Trierer Theater zeigt ab 23.11. Jacques Offenbachs Operette „La Périchole“.

Theater : „Wahre Komik kommt aus unserem Leben“

Eine Rarität, aber nur in Deutschland: Andreas Rosar inszeniert am Trierer Theater Jacques Offenbachs „La Périchole“. Premiere ist am 23. November.

Wenn’s dem Vize-König zu fad wird, mischt er sich unter sein Volk. Und hält Ausschau nach schönen Frauen. Entdeckt zum Beispiel die Straßensängerin Périchole, die sich mit ihrem Freund und Lover Piquillo mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Die Aussicht auf ein Essen, spendiert vom Herrscher, lässt sie schwach werden, aber da gibt es noch ein Problem: Im vize-royalen Hofstaat müssen alle Frauen verheiratet sein.

Wie das Leben so spielt, vor allem in Operetten, wird zufällig Piquillo als Ehegatte verpflichtet, der sich nach Péricholes plötzlichem Verschwinden eigentlich das Leben nehmen wollte. Doch dann lässt er sich, durch Unmengen von Alkohol völlig weggeknallt, auf die arrangierte Ehe ein und ist natürlich sauer, als er, einigermaßen ausgenüchtert, erkennen muss, wer ihm da ins Bett gelegt wurde. Prompt wird er gewalttätig und in den Kerker geworfen. Dort trifft er auf einen adeligen Mithäftling, der seit zwölf Jahren einsitzt, von aller Welt vergessen wurde und sich mit Hilfe eines Fagotts in die Freiheit zu graben versucht …

Um Himmels willen – wer soll diesen Schwachsinn eigentlich glauben? Diese Frage hat sich auch Andreas Rosar während der Proben mehr als einmal gestellt. Er inszeniert Jacques Offenbachs 1868 uraufgeführte Operette „La Périchole“ am Theater Trier im Jubiläumsjahr des Kölner Komponisten, der am 20. Juni 1819 geboren wurde. Nach „Pariser Leben“ vom selben Schöpfer ist es Rosars zweite Inszenierung am Haus.

Schon früh in seiner Regietätigkeit vom „Offenbach-Virus“ infiziert, hat der Saarländer sich bereits öfters mit dem Werk des Wahl-Parisers beschäftigt und findet es schade (vor allem fürs Publikum), dass von dem reichhaltigen Schaffen des Musikers eigentlich nur „Hoffmanns Erzählungen“ und „Orpheus in der Unterwelt“ im kollektiven Musikbewusstsein präsent sind. Denn „in diesem Offenbach-Kosmos finden sich die absurdesten Individuen in Konstellationen, die bei genauerem Hinsehen gar nicht so lebensfremd sind“, wie Rosar betont.

Fakten und Fiktion gehen auch in „La Périchole“ unmerklich ineinander über. Alles fing an mit Prosper Mérimée beziehungsweise der peruanischen Schauspielerin Micaela Villegas (1748-1819), der „ersten Nationalschauspielerin von Lima“, wie es in einer Biografie über sie heißt. Sie trug den Beinamen „la perra chola“. Jetzt fragt man sich natürlich, warum die Künstlerin, sehr frei übersetzt, als „schöne Hündin“ oder auch „Promenadenmischung“ bezeichnet wurde. Der Grund dafür wird wohl auf immer im Dunkel der Historie bleiben. Hätte es damals schon Shitstorms und #MeToo-Debatten gegeben … wer weiß, ob Mérimée sich an den Stoff gewagt und „Le Carrosse du Saint-­Sacrement“ (Die Kutsche vom Heiligen Sakrament) überhaupt geschrieben hätte. Die Komödie, 1829 uraufgeführt „und nicht sonderlich erfolgreich“ (Rosar), diente den Librettisten Henri Meilhac und Ludovic Halévy als Vorlage für Offenbachs „opéra bouffe“, die ihrerseits 1868 zum ersten Mal im Pariser „Théâtre des Variétés“ gezeigt wurde.

„Tatsache ist – die Schauspielerin hatte ein Verhältnis mit dem Vizekönig“, erklärt Rosar. Bei diesem handele es sich um eine „Halb“-Hoheit, also Menschen, die so tun, als seien sie wichtig, wie sie im Offenbach’schen Universum häufiger vorkommen. „Im Stück geht es um Macht und Ohnmacht, sowohl in der Liebe als auch in der Politik, und jeder macht jedem etwas vor. Périchole führt den König an der Nase herum, dessen Untertanen jubeln ihm zu, als fänden sie ihn toll, und die Hofschranzen reden ihm nach dem Maul, weil sie Angst um ihren Job haben“. Und das, fasst der Regisseur zusammen, seien ja Zustände, wie sie sich bis heute – im Politischen wie im Privaten – gehalten hätten. „Es gibt diesen schönen Satz ,Die Oper nimmt das Leben ernst, die Operette aber erst so richtig‘,“ zitiert er. „Ich habe lange über den Satz nachgedacht. Große Tragödien lassen sich leicht erzählen, aber die wirkliche Komik kommt letzten Endes aus unserem Leben, das meistens nicht so glatt verläuft wie eine tragische Oper. Und deshalb funktionieren diese Stücke bis heute, weil sie, genau wie unsere Biografien, nicht nach vorhersehbaren dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten ablaufen, sondern die skurrilsten Wendungen nehmen – mit Unwägbarkeiten, die uns in die abenteuerlichsten Labyrinthe führen. Genau das meine ich, wenn ich sage, dass die Operette unserem Leben in vielerlei Hinsicht gerade in ihrer Absurdität, Verschrobenheit und ihrer Unglaubwürdigkeit wesentlich näher ist.“

Und sollten sich die Zuschauer am Ende in der einen oder anderen Figur wiedererkannt haben, sich vielleicht sogar ertappt fühlen – „dann haben wir doch das ein oder andere erreicht.“

Premiere ist am Samstag, 23. November, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Theaters Trier. Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.

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