Triumph mit Debussy

Ob das 1. Sinfoniekonzert gelingen würde, blieb vor der Pause offen. Aber mit einer überzeugenden Debussy-Interpretation machten Victor Puhl und das Philharmonische Orchester Trier im Theater alle Skepsis gegenstandslos.

Trier. Der zweite Teil - und alle Probleme, alle Halbheiten waren fürs Erste vergessen. Vor der Pause noch war das 1. Sinfoniekonzert im Trierer Theater allzu selten über solide Routine hinausgekommen. Die einleitende "Cellini"-Ouvertüre von Berlioz lief lärmend und pauschal ab. Und Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert KV 271: Ja, François Dumont gab dem frühen Einstieg des Klaviers die nötige Markanz mit und bestach in den Läufen mit einem echt mozartischen, perlenden non legato. Aber noch dringt der 24-jährige Solist nicht immer zu den betörenden Gefühls-Schattierungen vor, die Mozarts Klavierkonzerte so einzigartig machen. In der Mitte des Finales beispielsweise, dessen Eckteilen Dumont übrigens alle notwendige Energie verlieh - in diesem völlig überraschend eingefügten Menuett verfehlte er vollständig die höfische Eleganz mit ihrem sacht ironischen Unterton. Das Orchester zudem muss sein Verhältnis zu Mozart noch klären. Die Streicher, vor allem die Violinen, fanden nicht den leichten, hellen, echt mozartischen Ton. Und der Klang von Oboen und Hörnern zerfaserte in der Akustik des Trierer Theaters.

Ganz anders nach der Pause. Da erreichten das Philharmonische Orchester Trier und sein Generalmusikdirektor Victor Puhl ein Interpretations-Niveau, das bei den Zuhörern atemlose Spannung bewirkte und am Ende laute Bravorufe auslöste. Schon im "Miserere", das Christian Jost im Jahr 2006 für das SWR-Rundfunk orchester schrieb - schon in dieser Komposition über das "Qui tollis" aus Mozarts c-Moll-Messe war der Tonfall der Interpreten neu. Trotz der planvoll kleinen Mozart-Besetzung entfaltete das Orchester einen Klang von erstaunlicher Dichte und Fülle. Und Victor Puhl leitete nicht nur, sondern zeichnete die Ausdruck-Kurven dieser Musik nach und erspürte die subtilen Mozart-Bezüge, die sich bei Jost nie zum einfallslosen Zitat verfestigen. Über welch sicheres Stilgefühl, welche intime Kenntnis der Vorlage und welche Souveränität in der Orchesterbehandlung muss ein Komponist verfügen, damit solche "Musik über Musik" nicht geschickte Paraphrase bleibt, sondern zur eigenständigen, neu formulierten Mozart-Reverenz wird!

"Spiel der Wellen": ein Glanzstück



Und dann Debussys sinfonische Skizzen "La Mer". Vom ersten Takt an breiteten Puhl und die Philharmoniker die Farben- und Formenvielfalt dieser bedeutenden Komposition wirkungsvoll aus. Sie durchleuchten das Stimmengewebe und balancieren die Klangmischungen aus (etwa Englischhorn und gedämpfte Trompete in der Einleitung). Sie versenken sich in die Details und entwickeln doch bruchlos die großen Steigerungen im ersten und dritten Satz mit ihrer gelassenen Heroik. Der zweite Satz "Spiel der Wellen" wird zum interpretativen Glanzstück - ein ständiger Wechsel akustischer Schwerpunkte, eine Vielzahl von sorgfältig ausformulierten Motiven, die sich verbinden zu einem wunderbar offenen, sich ständig neu formenden Klangbild. Denn eins wird an diesem Abend ganz klar: "La Mer" ist weder tönende Illustration noch eine Farbenmusik, die nur auf Effekt zielt. Wer die Valeurs dieser Partitur leuchten lassen will, muss die Struktur erarbeiten. Die reizvolle Außenseite der Komposition ergibt sich aus ihrer wunderbaren, an Wagner geschulten Orchesterpolyphonie. Die brachten sie zum Klingen, der Dirigent und sein Orchester. Eindrucksvoll, wirklich eindrucksvoll!