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Triers Intendant lenkt ein

Triers Intendant lenkt ein

Intendant Karl Sibelius will das Bewerbungsverfahren um die Stelle des Chefdirigenten beenden und bittet um die Verlängerung des Vertrags von Generalmusikdirektor Victor Puhl um zwei Jahre. Diese Bombe schlägt am Donnerstagnachmittag ein - es ist eine Kapitulation des Intendanten.

Trier. Es ist alles übertrieben, erfunden, nicht wahr - das schreibt der Intendant des Trierer Theaters. Karl Sibelius verbirgt seinen Frust nicht. "Privat, politisch und presseseitig" sei ein "rein strukturell begründeter Prozess" zu einem persönlichen Disput gemacht worden. So formuliert es Sibelius in einem offenen Brief an Kulturdezernent Thomas Egger, den er über das Presseamt der Stadt Trier am Donnerstagnachmittag auch der Redaktion des Trierischen Volksfreunds zukommen ließ.
Dieses Schreiben ist eine Reaktion auf viele Impulse der vergangenen Tage und Wochen. Der Intendant reagiert damit auf einen offenen Brief des Orchesters, das sich klar für Victor Puhl als Generalmusikdirektor ausgesprochen hatte (der TV berichtete mehrmals). Sibelius reagiert mit seinen Zeilen auch auf das Schreiben von Trierer Kirchenmusikern und Organisten, die Puhl ebenfalls den Rücken stärken. Und er reagiert generell auf den in der Trierer Kulturszene heiß diskutierten Verdacht, er wolle den als sehr beliebt und enorm kompetent bekannten Puhl nicht neben sich dulden. Eben aufgrund dessen Beliebtheit und Kompetenz. Das Theater, das bin ich. Nur ich.
Nein, sagt Karl Sibelius. Nichts davon sei wahr. Die Debatte um die neue Stelle des Chefdirigenten als einen von vier Spartenleitern sei dagegen nichts anderes als ein völlig normales Besetzungsverfahren gewesen. Schließlich laufe Puhls Vertrag im Sommer 2016 aus."Keinerlei Einschränkungen"


Auch der Vorwurf, der Intendant wolle die Kompetenzen des Generalmusikdirektors beschneiden, treffe nicht zu. "Hierzu möchte ich betonen, dass der Kompetenzbereich von Herrn Puhl bislang der gültigen, vom Stadtrat beschlossenen Dienstordnung von 2004 unterliegt, die auch in der künftigen Struktur keinerlei Einschränkungen erfahren wird."
So weit ist der Inhalt des offenen Briefs keine Überraschung. Sibelius hatte ein solches Schreiben angekündigt. Natürlich war darin Widerstand zu erwarten. Doch was danach kommt, provoziert Adrenalinstöße in der gesamten Kulturszene: Sibelius bittet den Kulturdezernenten der Stadt Trier darum, das Ausschreibungsverfahren zur Besetzung der Chefdirigentenstelle zu beenden und den Vertrag von Victor Puhl als Generalmusikdirektor um zwei weitere Jahre zu verlängern - "so wie von ihm selbst und vom Orchester gewünscht".
Es war offenbar das Orchester, das Sibelius' dazu brachte, seine Haltung aufzugeben. Er erklärt es selbst: 90 Bewerber bemühen sich bisher um die Chefdirigentenstelle. "Doch das Orchester hat sich noch vor Sichtung der Bewerbungsunterlagen in einer internen Abstimmung einstimmig für die Vertragsverlängerung von Herrn Puhl ausgesprochen." Und das, obwohl "sehr renommierte Dirigentenpersönlichkeiten" zu den Bewerbern gehören.
Victor Puhl war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Das Presseamt der Stadt Trier bestätigt ein von Oberbürgermeister Wolfram Leibe initiiertes sehr intensives Gespräch aller Beteiligten am Donnerstag. Am kommenden Montag will die Verwaltung offiziell dazu Stellung nehmen, wie es jetzt weitergeht.Meinung

Die richtige Entscheidung
Wenn ich erkennen muss, dass ich nicht gewinnen kann, bleibt mir nur die ehren- und würdevolle Anerkennung meiner Niederlage. Intendant Karl Sibelius wollte am Trierer Theater keine zweite Lichtgestalt neben sich. Dabei hat er den Rückhalt, den Generalmusikdirektor Victor Puhl in Trier genießt, gewaltig unterschätzt und eine deutliche Niederlage erlitten. Sibelius beendet den Konflikt mit einer Kapitulation - aber es ist eine kluge und respektable Kapitulation. Er besitzt die Größe und Konsequenz, nicht an einer ausweglosen Lage festzuhalten und sie mit Gewalt gegen jeden Widerstand durchsetzen zu wollen. Das ist gut, denn das Zerwürfnis hatte eine gewaltige Sprengkraft, die in der sensiblen Kulturszene gewaltigen Schaden hätte anrichten können. Der Intendant wird zeigen können und müssen, dass seine Größe ihn auch in Zukunft tragen und eine starke Zusammenarbeit im Theater ermöglichen wird. Denn ein Scheinfrieden nach außen, der einen intern unvermindert weiterlaufenden Kampf verdecken soll, wäre katastrophal und inakzeptabel. j.pistorius@volksfreund.de