1. Region
  2. Kultur

Trierer Wettbewerb „Wilde Lieder“

Musik : Musik im optischen Zeitalter

Die Preisträger im Trierer Wettbewerb „Wilde Lieder“ von 2018 sind jetzt auf einer Doppel-CD zu hören.

Sogar im vielfältigen Trierer Marx-Projekt von 2018 war der Wettbewerb „Wilde Lieder“ ein besonderer Akzent. Zur Verkündung der Ergebnisse durch Projektleiter Rudolf Hahn erschien immerhin Oberbürgermeister Leibe im Trierer Simeonstift. Und Katarina Barley, damals noch aktiv in der Berliner Politik, freute sich über den klangvollen Titel einer „Schirmherrin“. Jetzt sind die prämierten Kompositionen  im Nobel-Label „coviello classics“ auf einer Doppel-CD erschienen.

„Wilde Lieder“ – so nannte der junge Marx seine Veröffentlichung ziemlich schwülstiger Gedichte. Die wurde zur Basis für den Kompositionswettbewerb. Allzu streng waren die Anforderungen an die Teilnehmer dabei nicht. Bei der sechsköpfigen Jury war neben handwerklicher Sicherheit vor allem Ideenreichtum gefragt. Weniger wichtig war, ob die Komposition den Marx-Text tatsächlich in den Mittelpunkt stellte oder ihn nur zum Anlass nimmt für eigene Kreativität. Nur große Besetzungen waren tabu.

Immerhin 72 junge Komponistinnen und Komponisten aus aller Welt beteiligten sich damals am Wettbewerb. Sie dokumentierten mit ihren Werken auch den aktuellen Stand des Komponierens. Acht Projekte mit insgesamt neun Personen wurden von der Jury unter Federführung von Stephan Meier mit Auszeichnungen bedacht. Der einzige Teilnehmer aus der Region, Hans-Werner Weiskircher aus Igel, ging bei der Preisvergabe freilich leer aus.

Mit den Geburtsjahren 1966 bis 1992 gehören die Komponistinnen und Komponisten nicht mehr zur ganz jungen Generation. Und doch hebt sich ihr Verständnis von Musik deutlich ab von der Tradition.  Klassische Formen wie Sonate, Rondo oder Fuge kommen nicht mehr vor. Aber auch von der Darmstädter und Donaueschinger Avantgarde in den 1950er und 1960er Jahren unterscheidet sich diese Musik deutlich. Was damals provokant, experimentell und oft allzu komplex herüberkam, hat sich zu einer Art von Handwerkskunst entwickelt. Die Komponisten der Gegenwart bauen aus den Geräuschen und Klängen ihrer Zeit und ihrer Umgebung akustische Bilder.  „Karl Marx und eine gewisse Vorstellung von Deflation gaben mir spontan ein musikalisches Bild ein“, schreibt beispielsweise Frédéric Pattar zu seiner „kleinen Marxmusik“. Und Celeste Oram verbindet Fragmente aus Schönbergs „Pierrot Lunaire“ faszinierend mit Alltagsgeräuschen.

Dramatische Spannungen und Entwicklungen, aber auch romantische Emotionalität sucht  man bei den prämierten Kompositionen vergeblich. Dafür glänzen sie mit einer fesselnden Fülle an akustischen Gestalten und Klangfarben. Wer die Musik auf diesen CDs hört, fühlt sich in eine Art akustischer Ausstellung versetzt. Es sind Kompositionen aus der Gegenwart und für die Gegenwart – Musik im optischen Zeitalter. Und da die Realisierung durch die Birmingham Contemporary Group unter Stephan Meier auf höchstem Niveau stattfindet, stellt sich auch beim traditionellen Hörer keine Ermüdung ein.

Cover Marx Foto: Verlag

Wilde Lieder. Marx Music. Birmingham Contemporary Group, Leitung: Stephan Meier. 2 CD, Coviello Classics COV 91914