Triers Oberbürgermeister übt massive Kritik an Theaterintendant und Kulturdezernent - Gekündigter Schauspielchef wird wieder arbeiten

Triers Oberbürgermeister übt massive Kritik an Theaterintendant und Kulturdezernent - Gekündigter Schauspielchef wird wieder arbeiten

100.000 Euro wollte Intendant Karl Sibelius seinem Schauspielchef Ulf Frötzschner dafür zahlen, dass er nicht mehr arbeiten kommt. Eine Idee, die nicht nur Frötzschner missfiel. Triers Stadtvorstand hat sie nun abgeschmettert. Oberbürgermeister Leibe kritisiert neben Sibelius' Alleingang auch die mangelnde Kontrolle seines Kulturdezernenten.

Karl Sibelius steht vor der Türe. Der Theaterintendant wäre gerne dabei, wenn der Stadtvorstand zwei Dutzend Journalisten erklärt, was da schiefgelaufen ist und warum. Denn schiefgelaufen ist nach allem, was kurz darauf zu hören ist, am Theater in letzter Zeit viel. Doch muss der Österreicher wieder von dannen ziehen. Oberbürgermeister Wolfram Leibe will ihn nicht dabei haben.

Er wird kommende Woche mit Sibelius und seinem Führungsteam reden. Denn Leibe hat, wie er mehrfach sagt, "die Faxen dicke." "Ich möchte, dass da drüben am Theater professionell gearbeitet wird", betont er während einer Pressekonferenz im Rathaus, die sich mit dem jüngsten Aufruhr im skandalgeschüttelten Dreisparten-Haus beschäftigt.Leibe war nicht informiert

Es geht dabei nur am Rande um das enorme Minus in der Theaterkasse - jeweils 1,3 Millionen Euro für 2015 und 2016, es geht nur am Rande um den eklatanten Einbruch der Besucher- und Abozahlen (siehe Extra) und nur am Rande um all die Personalquerelen, Klagen und abgesagten Aufführungen der ersten Spielzeit unter Intendant Karl Sibelius. Im Zentrum des Interesses steht ein aktuelles Verfahren vor dem Bühnenschiedsgericht in Frankfurt: Schauspielchef Ulf Frötzschner hat sich dort erfolgreich gegen seine fristlose Kündigung gewehrt. Das Schiedsgericht hat sich einstimmig hinter ihn gestellt (der TV berichtete). Ein Verfahren, das zeigt, dass Theater und Stadtverwaltung Fehler gemacht haben.

Der erste Fehler war demnach, Frötzschner überhaupt fristlos zu entlassen. "Die rechtliche Einschätzung war offensichtlich nicht so eindeutig wie prognostiziert", sagt Leibe. Die Stadt hatte den Eklat um das geplante Stück "Die rote Wand", dessen Ausgangspunkt der Tod von Tanja Gräff sein sollte, genutzt, um den Spartenleiter vor rund drei Monaten rauszuschmeißen. Das Gericht ist jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Frötzschner der vorgeworfene Vertrauensbruch nicht nachzuweisen sei.

Viel mehr zu ärgern scheint Leibe jedoch das Verhalten von Karl Sibelius und Kulturdezernent Thomas Egger. Sibelius war für die Stadt zur Verhandlung nach Frankfurt gereist. Obwohl ihm im Juli die Verantwortung für alles Finanzielle entzogen worden war, hat er Frötzschner dort unter Vorbehalt ein Vergleichsangebot unterbreitet, das erhebliche finanzielle Folgen für Trier hätte: Da Sibelius keine Basis mehr für eine Zusammenarbeit mit Frötzschner sah, bot er diesem 100 000 Euro Abfindung, wenn er nicht wieder arbeiten komme.

Frötzschner hingegen hatte vorgeschlagen, in der Spielzeit 2016/2017 zurückzukehren, sein normales Gehalt zu beziehen und das Haus erst in der darauffolgenden Spielzeit mit einer Abfindung in Höhe von 50 000 Euro zu verlassen. Leibe wirft Sibelius diesen Alleingang vor. "Das Stop-Schild war aufgestellt, und es wurde missachtet", sagt der Oberbürgermeister. Sibelius hingegen betont, er sei zu Gericht geladen gewesen und habe das Angebot nur unter Widerruf gemacht.

Der Vorwurf Leibes an Egger lautet, er habe seine Kontrollfunktion nicht wahrgenommen. Bis - voraussichtlich im Oktober - ein neuer Verwaltungsdirektor eingestellt wird, ist der Kulturdezernent dafür verantwortlich, dass die Theaterfinanzen keinen noch größeren Schaden erleiden. "Bei mir sind die Warnlampen nicht angegangen", sagt Egger. Erst am Morgen der Güteverhandlung habe Sibelius ihn über den Termin informiert, an dem der Kulturdezernent dann nicht teilnahm. Auch die Kommunikation im Rathaus funktionierte nicht. OB Leibe hat, wie er selbst sagt, gar nicht auf offiziellem Weg, sondern erst durch den Anruf eines Bekannten von der Schiedsgerichtsverhandlung erfahren.

Von Sibelius' Idee, Frötzschner fürs Nichtstun zu bezahlen, hält der Stadtvorstand nichts. Er wird dem Schiedsgericht mitteilen, dass er Frötzschners Vorschlag annehmen möchte. Dieser ist darüber bereits informiert und wird an den Augustinerhof zurückkehren, sobald die Widerrufsfrist am 23. September endet. Die Stadt werde ihn ansprechen, und dann müsse man reden, sagt Frötzschner. Natürlich gehe es nicht so, als wäre nichts gewesen.

Der Schauspielchef ist nach drei schweren Monaten sauer darüber, wie Sibelius ihn behandelt hat. Sibelius wiederum sagte kürzlich, das Vertrauen zwischen ihm und Frötzschner sei zerstört. Schon lange vor dem Ärger um "Die rote Wand" hatten die beiden so große Probleme, dass ein Mediator eingeschaltet wurde. Wie gut ist da jetzt die Aussicht auf eine konstruktive Zusammenarbeit?

Laut Egger ist Sibelius inzwischen mit der Rückkehr Frötzschners einverstanden. Dies sei aber auch "seine professionelle Pflicht", betont der Dezernent und kündigt an, dass bei Bedarf erneut ein Mediator eingeschaltet werde, um die Wogen zwischen Sibelius und Frötzschner zu glätten.

Es ist nicht das erste Mal, dass es im Führungsteam des Theaters kracht. Viele von denen, die Sibelius 2015 als Teammitglieder präsentierte, haben das Haus inzwischen verlassen. Drei Klageverfahren hat es im vergangenen Jahr gegeben. Insgesamt 28 000 Euro an Abfindungen wurden gezahlt. Weitere Forderungen stehen im Raum.
Und während ein Eklat den nächsten jagt, interessieren sich immer weniger Menschen für das Theater, das auf der Bühne stattfindet (siehe Extra).Meinung

Da funktioniert gar nichtsEs ist traurig, was am Theater passiert. Denn es spielt all jenen in die Hand, die eine Schließung des Hauses fordern. Da funktioniert - mit Ausnahme der Kunst - derzeit gar nichts. Der Intendant hat offenbar den Bezug zur finanziellen Realität seines Hauses verloren, das zuletzt 1,3 Millionen Euro Miese machte. Genau einen Tag, nachdem der Bund der Steuerzahler fordert, das Theater zu schließen, weil Trier sich diesen Luxus nicht leisten könne, bietet Sibelius seinem zu Unrecht gefeuerten Schauspielchef 100.000 Euro dafür, dass er nicht arbeitet. Hallo?! Viel zu oft hat das Theater Geld gezahlt für Leistungen, die nie erbracht wurden. Beim abgesagten Spektakel Nero-Hero waren es satte 130.000 Euro! Das ist Misswirtschaft in Reinform. Thomas Egger hat als Kulturdezernent versagt. Viel zu spät hat er auf die Schieflage des Hauses reagiert, hat alles laufen lassen und Sibelius freie Hand gegeben - selbst noch, als es seine Aufgabe gewesen wäre, einzuschreiten. Die Besucherzahlen sind stark gesunken, die Abozahlen im freien Fall, die Anstalt öffentlichen Rechts ist noch immer nicht gegründet, die finanziellen Aussichten sind miserabel - dabei steht eine teure Sanierung an. Auf dem künftigen Verwaltungsdirektor lastet schon jetzt eine riesige Last. Alleine kann er das nicht schaffen. Trier braucht dieses Theater. Und dieses Theater braucht Ruhe. k.demos@volksfreund.deExtra

Die Zahl der Besucher und Abonnenten des Trierer Theaters ist stark gesunken. Unter Intendant Gerhard Weber kamen in der Spielzeit 2014/2015 noch 97 849 Besucher. Das entspricht einer Auslastung von 69,2 Prozent der Sitzplätze. Unter Karl Sibelius kamen in der Saison 2015/2016 nur noch 79 452 Besucher (Auslastung 65,6 Prozent). Unter Weber gab es noch 1971 Abonnenten. In Sibelius' erster Saison ist die Zahl auf 1816 gesunken. Für die nun startende Spielzeit sind es lediglich noch 1296 Abos. Ein Minus von 34 Prozent. Mos

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