einengt.

Mephistos Auftauchen dynamisiert das Geschehen und zwingt die anderen, ihr Bestes zu geben. Neven Nöthigs Faust ist überzeugend gequält, er kann kaum dafür, dass der Faust eine eher nervige Figur ist, Rosalie Maes' Gretchen pendelt überzeugend zwischen Naivität und Wahnsinn. Nach Anschauen des Stücks wird der Stoff für die Primaner nun wohl weniger öde wirken - und diese werden sich wohl auch fragen, ob Mephisto wie Jeff Bridges' "Dude" privat gerne "White Russian" trinkt. Der Autor Jeff Schinker ist Mitarbeiter beim Luxemburger Tageblatt.

Weitere Aufführungen am 25.1., 26.1., 9.2., 16.2., 17.2., 18.2 im Schloss Bettemburg und am 9.3. und 10.3 im Cape Ettelbrück.Extra

Tim Olrik Stöneberg (43) war bis Ende der Spielzeit 2014/15 als Schauspieler am Theater Trier beschäftigt. Am Kaleidoskop Theater in Bettembourg (Luxemburg) spielt er nun die Rolle des Mephisto im Faust I.

Für viele Schauspieler ist die Rolle des Mephisto eine Traumrolle - Ist das für Sie auch so?
Tim Olrik Stöneberg: Absolut! Es ist eine der größten und tollsten Rollen, die man spielen kann. Alleine die Sprache von Goethe lässt einem Schauspieler unglaublich viel Interpretationsspielraum. Es ist einfach ein großer Spaß diesen diabolischen Charakter zu spielen.

Was sagen Sie zu der Inszenierung von Jean Paul Maes?
Stöneberg: Jean Paul Maes ist einen mutigen Weg gegangen. Er hat den Text so gelassen und gleichzeitig in die heutige Zeit katapultiert und den Faust so entstaubt. Gerade das junge Publikum hat das mit viel Freude angenommen. Es konnte sich gar nicht vorstellen, dass Faust so witzig ist.

Wie empfinden Sie die Interpretation ihrer Rolle des Mephisto?
Stöneberg: Maes und ich haben uns überlegt, wie wir die Rolle sehen, und ich wollte auf keinen Fall einen Dämon mit Hörnern und Ziegenfüßen spielen. Die Teufel, die wir heute kennen, sind nicht auf den ersten Blick als solche erkennbar. Der Teufel ist symphatisch. Ich selbst empfinde den Mephisto nicht als böse , sondern als Erweiterer der Möglichkeiten. Faust ist eigentlich derjenige, der Böses tut: Er schwängert ein junges Mädchen, vergiftet die Mutter und ersticht den Valentin. Mephisto steht nur daneben und meint, dass Faust das wohl tun könne, er aber auch mit den Konsequenzen leben müsse. Ich glaube, dass in jedem Menschen ein Mephisto steckt, eine Art Verführer in allen denkbaren Hinsichten. sbra